Stift Klosterneuburg: KI entschlüsselt mittelalterliche Buchkunst

Das Forschungsprojekt PeuAFleu im Stift Klosterneuburg nützt künstliche Intelligenz um mittelalterliche Buchkunst zu entschlüsseln. (c) Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg
Eine künstlerische Blütezeit im Stift Klosterneuburg
Seit mehr als 900 Jahren ist das Stift Klosterneuburg ein bedeutendes religiöses und kulturelles Zentrum. Eine besonders produktive Phase erlebte es in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts während der Amtszeit von Propst Stephan von Sierndorf. In dieser Zeit entstanden zahlreiche hochwertige Kunstwerke, darunter Tafelbilder, Glasfenster, Goldschmiedearbeiten und aufwendig gestaltete Handschriften.
Das Forschungsprojekt PeuAFleu geht der Frage nach, ob sich diese künstlerische Blütezeit auch in den Verzierungen der Handschriften widerspiegelt. Untersucht wird außerdem, ob sich anhand der Ornamente Verbindungen zu bedeutenden Zentren der damaligen Handschriftenproduktion sowie zu anderen mittelalterlichen Klöstern nachweisen lassen.
Was ist Fleuronnée?
Als Fleuronnée werden mit der Feder ausgeführte Verzierungen in mittelalterlichen Handschriften bezeichnet. Sie bestehen häufig aus stilisierten Blättern und Blüten, können aber ebenso geometrische Formen, Tiere, menschliche Figuren oder fantasievolle Mischwesen enthalten. Besonders häufig kommen rote und blaue Ornamente vor, daneben wurden unter anderem Violett, Grün und Gold verwendet.
Die Ornamente sind jedoch nicht nur wegen ihres ansprechenden Erscheinungsbildes interessant. Ihre Formen, Farben und gestalterischen Besonderheiten können Hinweise auf die Entstehungszeit, die Herkunft und möglicherweise sogar auf die ausführende Person – den sogenannten Florator – geben. Aufgrund der großen Zahl an Handschriften und Verzierungen wäre eine vollständige Untersuchung mit klassischen kunsthistorischen Methoden jedoch äußerst zeitaufwendig.
Kunstgeschichte und künstliche Intelligenz arbeiten zusammen
PeuAFleu ist eine Kooperation der Forschungsstelle für Kulturwissenschaftliche Studien (FoKus) Stift Klosterneuburg und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten (USTP). Unter der Leitung von Martin Haltrich (Stift Klosterneuburg) sowie Markus Seidl (USTP) bringt das Projekt unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen zusammen, um kunsthistorisches Fachwissen mit computergestützten Verfahren zur Erkennung und zum Vergleich visueller Muster zu verbinden. Der Kunsthistoriker Max Theisen (Stift Klosterneuburg) untersucht die Ornamente aus historischer uns stilkritischer Perspektive. Er beschäftigt sich unter anderem mit der zeitlichen Einordnung, ihren charakteristischen Formen und möglichen Verbindungen zwischen Handschriften, Werkstätten und klösterlichen Sammlungen. Florian Kibler (USTP und Stift Klosterneuburg) entwickelt in den Bereichen Computer Vision, Machine Learning und künstliche Intelligenz Methoden, mit denen die digitalisierten Handschriften automatische analysiert werden können. Die Zusammenarbeit ermöglicht es, historische Fragestellungen mit modernen Verfahren der Bildanalyse zu bearbeiten und große Bestände mittelalterlichen Handschriften systematisch auszuwerten.

Rote und blaue Ornamente kommen in sogenannten Fleuronnée-Verzierungen besonders häufig vor. (c) Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg
Den gesamten Bestand systematisch untersuchen
Im technischen Teil des Projekts werden Algorithmen entwickelt, die Fleuronée in digitalisierten Handschriften erkennen, von ihrer Umgebung abgrenzen und anschließend miteinander vergleichen können. Ähnlichkeitsanalysen sollen zeigen, welche Ornamente gemeinsam stilkritische Merkmale aufweisen und möglicherweise von derselben Person, derselben Werkstatt oder innerhalb eines gemeinsamen kulturellen Umfelds geschaffen wurden.
Dabei steht das Projekt vor einer besonderen Herausforderung: Für die stilbasierte Klassifikation von Fleuronnée gibt es bisher keine fertigen Standardverfahren. Die Forschenden erproben deshalb unterschiedliche Ansätze der visuellen Erkennung, Segmentierung, Klassifikation und Urheberidentifikation. Diese werden schrittweise an die historischen Quellen angepasst und in einem iterativen Prozess weiterentwickelt.
Die künstliche Intelligenz soll die kunsthistorische Forschung dabei nicht ersetzen. Vielmehr dient sie als Werkzeug, um große Bildbestände systematisch zu durchsuchen, wiederkehrende Strukturen sichtbar zu machen und besonders interessante Vergleichsfälle für eine genauere fachliche Untersuchung vorzuschlagen.
Neue Einblicke in Buchproduktion und Wissenstransfer
Durch die Verbindung von historischen Quellen und visuellen Analysen möchte das Projekt nachvollziehen, wie Bücher im Mittelalter hergestellt, erworben und innerhalb klösterlicher Netzwerke weitergegeben wurden. Dabei wird untersucht, wie sich Stile im Laufe der Zeit entwickelten und welche Beziehungen zwischen lokaler Produktion und zugekauften Handschriften bestanden.
Erste wissenschaftliche Arbeiten aus dem Projekt beschäftigen sich bereits mit transparenten Verfahren zur Ähnlichkeitsschätzung dieser Ornamentik. Dabei werden nicht nur vollständige Ornamente miteinander verglichen. Das System soll auch sichtbar machen, welche lokalen Formen und Muster für eine festgestellte Ähnlichkeit ausschlaggebend sind.
Methoden für weitere historische Sammlungen
Die Ergebnisse von PeuAFleu sollen schließlich über die Untersuchung der Klosterneuburger Handschriften hinausreichen. Die entwickelten Methoden könnten künftig auch auf andere Sammlungen mittelalterlicher Handschriften angewendet werden. Auf diese Weise eröffnet das Projekt neue Möglichkeiten, bislang nur scher erkennbare Verbindungen zwischen Büchern, Künstlern, Werkstätten und historischen Institutionen sichtbar zu machen.
Das Projekt läuft seit März 2023 und bis Februar 2027. Gefördert wird das Vorhaben im Rahmen des niederösterreichischen Förderprogramms „FTI-Projekte Grundlagenforschung“.
Quelle: Helene Kratky