Gegensätze in Beziehung bringen

Die Kunst von Br. Thomas Hessler wird durch sein Leben als Benediktiner geprägt. © DOK TV
Wie ein roter Faden zieht sich die Kunst durch das Leben von Br. Thomas Hessler. Schon in der Volksschule fiel seiner Lehrerin sein künstlerisches Talent auf, das gefördert werden sollte. Privatunterricht war jedoch schwierig zu realisieren – Br. Thomas wuchs nicht in einer Großstadt, sondern in Edlitz, in der Buckligen Welt, auf.
Der Zufall wollte es aber, dass genau zu dieser Zeit – im Jahr 1978 – viele polnische Flüchtlinge in seinen Heimatort kamen. Einer von ihnen war akademischer Maler. Ihn fragte Br. Thomas‘ Mutter nach Unterricht für ihren Sohn. Die erste Stunde ist dem heutigen Benediktiner noch genau in Erinnerung. „Er hat mir in der ersten Stunde ein weißes und ein schwarzes Blatt Papier und eine Schere in die Hand gedrückt“, sagt Br. Thomas. Auf den Protest des damals Zehnjährigen, dass er nicht basteln lernen wollte, sondern malen, entgegnete sein Lehrer, dass das die grundlegende Übung ist: „Es ist immer die Kunst, die Gegensätze in Beziehung zu bringen.“
Ein Jahr lang kam der Lehrer einmal pro Woche und brachte seinem Schüler die Grundlagen des Malens bei. Als der Pole schließlich nach Südafrika auswanderte, schenkte er ihm seine Malutensilien. Einiges davon hat Br. Thomas auch heute noch – beinahe 50 Jahre später: „Das ist berührend, wie er mir damals ganz viel zugetraut hat.“

Einer der Lieblingsräume von Br. Thomas Hessler: die Chorkapelle der Benediktinerinnenabtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee. © Europakloster Gut Aich/Susanne Windischbauer
Die Kunst zog sich auch weiterhin durch das Leben von Br. Thomas. So finanzierte er sich beispielsweise sein Theologiestudium mit seiner Kunst. Heute ist er Prior des Europaklosters Gut Aich bei St. Gilgen, das er 1993 mitgegründet hat. Seit 1996 hat er dort ein Kunstatelier, seit 2011 leitet er die Kunstwerkstätten.
„Zwei Seiten einer Medaille“
Für den Benediktiner hängen Spiritualität und Kunst zusammen: „Kunst und Spiritualität sind zwei Seiten einer Medaille. Ich glaube, dass ich, wenn ich künstlerisch arbeite, sehr spirituell unterwegs bin. Und wenn ich wirklich spirituell lebe, auch ein sehr kreativer, künstlerischer Mensch bin.“ Auch seine Ideen sind aus seinem spirituellen Alltag genährt. „Ein Kloster ist natürlich ein guter Ort dafür, weil du durch die Meditationspraxis, durch die Achtsamkeitspraxis immer wieder, wie Rilke sagt, den Weltinnenraum betrittst. Da gibt es schon viele Erkenntnisquellen, aus denen du schöpfen kannst. Das ist eigentlich ein spiritueller Prozess, der sich dann auch in der Kunst ausdrückt“, erklärt Br. Thomas.
Doch nicht nur die Spiritualität im Allgemeinen, sondern auch sein Leben als Benediktiner prägen seine Kunst. „Das beginnt eigentlich schon in der Früh beim Aufstehen. Wenn ich monastisch lebe, versuche ich ja, in ein Bewusstsein zu kommen, wo ich ganz präsent bin – wenn ich in der Früh meine Füße auf den Boden stelle oder wenn ich bewusst den Wasserhahn aufdrehe und einen Schluck Wasser nehme, in Dankbarkeit für diese Kostbarkeit des Wassers.“
„Sicher einer meiner Lieblingsräume“
So entstehen Werke wie die Chorkapelle der Benediktinerinnenabtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee. Br. Thomas und sein Team gestalteten die Kapelle vor einigen Jahren neu – als Leitfaden dafür diente der Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1) Es entstand ein heller, lichtdurchfluteter Raum mit viel Holz, Glas und Metall. „Wenn die Sonne am Chiemsee untergeht, durchflutet sie den Raum, und das brennt fast. Das ist unglaublich beeindruckend und ist sicher einer meiner Lieblingsräume geworden.“
Momentan ist die Zeit, die Br. Thomas selbst im Atelier verbringt, allerdings knapp bemessen. Im September 2024 wurde er zum Prior des Europaklosters gewählt, davor leitete er es als Administrator bereits drei Jahre lang interimistisch. Durch den laufenden Zukunftsprozess des Klosters mit dazugehörigen Sitzungen, Behördengängen und so weiter bleibt für die Kunst wenig Zeit. „Ich will es nicht ganz aufgeben, weil es irgendwie schon zu meinem Mönchsein dazugehört, diese Kreativität zu leben. Wenn ich das nicht mehr habe, dann fehlt mir etwas“, sagt er. Zuversicht schöpft er aber aus seinem Team in den Kunstwerkstätten des Klosters: vier Goldschmiede und eine junge Künstlerin übernehmen immer mehr Verantwortung. Nach dem Ende seiner Leitungsaufgaben im Jahr 2036 will Br. Thomas auch selbst wieder mehr Zeit für seine Kunst haben.
Seit rund 30 Jahren finden im Europakloster Gut Aich regelmäßig Familiengottesdienste mit anschließendem Kasperltheater statt. © Europakloster Gut Aich
Wenn der Kasperl vom Glauben erzählt
Dass im Europakloster die Verbindung von Kunst und Spiritualität einen hohen Stellenwert hat, zeigt sich nicht nur in den Kunstwerkstätten, sondern auch in einem Angebot für Kinder. Seit rund 30 Jahren finden regelmäßig Familiengottesdienste mit anschließendem Kasperltheater statt. „Es ist für uns ganz wichtig, dass wir als Männer auch für die Kinder da sind, weil das auch so eine Glaubwürdigkeit unserer Spiritualität ausmacht“, erklärt Br. Thomas. Für ihn kommt es dabei darauf an, die Inhalte des Evangeliums kindgerecht zu vermitteln. Der Erfolg gibt den Benediktinern recht: Nicht selten kommen bis zu 100 Kinder zum Kasperltheater.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 2/2026 der OrdensNachrichten (ON).