Allerheiligen und Allerseelen: Warum wir den Tod nicht aus dem Leben verdrängen sollten
Vom Misthaufen lernen, was gutes Sterben bedeutet
Was gutes Sterben für ihn bedeutet? P. Johannes Pausch muss nicht lange überlegen. Seine Antwort fällt allerdings ungewöhnlich aus: „Einen guten Misthaufen haben.“ Der Benediktiner, Psychotherapeut und Begründer des Europaklosters Gut Aich verbringt viel Zeit im Garten. Dort beobachtet er, wie aus Verrottetem neues Leben entsteht. „Ich lerne vom Misthaufen und vom Garten, dass es eigentlich immer weitergeht, dass es neu wird. Und davon lebe ich. Und damit werde ich wahrscheinlich auch sterben.“

Über das Leben, das Sterben und die Hoffnung auf ein Danach: P. Johannes Pausch und Kristina Proleta vom Europakloster Gut Aich zu Gast im Podcast „Orden on Air“. © ÖOK/manou nitsch
Für P. Johannes gehören Leben und Sterben untrennbar zusammen. Beides sei Teil eines fortwährenden Prozesses, den er mit dem Atmen vergleicht: Das Einatmen stehe für das Leben, das Ausatmen für das Sterben. Doch wer von einem guten Leben und einem guten Sterben spricht, dürfe sich darunter keine ideale Existenz ohne Schwierigkeiten oder Schmerzen vorstellen. Auch Leid, Krankheit und Verluste gehören dazu.
Kristina Proleta, die ebenfalls im Europakloster Gut Aich lebt und arbeitet, beschäftigt sich schon seit ihrer Jugend mit dem Tod. Mehrere Freunde starben früh, manche durch Suizid. Als sie mit 19 Jahren ins Kloster kam, empfand sie deshalb einen Satz aus der Regel des heiligen Benedikt als besonders befreiend: „Den Tod täglich vor Augen haben.“
Die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit habe ihr geholfen, wahrhaftiger zu leben. „Weil, wenn es um das Wesentliche geht, dann fällt halt vieles weg und vieles ab.“ Die Angst vor dem Sterben sei dadurch allerdings nicht verschwunden. Es brauche Mut, sich der eigenen Endlichkeit zu stellen.
Ein Buch, das keine Rezepte liefern will
Das gemeinsame Buch „Gut leben, gut sterben“ entstand aus Texten, Gesprächen und Gedanken, die sich über längere Zeit angesammelt hatten. Eine entscheidende Rolle spielte Kristina Proleta. Beim Durchsehen von Unterlagen entdeckte sie ein Manuskript von P. Johannes Pausch, dessen erste Seiten sie tief berührten. Sie drängte darauf, daraus ein Buch zu machen.
Als der Verlag den Titel zwischenzeitlich in „Besser leben, besser sterben“ ändern wollte, regte sich allerdings Widerstand. „Das war mir gleich ein Dorn im Auge“, erzählt Proleta. Leben und Sterben dürften nicht der Selbstoptimierung unterworfen werden. Das ständige Bemühen, an sich zu arbeiten und immer besser zu werden, gehe am eigentlichen Anliegen des Buches vorbei.

P. Johannes Pausch, Benediktiner und Begründer des Europaklosters Gut Aich, ist überzeugt: Leben und Sterben gehören untrennbar zusammen. Auch der Garten ist für ihn ein Lehrmeister. © ÖOK/manou nitsch
Auch P. Johannes hält wenig von der Vorstellung, es gebe eine Anleitung für das richtige Leben oder Sterben. „Das Verführerische ist ja, dass man das gerne möchte und dass man sich dafür so ein Rezeptbuch wünscht. Und das gibt es dafür nicht.“ Vielmehr gehe es darum, Erfahrungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens machen, nicht vollständig zu vergessen. „Ein paar wichtige Körner sollten wir uns doch im Herzen bewahren.“
Vertrauen heißt nicht, dass das Leben leicht wird
Das Buch beginnt mit dem Satz: „Wir wissen, wohin wir gehen, aber wir wissen nicht, wie es dort aussieht.“ Doch woher kommt dieses Vertrauen?
