Ordensnachrichten 2007/6 - Zum Geleit

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Zum Geleit - von Bischof Manfred Scheuer

Glaube in dunkler Zeit

Der selige Franz Jägerstätter

Bürgerliche und Arbeiter, Journalisten und Werbeleute, Künstler, Juristen und Mediziner, Lehrer und Unternehmer, Theologen und Universitätsprofessoren stellten sich nicht selten in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie. Ein einfacher Bauer stellte mit seiner einfachen Logik und seinem tiefen Glauben jene Fragen, die eigentlich die der Akademiker gewesen wären: „Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in mehreren Ländern unternommen hat und noch immer weiterführt, für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären?“ Hintergrund seiner Entscheidung gegen Nationalsozialismus und Krieg war seine Verwurzelung im Gebet, im Evangelium und in der Feier der Eucharistie.

Die Bibellektüre ist für Franz Jägerstätter seit der Eheschließung wichtig. „War nicht die Kirche in letzter Zeit stark bemüht, auch die Laien mit der Heiligen Schrift ... zu versehen, damit man sich auch, wenn uns schon die persönlichen Führer weggenommen oder stumm gemacht würden, ohne sie zurechtfindet?“ Die Heilige Schrift wird für ihn Norm und Kriterium seines Lebens und seiner Entscheidungen, letztlich weil sie Gottes Wort ist: „In der Bibel spricht Gott selber zu uns und gibt unsrer Hoffnung eine unerschütterliche Grundlage ... Am Gotteswort vermag sich unsre Seele immer wieder aufzurichten.“ Die Heilige Schrift bietet ihm in den Auseinandersetzungen um seine Verweigerungen die Argumente gegenüber Familie und Pfarrer. Pfarrer Josef Karobath schreibt 1945 in der Pfarrchronik: „Wir haben ihn abhalten wollen, aber er hat uns immer geschlagen mit der Schrift.“ Gerade in seiner Berliner Haftzeit setzt er sich intensiv mit dem Evangelium auseinander. Einen besonderen Stellenwert haben dabei die Bergpredigt Mt 5–7, die Nachfolgeworte Jesu wie Mt 8,18 und Mt 10, 34–39; Mk 3,31–35 und Worte von der Scheidung und Unterscheidung (Mt 13). Der geforderte Bekennermut in der Zugehörigkeit zu Christus (Mt 10,17ff.), Wachsamkeit (Mt 25,1–12), das Mittun mit der Gnade in der Versuchung (Lk 4,1–13), im Leiden und in der Kreuzesnachfolge (Mk 8,31 ff.; Rom 8,14–25) sind das biblische Raster seines Entscheidungs­weges. Der Wille Gottes ist ihm mit dem zwölfjährigen Jesus die oberste Norm (Lk 2,42–50). Glaube und Taufe (Röm 6) nehmen in Tod und Auferstehung Jesu hinein. Trost in seinen Ängsten und im Leiden findet er in den paulinischen Briefen (2 Kor und Eph). Ausführlich schreibt er Schriftstellen zur Gottes- und Nächstenliebe ab (1 Kor 13; 1 Joh; Jak; 1 Petr).
Jägerstätter sieht die Kirche vom Reich Gottes, von der Nachfolge Jesu und vom Bekenntnis zu Jesus her. Im Kontext seiner Überlegungen zum gerechten oder ungerechten Krieg schreibt er: „Sollten wir Christen denn nicht wahre Nachfolger Christi werden?“ Die Nachfolge Christi wird für ihn zum kritischen Kriterium gegenüber der konkreten Kirche. Er weiß, dass die Kirche eine höchst gemischte Gesellschaft ist, d. h. auch eine Kirche der Sünder: „Jesus selber hat also gelehrt, dass es in seiner Kirche auf Erden nicht nur gute Christen geben werde. Die große Scheidung kommt am Ende.“
Franz Jägerstätter hält es für unvereinbar, Soldat Christi und zu gleicher Zeit Soldat für den Nationalsozialismus zu sein, unvereinbar, für den Sieg Christi und seiner Kirche und zur selben Zeit auch für die nationalsozialistische Idee und für deren Endsieg zu kämpfen. Jägerstätter weiß sich vor die Alternative gestellt: Gott oder Götze, Christus oder Führer. Franz Jägerstätter bezeugt den biblischen Gott gegen die Götzen Hitlers. Er verleiblicht das „Ich widersage“ des Taufbekenntnisses  gegenüber den Verlockungen und Verführungen des Bösen, gegen Vergötzungen von Nation und Rasse und hält dafür den Kopf hin. Franz Jägerstätter weiß sich vom Unbedingten in einer Welt des Beliebigen in Anspruch genommen.
Franz Jägerstätter war ein „wacher“ und wachsamer Mensch. Er war ein Prophet mit einem Weitblick und Durchblick, wie ihn damals die wenigsten seiner Zeitgenossen hatten. Für uns heute kann er Vorbild in der Treue zum Gewissensanspruch, Anwalt der Gewaltlosigkeit und des Friedens, Warner vor Ideologien, ein gläubiger Mensch sein, dem Gott wirklich Mitte und Zentrum des Lebens war. Sein prophetisches Zeugnis für die christliche Wahrheit beruhte auf einer klaren, radikalen und weitsichtigen Analyse der Barbarei des menschen- und gottverachtenden Systems des Nationalsozialismus, dessen Rassenwahns, dessen Ideologie des Krieges und der Staatsvergottung wie dessen erklärten Vernichtungswillens gegenüber Christentum und Kirche. Als Zeuge des Glaubens und der Gerechtigkeit ist Jägerstätter ein Geschenk für das österreichische Volk, aber auch ein Geschenk für die ganze Kirche.

Innsbruck, im Dezember 2007