Brücken für das geistige Erbe
Zukunftsperspektiven für wertvolle Bestände: Die Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken 2026 im Stift Lambach setzte auf Vernetzung und Kooperation. © ÖOK/ml
Kirchliche Bibliotheken zählen zu den bedeutendsten Trägern des kulturellen Erbes. Ihre Bestände – vielfach über Jahrhunderte gewachsen – sind unverzichtbare Quellen für Theologie, Geschichtswissenschaft und Kulturforschung. Zugleich stehen viele Einrichtungen vor tiefgreifenden Veränderungen, die sich durch schwindende personelle Ressourcen, strukturelle Umbrüche und steigende Anforderungen im Bereich Digitalisierung und Erschließung ergeben.
Zwischen jahrhundertealten Beständen und aktuellen Herausforderungen
Die Tagung griff diese Spannungsfelder bewusst auf und rückte Lösungsansätze in den Fokus. Vertreter:innen von Ordensbibliotheken, diözesanen Einrichtungen und wissenschaftlichen Institutionen diskutierten, wie Kooperationen helfen können, wertvolle Bestände langfristig zu sichern und zugleich besser zugänglich zu machen.

Exklusiver Veranstaltungsort: Das Sommerrefektorium des Stiftes, früher der Speisesaal der Mönche, bot einen prachtvollen Rahmen für die Jahrestagung. © ÖOK/iks
Kooperation als Schlüsselstrategie
Ein zentrales Motiv zog sich durch sämtliche Vorträge: Keine Bibliothek kann die aktuellen Herausforderungen allein bewältigen. Dass Zusammenarbeit neue Perspektiven eröffnet, wurde anhand erfolgreicher Modelle sichtbar gemacht.
So berichtete Christine Maria Grafinger, langjährige Leiterin des Archivs der Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, über ihre Erfahrungen bei der Einbindung von Studierenden der Universität Augsburg in die Erschließung historischer Bestände der Stiftsbibliothek Lambach. Verteilt über fünf Jahre sichteten und katalogisierten sie rund 50.000 historische Bücher, die im zweiten Weltkrieg aus Sicherheitsgründen ausgelagert wurden und nach ihrer Rückkehr zum Teil in drei Reihen ungeordnet hintereinander gestapelt waren. Solche Kooperationen zwischen Bibliotheken und Universitäten schaffen nicht nur Entlastung im Arbeitsalltag, sondern fördern zugleich auch den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Treffpunkt Lambach: Bibliothekar:innen und Wissenschaftler:innen aus ganz Österreich und dem benachbarten Ausland versammelten sich am 12. und 13. März 2026 im oberösterreichischen Benediktinerstift zur Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken. © ÖOK/iks
Wenn Ordensbibliotheken den Besitzer wechseln
Auch die Frage nach dem Umgang mit Bibliotheken aufgelöster Klöster wurde intensiv beleuchtet. Josef Kern und Ingo Glückler von der Diözesanbibliothek Linz gaben in ihrem Vortrag einen praxisorientierten Einblick in den „Life Cycle“ einer Bibliotheksübernahme – von der ersten Kontaktaufnahme über Bewertung, vertragliche Grundlagen und Haftungsfragen bis hin zu Transport, konservatorischer Sicherung und Integration in bestehende Infrastrukturen. Anhand konkreter Projekte stellten sie unterschiedliche Modelle der Erschließung, Digitalisierung und kooperativen Nachnutzung vor, wobei die Bandbreite von hauseigenen Initiativen über drittmittelgeförderte Projekte bis zu Partnerschaften mit universitären Einrichtungen reichte.
Vera-Maria Kathrein und Claudia Schretter-Picker von der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol wiesen in einem weiteren Programmpunkt auf die rechtlichen, organisatorischen und strukturellen Herausforderungen bei Bibliotheksübernahmen hin. Im Spannungsfeld zwischen kirchlichen und öffentlichen Trägern seien tragfähige Kooperationen und klare Verantwortlichkeiten von großer Bedeutung, lautete ihr Credo.
Forschung, Recht und digitale Perspektiven
Zu Beginn des zweiten Veranstaltungstages stand zunächst eine Führung durch die historische Stiftsbibliothek durch Pater Jakob Stoiber, Bibliothekar und Prior des Stifts Lambach, auf dem Programm.

Bibliothek mit Aussicht: Neben dem verwahrten Bücherschatz standen bei der Bibliotheksführung durch Pater Jakob Stoiber vor allem die überwältigenden Deckenfresken von Melchior Steidl im Blickpunkt. © ÖOK/iks
Im daran anschließenden Vortrag stellte Martin Haltrich aus dem Stift Klosterneuburg die 2023 gegründete und von ihm geleitete Forschungsstelle für Kulturwissenschaftliche Studien vor. Mit dieser Initiative will das Stift monastische Kulturen stärker in den Fokus rücken und die internationale Forschung auf den Wert der klösterlichen Lebensweise, ihre lebendige Tradition und ihre kulturellen Zeugnisse aufmerksam machen. Der Brückenschlag zwischen Kloster und Forschung sei zwar mit viel Aufwand verbunden, dieser werde aber auch immer wieder belohnt, zog Martin Haltrich ein positives Resümee dieser Kooperation.
Abschließend wurden rechtliche Rahmenbedingungen für Kooperationen sowie Fragen der digitalen Erschließung historischer Handschriften über die Plattform manuscripta.at, die derzeit einem umfassenden Relaunch unterzogen wird, erörtert. Edith Kapeller aus dem Stift Klosterneuburg, die Mitglied der manuscripta- Arbeitsgruppe „Rechtliches“ ist, machte deutlich, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern der nachhaltigen Sicherung und weltweiten Zugänglichkeit einzigartiger Quellen dient. Die dafür erforderliche Kategorisierung der Bildlizenzen ist einer der Themenschwerpunkte der Arbeitsgruppe.
Im Anschluss an die Veranstaltung tagte die VÖB-Kommission „Theologische Spezialbibliotheken“ unter Vorsitz von Ingo Glückler, Diözesanbibliothek Linz.
Fachlicher Austausch in besonderem Rahmen
Neben den inhaltlichen Programmpunkten bot die Tagung auch Raum für persönliche Begegnungen. Vor allem die exklusive Führung durch die historische Stiftsbibliothek und die gemeinsamen liturgischen und gesellschaftlichen Programmpunkte verliehen der Tagung eine Atmosphäre, die weit über rein bibliothekarische Sachthemen hinausging.
Ein Signal für die Zukunft
Am Ende der Tagung stand ein klares Fazit: Durch Vernetzung, Kooperation und gemeinsame Verantwortung können die reichen Bestände kirchlicher Bibliotheken nicht nur bewahrt, sondern auch zukunftsfähig weiterentwickelt werden. „Das geistige Erbe bleibt – wenn Brücken gebaut werden“, bringt es Irene Kubiska-Scharl, Referentin für Bibliotheken im Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz und Moderatorin der Tagung, auf den Punkt.
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