Ordensnachrichten 2009/3 - Zum Geleit

Ordensnachrichten 2009/3


Geleitwort von P. Provinzial Lorenz Voith CSsR


Provinzial der österreichischen Redemptoristen
Zweiter Vorsitzender der Österreichischen Superiorenkonferenz

Wenn Ordensgemeinschaften ihre Heiligen feiern, insbesondere bei Jubiläen und runden Gedenktagen, so wird viel über ihre Bedeutung für die Gemeinschaft, die Kirche und Gesellschaft in ihrer konkreten Zeit nachgedacht. Historische Studien helfen uns dabei. Zugleich stellt sich die Frage, was uns diese Heiligen mit ihrer Spiritualität, mit ihrer Pastoral, mit ihrem Zugang zur Frohen Botschaft von Jesus Christus zu sagen haben. Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Die Redemptoristen weltweit, wie auch die Ortskirchen von Wien, Brünn und Warschau, feiern in diesem Jahr die hundertjährige Wiederkehr der Heiligsprechung von Klemens Maria Hofbauer (1751–1820). In Wien bot der „Klemens-Monat“ Mai 2009 viele Höhepunkte: das Theaterstück „Clemens Maria Hofbauer – Apostel von Wien – ein Leben in acht Bildern“, eine Sonderausstellung im Dom-Museum am Stephansplatz, eine Stadtprozession, Führungen durch die Stadt auf den Spuren des hl. Klemens, eine Festakademie in der Wiener Schottenkirche und ein Festgottesdienst in Maria am Gestade.

Für Wien und Österreich war diese Heiligsprechung ein besonderer Moment. Vor 424 Jahren wurde mit dem hl. Leopold der letzte Österreicher beziehungsweise Einwohner der Habsburgermonarchie kanonisiert.
Klemens Maria Hofbauer war – in vielen Aspekten – seiner Zeit voraus. Er kämpfte gegen so manche Schlingen und Abhängigkeiten gegenüber den kirchlichen und staatlichen Reglements. Aber auch inmitten einer Form von josephinischer Aufklärung, welche Ende des 18. Jahrhunderts Österreich beherrschte. Klemens kämpfte in seiner Zeit für die Freiheit, die Frohe Botschaft zu verkünden, neue Ordenshäuser zu gründen, pastorale oder soziale Werke zu schaffen, wie es ihm einfach notwendig und höchst gefragt erschien. Immer wieder wurden diese Bemühungen und Werke behindert, verfolgt und auch zerstört.

Der Zeitdiagnostiker und Philosoph Michael Hochschild hat 2005 ein beachtenswertes Buch mit dem Titel „Neuzeit der Orden. Kursbuch für Himmelsstürmer“ geschrieben. Hochschild meint darin u.a.: „Der Moment, in dem die Orden sich im Heute auf ihr Selbst besinnen, wird der Tag ihrer Unab- hängigkeitserklärung von mehr oder weniger unverschuldeten Abhängigkeiten kirchlicher oder gesellschaftlicher Art.“ Und weiter: „Es wird der Tag, an dem sie begreifen, dass die Erfolgserwartungen aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr als ein nützliches Ärgernis dafür sind, ihren Kurs nunmehr zu korrigieren, um nicht weniger ernsthaft wie echt zurück in die Zukunft zu finden.“

Ich denke, Klemens war auch ein Kämpfer für die Freiheit der Kirche gegen so viele Abhängigkeiten und damit auch Beschränkungen. Erst nach 1848 wurden dann auch für die Redemptoristen, welche kurz nach dem Tod von Klemens 1820 in Österreich zugelassen wurden, wie für andere Gemeinschaften neue Freiheiten geschaffen. So konnten große Werke entstehen, aber auch pastorales Neuland begangen werden; auch neben und voraus dem kirchlichen Gemeindealltag und den kirchlichen Hierarchien.

Was heißt das für die Ordensgemeinschaften in unseren Tagen? Die meisten Gemeinschaften sind heute noch gebunden an ihre Werke oder aber an Tätigkeiten, welche oft bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Was damals als „pastorales und soziales Neuland“ bezeichnet werden durfte, ist heute weit verbreitet oder von anderen abgedeckt. Vielen Gemeinschaften mangelt es mehr und mehr an Nachwuchs, welcher diese Werke weiterführen will. Zugleich fehlen oft auch die Kräfte und Ideen, für das 21. Jahrhundert „Neuland“ zu finden sowie sich von Abhängigkeiten und zu starken Bindungen zu befreien. Wo sind wir heute als Orden, als Einzelne oder als Gemeinschaften, auch „unbequem“, auch einen Schritt „voraus“, als Avantgarde unterwegs? Auch gegenüber der Amtskirche, der Gesellschaft, der Politik? Ich weiß, es gibt solche Beispiele – aber genügen diese?

Klemens Maria Hofbauer und seine Mitbrüder haben am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn man nicht immer konform geht mit den Mächtigen, wenn man die Freiheit in der Verkündigung und im pastoralen Wirken umzusetzen versucht. Ich denke, gerade auch deshalb waren er und seine Gemeinschaft so anziehend. Gleich nach seinem Tod traten über 30 seiner Schüler – einige waren bereits Ärzte, Theologen, Juristen usw. – in die Ordensgemeinschaft ein. Sie wollten seinen Geist weiter tragen. Vielen davon gelang es auch.

In dieser Ausgabe der Ordensnachrichten werden Grußworte, Ansprachen und Vorträge, welche großteils bei der Festakademie in der Wiener Schottenkirche am 20. Mai 2009 gehalten wurden, veröffentlicht. Ich danke allen, die bereit waren, dies zu ermöglichen.

Möge es den Ordensgemeinschaften heute gelingen, ihre zugedachten Freiräume neu zu entdecken oder auszubauen – wie bei Klemens Maria Hofbauer.