Für P. Johannes Pausch ist das eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Letztlich drehe sich das ganze Leben darum, Vertrauen zu gewinnen, in sich selbst, in andere Menschen und in das Leben. Dieses Vertrauen schütze allerdings nicht vor schwierigen Erfahrungen. „Vertrauen haben heißt nicht ein leichtes Leben haben. Überhaupt nicht.“ Br. David Steindl-Rast verwendet für das Leben nach dem Tod das Bild einer Raupe, die sich nicht vorstellen kann, wie das Leben eines Schmetterlings aussieht. Auch wir könnten nicht wissen, was uns nach dem Sterben erwartet. Für P. Johannes ist dieses Bild dennoch hilfreich.

Kristina Proleta vom Europakloster Gut Aich beschäftigt sich seit ihrer Jugend mit der Endlichkeit des Lebens. Für sie kann die bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod helfen, wahrhaftiger zu leben. © ÖOK/manou nitsch
Kristina Proleta sieht im Zweifel keinen Gegensatz zum Glauben. Im Gegenteil: Zweifel seien notwendig, um sich selbst und den eigenen Überzeugungen gegenüber wahrhaftig zu bleiben. „Sobald ich mir sicher bin, kann ich mir sicher sein, auf dem Holzweg zu sein.“
Dankbar sein, auch wenn das Leben schmerzt?
Kann man auch dann dankbar sein, wenn das eigene Leben von Krankheit, Leid oder Verlust geprägt ist? Für beide Gesprächspartner ist klar, dass niemand für sein Leid dankbar sein muss.
„Ich darf den Schmerz nicht glorifizieren oder die Krankheit. Das ist ja Quatsch“, betont P. Johannes. Dennoch könne es gerade in schweren Zeiten helfen, den Blick auf das zu richten, was einem trotz allem geschenkt werde.
Proleta erinnert dabei an einen zentralen Gedanken von Br. David Steindl-Rast: „Ich brauche nicht für alles dankbar sein. Aber in jedem Augenblick gibt es eine Gelegenheit, für etwas dankbar zu sein.“ Das könne bei einer schweren Erkrankung etwa die Anwesenheit eines geliebten Menschen sein. Auch Trauer habe mit Dankbarkeit zu tun, weil sie an die Liebe und an die gemeinsam verbrachte Zeit erinnere. „Je größer die Liebe, desto größer der Schmerz“, sagt Proleta.

Wie können wir gut leben und gut sterben? Im Podcast „Orden on Air“ sprechen P. Johannes Pausch und Kristina Proleta über Vertrauen, Dankbarkeit und den Umgang mit der eigenen Endlichkeit. © ÖOK/manou nitsch
P. Johannes berichtet von seinen Erfahrungen in der Begleitung sterbender Menschen und ihrer Angehörigen. Gerade angesichts eines schmerzhaften Abschieds werde deutlich, wie eng Liebe und Leid miteinander verbunden seien. „Die Trauer, die ihr empfindet, und der Schmerz, den ihr empfindet, ist wahrscheinlich das größte Zeichen eurer Liebe“, sage er manchmal zu Hinterbliebenen.
Ein letztes Golden Goal
Wie schwierig es ist, angesichts des Todes die richtigen Worte zu finden, verdeutlicht P. Johannes mit einer besonders bewegenden Erinnerung. Er erzählt von Tommy, einem zehnjährigen Buben mit einem schweren Herzfehler, dem medizinisch nicht mehr geholfen werden konnte. Die Eltern hatten Pausch gebeten, mit ihrem Sohn über das Sterben zu sprechen. Der Benediktiner fühlte sich mit dieser Aufgabe zunächst völlig überfordert. Schließlich fragte er den Buben, wann er zuletzt richtig glücklich gewesen sei. Tommy erzählte von einem Fußballspiel, bei dem er das entscheidende Tor geschossen hatte. P. Johannes griff dieses Erlebnis auf, um ihm seine Vorstellung vom Sterben näherzubringen. Kurz vor seinem Tod sagte Tommy zu seinen Eltern, er werde nun das „Golden Goal“ schießen.
Für P. Johannes ist diese Begegnung bis heute ein besonderes Geschenk. Sie zeige, dass sich Augenblicke des Glücks nicht erzwingen lassen, weder im Leben noch im Sterben.
