Ordensnachrichten 2007/3 - Orden in säkularer Welt

Ordensnachrichten 2007/3

 

 

 

 

 

Geleitwort von P. Paul Weingartner OCD
Provinzial der Österreichischen Provinz des Teresianischen Karmel

„Man wirkt nicht mit Worten auf einen anderen; mit seinem Wesen tut man es!“ (Romain Rolland).
Alle Menschen bezeugen den Schatz oder auch die Leere ihrer Herzen. Zeugen sind wir nicht erst durch unser Reden und Tun, sondern es spricht bereits unsere Einstellung, die permanente Ausstrahlung unseres Wesens, eben das, was wir sind. Einzelne Taten sowie der gesamte Lebensvollzug sind konkretes Manifestieren unserer Innenwelt. Für unsere Mitwelt sind wir als Einzelne und als Gemeinschaft Botschafter des Auferstandenen.

Als Ordenschristen antworten wir auf eine Sehnsucht, die uns so radikal auf Gott verweist, dass wir unsere gesamte Existenz Gott geweiht haben. Die Kirchenlehrerin Thérèse von Lisieux ist überzeugt: „Gott würde die Sehnsucht nicht geben, wenn er sie nicht auch erfüllen würde.“ Wer möchte, erkennt an unserer Lebensweise nicht nur, dass wir in Jesus eine lebendige Orientierung haben, sondern auch, dass wir gerade in der Freundschaft mit ihm die Erfüllung unserer Sehnsucht erwarten.

In der Lebendigkeit und im Engagement für das Leben in Fülle sehe ich eine objektiv wahrnehmbare Konkretisierung der Taufe, die ich mit Lukas „sichtbar gewordene Gnade“ nenne. Von Barnabas wissen wir: „Als er in Antiochia ankam und die Gnade Gottes sah, freute er sich“ (Apg 11,23). Ob die Gnade, die sich in christlichen Gemeinschaften inkarniert, auch wahrgenommen wird, hat freilich mit der Disposition des Wahrnehmenden zu tun. Barnabas, selbst erfüllt vom Heiligen Geist und vom Glauben, somit ein wohlwollender Insider, konnte jedenfalls die Gnade sehen. Paulus spricht davon, dass sogar Ungläubige und Unkundige, die Zugang zu christlichen Gemeinschaften finden, bemerken können: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ (1 Kor 14,25).

Für Madeleine Delbrêl (1904–1964), eine Missionarin von der Straße, ist klar: „Viele Ungläubige vernehmen die frohe Botschaft, doch niemand weiß, wer zum Glauben berufen wird. Den Glauben zu geben steht nicht in der Macht der Menschen, nicht einmal derer, die sich selbst hingeben. Zweifellos ist das ihre größte Armut: das Teuerste, das sie besitzen, nicht verschenken zu können.“
Suchende Menschen werden sich immer vortasten von den Ordenseinrichtungen zu den einzelnen Ordenschristen, welche durch Gebet und Arbeit im Sozial- und Bildungsbereich wertvollste Dienste leisten. Oft fragt man sich: Wer und wie sind sie, die hauptberuflich in der Nachfolge Jesu stehen? Wie äußert sich dieses Leben in Fülle, das sie von Jesus empfangen und lernen? Reden sie Worte, die Gott ihnen gibt, und dienen sie aus der Kraft, die Gott verleiht? (1 Petr 4,11). Interesse an unserer Motivation ist gut für das gesprochene Zeugnis. Anfragen aus der „säkularen Welt“ können uns vom Guten zum Besseren führen.

Romano Guardini hat in der Skizzierung der „Lebensalter“ gezeigt, dass wir uns vom eher aktiven äußeren Tätigsein in der ersten Lebenshälfte zu einem vorwiegend verinnerlichten, geistig meditativen Dasein im Alter entwickeln. Wir können durch das Bejahen natürlicher Veränderungen und Hochschätzen geistiger Werte innerlich wachsen, weise werden. Als kostbare Frucht – frei nach Guardini – erwarten wir das weise Leben, das nicht primär durch äußere Aktivitäten, sondern besonders aus dem Wesen heraus wirksam ist und so bereits durch das bloße Dasein Sinn in die Welt bringt. Im Klima authentisch lebender Gemeinschaften, die von den Seligpreisungen inspiriert sind, kann Gottes Geist die Sinnsuchenden berühren, wie einst in Cäsarea: „Noch während Petrus dies sagte [und lebte], kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten“  (Apg 10,44).

Wir suchen Treue zum eigenen Charisma. Dieses erblüht aus der Mitte christlicher Berufung, von der Madeleine Delbrêl sagt: „Du bist Christ durch und für die christliche Liebe, durch nichts sonst und für nichts außerdem. Vergisst du die Liebe, machst du dich lächerlich.“

Linz, im Juni 2007

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