Podcast Nr. 82: Die Lebensmittelbank in Temeswar mit  P. István Barazsuly SDS und Hanna Csaszar
23. September 2026

„Wir sind zu arm, um billig einzukaufen“: Die Lebensmittelbank in Temeswar

Anlässlich des Internationalen Tags gegen Lebensmittelverschwendung am 29. September: Seit 2020 rettet die Lebensmittelbank in Temeswar Lebensmittel vor dem Müll und bringt sie zu Menschen, die sie brauchen. Mitbegründer P. István Barazsuly, Salvatorianer in Temeswar, und Geschäftsführerin Hanna Csaszar erzählen in der aktuellen Folge von „Orden on Air“, wie aus einer Idee in Pandemiezeiten eine Organisation wurde, die bisher 3.500 Tonnen Lebensmittel weitergegeben hat.

 

 

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Es beginnt mit einem Lkw voller Schulmilch. Die Schulen sind im Frühjahr 2020 geschlossen, die Milch braucht schnell eine neue Verwendung. Hanna Csaszar und ihr Team bringen sie in Altersheime und Kinderheime. Es ist einer der ersten Einsätze der gerade gegründeten Lebensmittelbank in Temeswar, und er zeigt bereits, worum es geht: Lebensmittel, die niemand mehr braucht, mit Menschen zusammenzubringen, die sie dringend brauchen.

 

Eine Idee zur richtigen Zeit

Die Initiative geht auf Gabriel Sescu zurück, der das Konzept der Lebensmittelbanken in Rumänien gestartet hatte und zwei Jahre lang immer wieder bei Hanna Csaszar nachfragte, ob sie nicht auch in Temeswar eine aufbauen wolle. Mit der Pandemie wurde die Not sichtbar, und Csaszar griff zum Telefon. „Wir wollten nicht einfach zu Hause bleiben und abwarten, sondern etwas tun.“

 

P. István Barazsuly SDS

P. István Barazsuly SDS: "Wir wollten nicht herum sitzen und abwarten. Da waren Mensvhen in Not. Sie hungerten, und wir haben dafür gesorgt, dass sie von uns mit Lebensmitteln versorgt werden." © ÖOK/manou nitsch

 

Zu den Mitgründern zählt auch der Salvatorianer P. István Barazsuly aus dem Kolleg und Pfarre Elisabethstadt in Temeswar, das zur österreichischen Provinz gehört. In seinem Kloster gab es zuvor eine Suppenküche, in der er schon als 15-Jähriger als Freiwilliger Suppe ausgeteilt hatte. Mit der Pandemie war damit Schluss. Als Csaszar und Sescu in seinem Pfarrbüro standen und ihn um Mitarbeit baten, sah er darin eine neue Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass Menschen etwas zu essen bekommen. „Es war eine gute und moderne Möglichkeit, Lebensmittel direkt zu den Familien zu bringen.“

 

Vom Supermarkt auf den Teller

Heute beschäftigt die Lebensmittelbank sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und versorgt die gesamte Westregion rund um Temeswar. Der Ablauf ist meist derselbe: Ein Unternehmen ruft an oder schreibt eine E-Mail und meldet, welche Lebensmittel abgeholt werden können. Dann organisiert das Team den Transport, entweder mit eigenen Fahrzeugen oder über Vereine aus dem Netzwerk.

An Privatpersonen gibt die Lebensmittelbank nichts direkt weiter. Sie arbeitet mit sozialen Einrichtungen und Vereinen zusammen, die die Menschen vor Ort kennen. Das hat auch praktische Gründe: Rund 90 Prozent der Waren sind Frischwaren, vor allem Obst und Gemüse, oft kurz vor dem Ablaufdatum. Partner, die selbst kochen, können sie sofort verarbeiten.

 

Hanna Csaszar

Hanna Csaszar: "Unser zweites großes Ziel: Aufklärungsarbeit, wie wertvoll Lebensmittel sind. Wir gehen in Schulen, veranstaltet Workshops für Unternehmen und laden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, selbst bei Sammlungen mitzuhelfen." © ÖOK/manou nitsch

 

Die Dimension des Problems ist enorm. In Rumänien landen laut Csaszar jeden Tag rund 6.000 Tonnen Lebensmittel im Müll. „Wir sind eigentlich kein reiches Land, und trotzdem“, sagt Barazsuly, der die Zahl noch immer schockierend findet. Seit der Gründung konnte die Lebensmittelbank in Temeswar 3.500 Tonnen retten.

