
Mehr als eine warme Suppe: Sr. Hemma Jaschke SSpS über gelebte Nächstenliebe
Jeden Mittwochabend macht sich Sr. Hemma Jaschke mit ihrem Team auf den Weg durch Wien. Ihr Ziel sind Menschen, die auf der Straße leben, mit wenig Geld auskommen müssen oder einfach jemanden zum Reden suchen. Im Gepäck haben die Freiwilligen frisch gekochte Suppe, Brot und Wasser. Doch der Canisibus ist weit mehr als eine mobile Essensausgabe. Er ist auch ein Ort der Begegnung, an dem Menschen wahrgenommen und ernst genommen werden.
Seit 2004 ist die Steyler Missionsschwester regelmäßig dabei. Erste Erfahrungen in der Obdachlosenarbeit sammelte sie bereits während ihrer Ordensausbildung in Aachen. Dort begleitete sie Franziskanerinnen bei ihrer Arbeit in einer Wärmestube und auf der Straße. Besonders das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wurde für sie zu einem wichtigen Impuls: nicht wegzuschauen, sondern dort zu helfen, wo Menschen Unterstützung brauchen.

Nicht alle kommen ausschließlich wegen des Essens. Manche suchen Gesellschaft, andere freuen sich über ein vertrautes Gesicht oder ein kurzes Gespräch. (c) privat
Ein „Gassenlokal“ für alle
Der Canisibus ist an 365 Tagen im Jahr unterwegs, auch an Sonn- und Feiertagen. Zwei Busse und ein E-Bike versorgen nach Angaben von Sr. Hemma insgesamt zehn Stationen in Wien. Im Sommer kommen durchschnittlich rund 120 bis 150 Menschen pro Bus und Abend.
Die Gäste, wie die Freiwilligen die Menschen bewusst nennen, könnten unterschiedlicher kaum sein: Obdachlose, Pensionist, Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitsmigrant oder Personen, die durch Schicksalsschläge in schwierige Lebenssituationen geraten sind.
Nicht alle kommen ausschließlich wegen des Essens. Manche suchen Gesellschaft, andere freuen sich über ein vertrautes Gesicht oder ein kurzes Gespräch. Sr. Hemma bezeichnet den Canisibus deshalb augenzwinkernd als „gutes Gassenlokal“. Entscheidend sei, dass es im besten Fall nicht bei Suppe und Brot bleibe, sondern echte Begegnungen entstünden.
Wenn eine Blume zum Zeichen der Würde wird
In mehr als zwei Jahrzehnten hat Sr. Hemma viele berührende Begegnungen erlebt. Eine davon ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Während der Corona-Pandemie erhielt das Team von einem Blumengeschäft zahlreiche Schnittblumen, die aufgrund des Lockdowns nicht mehr verkauft werden konnten. Kurzerhand beschlossen die Freiwilligen, die Blumen zusätzlich zur Suppe zu verteilen.
Was zunächst wie eine kleine Geste erschien, löste große Freude aus. Sr. Hemma erinnert sich an eine Frau, die sich trotz Kälte und Regen mit ihrer Blume auf den Boden setzte und sich darüber freute. Andere Gäste erzählten, dass ihnen schon lange niemand mehr eine Blume geschenkt hatte.
Für die Ordensfrau wurde dieser Abend zu einer besonderen Erfahrung. Denn während eine warme Mahlzeit ein grundlegendes Bedürfnis stillt, vermittelt eine Blume etwas anderes: Wertschätzung, Schönheit und das Gefühl, als Mensch gesehen zu werden. Eine Erfahrung, die sie bis heute nicht vergessen hat.
Armut kann jeden treffen
Im Podcast spricht Sr. Hemma auch über Vorurteile gegenüber obdachlosen und armutsbetroffenen Menschen. Die Vorstellung, Betroffene seien an ihrer Situation grundsätzlich selbst schuld, weist sie entschieden zurück. Hinter Armut stünden häufig Schicksalsschläge, Krankheiten, zerbrochene Beziehungen oder schwierige wirtschaftliche Verhältnisse.
Besonders bewegen sie die Geschichten von Menschen, die unter prekären Bedingungen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. So erinnert sie sich an einen Mann, der in Österreich unter äußerst einfachen Verhältnissen lebte, damit seine Kinder in der Heimat studieren konnten. Diese wussten nichts von seiner schwierigen Lebenssituation.
Für Sr. Hemma zeigen solche Begegnungen, wie eng persönliche Schicksale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen miteinander verbunden sind. Sie fordert deshalb nicht nur mehr Solidarität im Alltag, sondern auch gerechtere Bildungs- und Lebenschancen.
Glaube, der auf die Straße führt
Ihr christlicher Glaube ist für Sr. Hemma eine wesentliche Grundlage ihres Engagements. Sie beschreibt ihn als das „Grundwasser“, aus dem sie lebt. Dabei geht es ihr nicht darum, anderen etwas aufzudrängen, sondern ihnen mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen.
Jeder Mensch habe eine unverlierbare Würde, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Einkommen oder seiner Lebenssituation. Diese Haltung zeige sich oft in scheinbar kleinen Dingen: jemanden freundlich zu begrüßen, aufmerksam zuzuhören, verlässlich da zu sein oder einem Menschen bewusst in die Augen zu schauen.
Die Begegnungen beim Canisibus haben auch ihren eigenen Blick verändert. Denn letztlich, so fragt sie sich, was unterscheidet sie von einem Menschen, der auf der Straße lebt? Vor allem die äußeren Lebensumstände: ein sicheres Zuhause, ein warmes Bett, ausreichend Essen und ein tragfähiges soziales Netz.
Nächstenliebe beginnt im Alltag
Zum Abschluss des Gesprächs ermutigt Sr. Hemma dazu, im Alltag aufmerksamer füreinander zu sein. Nächstenliebe müsse nicht immer in großen Projekten bestehen. Oft genüge es, einem Menschen Hilfe anzubieten, für eine Nachbarin einzukaufen oder einfach einmal mehr nachzufragen, ob jemand Unterstützung braucht.
Wer darüber hinaus ehrenamtlich tätig werden möchte, finde zahlreiche Möglichkeiten, sich entsprechend den eigenen Interessen und Fähigkeiten einzubringen. Ein solches Engagement sei nicht nur für andere wertvoll, sondern auch für die Helfenden selbst bereichernd.
„Orden on air“ – der Podcast der Ordensgemeinschaften Österreich
Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich hat im März 2022 den Podcast „Orden on air“ ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: Ordensfrauen und -männer kommen vor den Vorhang – und vor das Mikrofon. Ziel ist es, Persönlichkeiten vorzustellen, Einblicke in das Leben von Ordensgemeinschaften zu geben und das Engagement von Ordensleuten in vielfältigen Bereichen sichtbar zu machen. Der Podcast ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt, sowie auf www.ordensgemeinschaften.at.
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[robert sonnleitner]