Allerheiligen: Erinnern, teilen und miteinander unterwegs sein
Auch Allerheiligen und Allerseelen stehen im Mittelpunkt der Podcastfolge. Auf die Frage, was zu Allerheiligen eigentlich gefeiert werde, antwortet P. Johannes Pausch zunächst trocken: „Halloween.“ Dann wird er ernst. Für ihn geht es an diesen Tagen vor allem um Gemeinschaft und Solidarität, um das Erinnern an Verstorbene und darum, miteinander verbunden zu bleiben. Besonders gerne denkt er an einen Brauch aus seiner Kindheit zurück: Sein Taufpate schenkte ihm zu Allerheiligen einen großen Striezel, den er mit anderen teilen konnte. Diese Erfahrung des Teilens ist für ihn bis heute eine seiner schönsten Erinnerungen an das Fest.
Kristina Proleta sieht im Gedenken an Verstorbene auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Die Frage „Woher komme ich?“ sei genauso wichtig wie die Frage „Wohin gehe ich?“. Am Grab gehe es nicht nur um die sterblichen Überreste eines Menschen, sondern vor allem um die lebendigen Erinnerungen, die in uns weiterwirken.
Dass Halloween gerade bei jungen Menschen großen Anklang findet, sieht sie nicht ausschließlich kritisch. Auch darin könne ein Zugang zu den Themen Tod, Erinnerung und Gemeinschaft liegen. Entscheidend sei, sich wieder stärker bewusst zu machen, woher diese Bräuche kommen und was sie bedeuten.
Kirche ist dort, wo Menschen bleiben und zuhören
Was können Allerheiligen und Allerseelen Menschen sagen, die mit der Kirche wenig anfangen können? Für Proleta liegt die Antwort in einer Erfahrung, die alle Menschen verbindet: Jeder Mensch lebt, und jeder Mensch wird sterben. Dabei spricht sie auch die Fehler und das Versagen der Kirche in ihrer Geschichte an. Zugleich unterscheidet sie zwischen der institutionellen Kirche und jener Kirche, die Menschen vor Ort leben und gestalten.
Gerade im Umgang mit Tod und Trauer werde deutlich, worauf es ankomme. Menschen bräuchten in solchen Situationen nicht unbedingt jemanden, der sofort die richtigen Worte findet. Viel wichtiger sei es, dass jemand da ist, zuhört, nicht davonläuft und den Schmerz gemeinsam mit ihnen aushält.
P. Johannes und Proleta haben im Europakloster Gut Aich viele Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleitet. Beide erzählen von Begegnungen, die sie bis heute prägen. Proleta erinnert sich unter anderem an eine fast hundertjährige Frau, die ihre letzten Lebenstage in großer Dankbarkeit verbrachte. Immer wieder bat sie ihre Besucher: „Denk an mich. Ich werde an dich denken.“
Nicht allein durch Leben und Sterben gehen
Am Ende des Gesprächs steht deshalb weniger die Frage, wie man richtig stirbt, sondern vielmehr, wie Menschen einander im Leben und im Sterben begleiten können.
P. Johannes Pausch wünscht den Hörerinnen und Hörern für die Tage rund um Allerheiligen und Allerseelen vor allem eines: dass sie nicht allein sind. „Allein sind die Dinge oft sehr schwer zu verkraften.“ Gemeinsam sei vieles leichter.
Und Kristina Proleta ermutigt dazu, sich trotz aller Verletzlichkeit auf andere Menschen einzulassen und ihnen offen zu begegnen. Denn angesichts der Endlichkeit des Lebens verlieren viele Unterschiede, die im Alltag so wichtig erscheinen, ihre Bedeutung.
Vielleicht liegt darin auch eine der wichtigsten Botschaften des Buches „Gut leben, gut sterben“: Es braucht keine perfekten Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Aber es braucht Menschen, mit denen man diese Fragen teilen kann.
„Orden on air“ – der Podcast der Ordensgemeinschaften Österreich
Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich hat im März 2022 den Podcast „Orden on air“ ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: Ordensfrauen und -männer kommen vor den Vorhang – und vor das Mikrofon. Ziel ist es, Persönlichkeiten vorzustellen, Einblicke in das Leben von Ordensgemeinschaften zu geben und das Engagement von Ordensleuten in vielfältigen Bereichen sichtbar zu machen. Der Podcast ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt, sowie auf www.ordensgemeinschaften.at.
Weiterlesen:
Buch „Gut leben, gut sterben“ von Br. David Steindl-Rast, P. Johannes Pausch und Kristina Proleta
[robert sonnleitner]