Stift Klosterneuburg: KI entschlüsselt mittelalterliche Buchkunst

Das Forschungsprojekt PeuAFleu im Stift Klosterneuburg nützt künstliche Intelligenz, um mittelalterliche Buchkunst zu entschlüsseln. (c) Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg
Das Stift Klosterneuburg ist seit mehr als 900 Jahren ein bedeutendes religiöses und kulturelles Zentrum. Besonders in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden zahlreiche hochwertige Kunstwerke, darunter Tafelbilder, Glasfenster, Goldschmiedearbeiten und aufwendig gestaltete Handschriften.
Verzierungen geben Hinweise
Das Forschungsprojekt PeuAFleu geht der Frage nach, ob sich diese künstlerische Blütezeit auch in den Verzierungen der Handschriften widerspiegelt. Diese mit der Feder ausgeführten sogenannten Fleuronnée-Verzierungen bestehen häufig aus stilisierten Blättern und Blüten, können aber ebenso geometrische Formen, Tiere, menschliche Figuren oder fantasievolle Mischwesen enthalten. Besonders häufig kommen rote und blaue Ornamente vor, daneben wurden unter anderem Violett, Grün und Gold verwendet. Ihre Formen, Farben und gestalterischen Besonderheiten können Hinweise auf die Entstehungszeit, die Herkunft und möglicherweise sogar auf die ausführende Person – den sogenannten Florator – geben.
Untersucht wird außerdem, ob sich anhand der Ornamente Verbindungen zu bedeutenden Zentren der damaligen Handschriftenproduktion sowie zu anderen mittelalterlichen Klöstern nachweisen lassen. Aufgrund der großen Zahl an Handschriften und Verzierungen wäre eine vollständige Untersuchung mit klassischen kunsthistorischen Methoden jedoch äußerst zeitaufwendig.
Projekt vereint unterschiedliche Disziplinen
Unter der Leitung von Martin Haltrich, Leiter der Forschungsstelle für Kulturwissenschaftliche Studien (FoKuS) des Stiftes Klosterneuburg, bringt das Projekt unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen zusammen, um kunsthistorisches Fachwissen mit computergestützten Verfahren zur Erkennung und zum Vergleich visueller Muster zu verbinden. Der Kunsthistoriker Max Theisen untersucht die Ornamente aus historischer und stilkritischer Perspektive. Er beschäftigt sich unter anderem mit ihrer zeitlichen Einordnung, ihren charakteristischen Formen und möglichen Verbindungen zwischen Handschriften, Werkstätten und klösterlichen Sammlungen.
Florian Kibler entwickelt im Bereich Computer Vision, Machine Learning und künstliche Intelligenz Methoden, mit denen die digitalisierten Handschriften automatisiert analysiert werden können. Die Zusammenarbeit ermöglicht es, historische Fragestellungen mit modernen Verfahren der Bildanalyse zu bearbeiten und große Bestände mittelalterlicher Handschriften systematisch auszuwerten.

Rote und blaue Ornamente kommen in sogenannten Fleuronnée-Verzierungen besonders häufig vor. (c) Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg
Algorithmen erkennen Fleuronnée
So werden im technischen Teil des Projekts Algorithmen entwickelt, die Fleuronnée in digitalisierten Handschriften erkennen, von ihrer Umgebung abgrenzen und anschließend miteinander vergleichen können. Ähnlichkeitsanalysen sollen zeigen, welche Ornamente gemeinsame stilistische Merkmale aufweisen und möglicherweise von derselben Person, derselben Werkstatt oder innerhalb eines gemeinsamen kulturellen Umfelds geschaffen wurden.
Dabei steht das Projekt vor einer besonderen Herausforderung: Für die stilbasierte Klassifikation von Fleuronnée gibt es bisher keine fertigen Standardverfahren. Die Forschenden erproben deshalb unterschiedliche Ansätze der visuellen Erkennung, Segmentierung, Klassifikation und Urheberidentifikation. Diese werden schrittweise an die historischen Quellen angepasst und in einem kontinuierlich weiterentwickelt.
Kein Ersatz von kunsthistorischer Forschung
Die KI soll die kunsthistorische Forschung dabei nicht ersetzen. Vielmehr dient sie als Werkzeug, um große Bildbestände systematisch zu durchsuchen, wiederkehrende Strukturen sichtbar zu machen und besonders interessante Vergleichsfälle für eine genauere fachliche Untersuchung vorzuschlagen.
Durch die Verbindung von historischen Quellen und visuellen Analysen möchte das Projekt nachvollziehen, wie Bücher im Mittelalter hergestellt, erworben und innerhalb klösterlicher Netzwerke weitergegeben wurden. Dabei wird untersucht, wie sich Stile im Laufe der Zeit entwickelten und welche Beziehungen zwischen lokaler Produktion und zugekauften Handschriften bestanden.
Erste wissenschaftliche Arbeiten aus dem Projekt beschäftigen sich bereits mit transparenten Verfahren zur Ähnlichkeitsschätzung dieser Ornamentik. Dabei werden nicht nur vollständige Ornamente miteinander verglichen. Das System soll auch sichtbar machen, welche lokalen Formen und Muster für eine festgestellte Ähnlichkeit ausschlaggebend sind.
Methoden für weitere Sammlungen
Die Ergebnisse von PeuAFleu sollen schließlich über die Untersuchung der Klosterneuburger Handschriften hinausreichen. Die entwickelten Methoden könnten künftig auch auf andere Sammlungen mittelalterlicher Handschriften angewendet werden.
Das Projekt läuft seit März 2023 und noch bis Februar 2027 und wird gemeinsam mit dem Stift Klosterneuburg und der Forschungsgruppe Media Computing der University of Applied Sciences St. Pölten durchgeführt. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des niederösterreichischen Förderprogramms „FTI-Projekte Grundlagenforschung“.
Quelle: Helene Kratky