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05. Juni 2026

Schicht für Schicht zum Strahlen gelangen

Sr. Rafaela Kolodziejak ist Benediktinerin der Anbetung und hat eine besondere Leidenschaft: In tagelanger Detailarbeit schreibt sie im Atelier ihres Klosters Ikonen. Im Gespräch mit den OrdensNachrichten erzählt sie, über welche Umwege sie zum Ikonenschreiben gekommen ist, und erklärt, dass es dabei um viel mehr als um eine künstlerische Tätigkeit geht.

Sr. Rafaela Kolodziejak

Strahlende Persönlichkeit: Sr. Rafaela Kolodziejak vor einer Tafel, die verdeutlicht, wie beim Malen einer Ikone alles vom Dunkeln zum Licht kommt. © ÖOK/ml

 

Zu Beginn unseres Gesprächs werde ich von Sr. Rafaela gefragt, ob ich einen Lieblingsheiligen habe. Mit einem Augenzwinkern verrät sie mir gleich ihren Favoriten: „Der heilige Zufall hat mich mein Leben lang begleitet und zu dem gemacht, was ich heute bin.“ Dafür ist sie sehr dankbar und sieht darin Gottes Führung. Und tatsächlich: Es waren jede Menge Zufälle, die Sr. Rafaela zur Ordensfrau und Ikonenschreiberin gemacht haben.

 

Auf Umwegen in die Welt der Ikonen

Ihr Berufungsweg begann mit einer zufälligen Begegnung mit den Benediktinerinnen der Anbetung, die seinerzeit zu Gast in ihrer polnischen Jugendgruppe waren und sie zu einem Besuch nach Wien einluden. Mehrere Aufenthalte und ein abgeschlossenes Pädagogikstudium später entschloss sie sich dann, in den Orden einzutreten, und schon bald nach der Ablegung ihrer ersten Profess begann sie ihr Theologiestudium an der Hochschule Heiligenkreuz.

 

Ob sie damals bereits ein Faible für Ikonen hatte? „Nein, zum Ikonenschreiben kam ich erst später – wieder durch einen Zufall“, entgegnet sie und erklärt: „Im Rahmen meines Theologiestudiums an der Hochschule Heiligenkreuz stand ein Praktikum an. Da ich von Beruf Sonderschullehrerin und Kindergartenpädagogin bin, war es mir wichtig, nicht Religionspädagogik zu wählen, sondern einen völlig anderen Bereich kennenzulernen.“ Der Zufall wollte es, dass gerade zu dieser Zeit eine orthodoxe Ordensfrau aus dem weißrussischen Konvent Sankt Elisabeth in Minsk zu Gast im Wiener Kloster der Benediktinerinnen war. Dadurch kam Sr. Rafaela auf die Idee, „das Kloster von Sr. Nadježda zu besuchen und dort mein Praktikum in ökumenischer Theologie zu machen, was mir erfreulicherweise auch von der dortigen Äbtissin und meinem Rektor, damals P. Karl Wallner, genehmigt wurde.“

 

Ikonen – Fenster zum Himmel

In Minsk angekommen, hatte sie dann in der Klosterkirche des Konvents ihre erste Begegnung mit Ikonen und war von der Vielfalt der Farben und der Fülle biblischer Motive völlig überwältigt. „An den Wänden gab es so gut wie keinen einzigen Zentimeter freien Platz – alles war voll von Ikonen“, erinnert sie sich. Als sie eine orthodoxe Schwester fragte, ob diese Vielzahl an Bildern nicht vom Gebet ablenke, erhielt sie eine Antwort, die bis heute in ihr nachwirkt: „Nicht wir betrachten die Ikonen, sondern sie betrachten uns.“ Seitdem ist ihr bewusst, dass Ikonen eine Art Verbindung zur himmlischen Wirklichkeit sind.

 

Geduld und Ausdauer gefragt: Das Schreiben von Ikonen ist zumeist eine wochenlange Detailarbeit. © ÖOK/ml

 

Während ihres Aufenthaltes in Minsk verbrachte Sr. Rafaela schließlich einige Wochen in der Ikonenwerkstatt des Konvents und begann dort zusammen mit ihrer Mitschwester Julia eine Ikonographie-Ausbildung. Dabei lernte sie nicht nur, wie man Ikonen malt und welche Technik man einsetzt, sondern auch, welcher tiefere Sinn darin liegt: „Das Ikonenmalen verstehe ich als Verkündigungsdienst. Und in Abwandlung der Worte aus dem Markusevangelium: Gehet hin in die ganze Welt und malt das Evangelium!“

 

Maltechnik als Lebensphilosophie

Zum Abschluss unseres Gesprächs bitte ich Sr. Rafaela, mir noch kurz ihre Maltechnik zu erklären. „Bei der Proplasmos-Technik, die ich verwende, werden Ikonen schichtenweise gemalt“, erläutert sie. Alles beginnt mit den dunklen Farbtönen, dann wird das Bild stufenweise aufgehellt. Schicht für Schicht gelangt die Ikone schließlich zum Strahlen. Diese tiefe spirituelle Einsicht, dass am Ende alles vom Dunkeln zum Licht gelangt, prägt Sr. Rafaela durch und durch: „Wenn ich jemandem begegne, der unfreundlich zu mir ist, denke ich mir: Ihm fehlen einfach nur noch ein paar Schichten, bis auch er zum Strahlen kommt.“

 

Malerin und Schriftstellerin

Ihr künstlerisches Talent hat Sr. Rafaela Kolodziejak auch mit mehreren Büchern unter Beweis gestellt, für die sie sowohl textlich als auch grafisch verantwortlich zeichnet:

  • In „OMG – Kinder fragen nach Gott“ versucht sie, Antworten auf zutiefst menschliche Kinderfragen nach Gott zu geben.1
  • „OMG! Philosophie!“ ermöglicht eine Begegnung mit dem Guten, mit dem Wahren und mit dem Schönen.
  • Der Gedichtband „Begegnungen mit dem Wort“ umfasst Begegnungen, die das ganze Kirchenjahr umspannen.

Multitalent: Sr. Rafaela Kolodziejak ist auch Grafikerin und Autorin von drei Büchern. © Benediktinerinnen der Anbetung

 

 

1 “OMG“ ist eine sehr häufige englische Chat-Abkürzung für „Oh My God“. Es wird im Netzjargon verwendet, um Erstaunen, Überraschung, Schock, Entsetzen oder große Aufregung über etwas auszudrücken.


Gebet vor dem Malen einer Ikone

 

Heiliger, erhabener Gott,

unbegreiflich bist Du

und kein Bild kann Dich fassen.

In der Menschwerdung Deines Sohnes aber

wurdest Du sichtbar –

im menschlichen Antlitz Jesu Christi kann ich dir begegnen.

Steh mir bei in meinem Bemühen,

durch das Malen

Werkzeug der Verkündigung im Bild zu sein,

mach mich durchlässig und offen für Dich,

dass von dieser Ikone Kraft ausgehen möge

für die, die sie anschauen.

Und lass uns alle verwandelt werden –

in das, was wir schauen.

Amen

 

Das Gebet wurde im Internet gefunden, Verfasser unbekannt

 

© ÖOK/ml


 

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 2/2026 der OrdensNachrichten (ON).

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Weiterlesen:

Die gesamte ON-Ausgabe hier online lesen

Benediktinerinnen der Anbetung (Ordens-Wiki)

Website der Benediktinerinnen der Anbetung

 

[markus lahner]


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