 

Not hat keine Religion

Auf die Frage, ob die Lebensmittelbank soziale Arbeit oder gelebtes Evangelium sei, antwortet Barazsuly: beides. Zugleich legt er Wert auf eine klare Unterscheidung. In der Lebensmittelbank ist er nicht als Vertreter der Kirche oder seines Ordens tätig, sondern als Privatperson und Mitbegründer. „Die Lebensmittelbank ist keine kirchliche oder religiöse Organisation. Not hat keine Religion.“ Wer Unterstützung braucht, soll sie bekommen, unabhängig von seiner Konfession.

Trennen lässt sich das für ihn trotzdem nicht ganz. „Wenn ich mit dem Motorrad fahre, bin ich auch Seelsorger“, sagt er. Ohne sein Ordensleben hätte er das Engagement wahrscheinlich gar nicht übernommen. Und die Salvatorianer haben die Lebensmittelbank von Beginn an unterstützt, unter anderem bei der Anschaffung der ersten Fahrzeuge.

 

Freiwillige als Rückgrat

Ohne Freiwillige, sagen beide, gäbe es die Lebensmittelbank nicht. Am Anfang gab es kein Auto, kein Büro und kein Lager. Als mit dem Krieg viele Geflüchtete nach Temeswar kamen, rief Csaszar Freunde und Unterstützer an: Kannst du Brot spenden? Wenn nicht, dann komm und hilf uns bei der Verteilung oder beim kochen. Bei den Lebensmittelsammlungen in Supermärkten zeigt sich der Unterschied bis heute: Wo Freiwillige den Kundinnen und Kunden erklären, was mit den Spenden geschieht, kommt wesentlich mehr zusammen.

Neben der Lebensmittelrettung ist Bewusstseinsbildung das zweite große Ziel. Das Team geht in Schulen, veranstaltet Workshops für Unternehmen und lädt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, selbst bei Sammlungen mitzuhelfen.

Das stellt nicht nur die Betroffenen selbst vor enorme Herausforderungen. Es verändert auch die Vorstellung davon, was Helfen eigentlich bedeutet.

 

Hanna Csaszar und P. István Barazsuly SDS im Gespräch mit Robert Sonnleitner

Hanna Csaszar und P. István Barazsuly im Gespräch: "Seit der Gründung der Lebensmittelbank konnten wir 3.500 Tonnen Lebensmittel retten." © ÖOK/manou nitsch

 

Qualität statt Schnäppchen

Eine Lektion aus den Anfangsjahren bringt Csaszar auf einen Satz: „Wir sind zu arm, um billig zu kaufen.“ Die Fahrzeuge sind ständig im Einsatz. Muss eines ständig repariert werden, geht wertvolle Zeit verloren. Deshalb investiert die Lebensmittelbank lieber in zuverlässige Autos, auch wenn das teurer ist. Finanziert wird das über Fundraising-Aktionen und private Spenden. „Mit zehn Euro können wir zehn Menschen mit Lebensmitteln versorgen.“

Von der Politik wünscht sich Csaszar vor allem weniger Bürokratie und konkrete Unterstützung. Die gesetzlichen Grundlagen seien vorhanden, in der Praxis fehle es aber an Rückhalt. Ihr Traum für die kommenden Jahre: ein eigener Ort, an dem Büro, Lager und Kühlräume zusammenkommen. Und dass die Menschen in Temeswar, wenn man sie auf der Straße fragt, wissen, wofür die Lebensmittelbank steht.

Den Satz „Eine gerechte Gesellschaft beginnt dort, wo …“ vervollständigt Hanna Csaszar so: „… wo jemand auf die Not eines anderen Menschen reagiert. Wo wir sehen, dass jemand wirklich Hilfe braucht, und nicht wegschauen.“

 

„Orden on air“ – der Podcast der Ordensgemeinschaften Österreich

Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich hat im März 2022 den Podcast „Orden on air“ ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: Ordensfrauen und -männer kommen vor den Vorhang – und vor das Mikrofon. Ziel ist es, Persönlichkeiten vorzustellen, Einblicke in das Leben von Ordensgemeinschaften zu geben und das Engagement von Ordensleuten in vielfältigen Bereichen sichtbar zu machen. Der Podcast ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt, sowie auf www.ordensgemeinschaften.at.

 


 

Weiterlesen:

Salvatorianer

Banca Regională pentru Alimente Timișoara (Regionale Lebensmittelbank Temeswar)

 

[robert sonnleitner]