
Eine Familie findet eine Familie
Als die Familie Netrylov im März 2022 ihre Wohnung in Bila Zerkwa – eine Kleinstadt etwa 80 Kilometer südlich von Kyjiw/Ukraine – verließ, wussten sie nicht, wie lange sie wegbleiben würden. Dass daraus vier Jahre wurden, ist nur eine von vielen Überraschungen, die diese Geschichte bereithält.
Sr. Elisabeth Knapp mit Familie Netrylov 2026 im Garten der Schwestern. Im Vergleich zu .... (c) ÖOK/emw | Zum Download
Sie wussten auch nicht, dass sie ausgerechnet bei einer Ordensgemeinschaft in Wien landen würden. Maksym erinnert sich an seine Angst davor, „dieses stille Leben zu unterbrechen“. Dabei war es schon davor nicht so ruhig, gesteht Sr. Elisabeth Knapp, Hausoberin der Franziskanerinnen der Schmerzhaften Mutter in der Simmeringer Hauptstraße: Das Haus stand immer Gästen offen.
Mit Maksym, seiner Frau Elena und den drei Töchtern zogen dann aber doch mehr Menschen ein als sonst – und es wurden noch mehr: Auch die Schwägerin mit ihren zwei Kindern sowie Oma und Opa kamen nach. Zehn Leute fanden Platz in drei Zimmern. Sr. Elisabeth: „Wir haben uns für eine Aufnahme und so auch für diese Überraschungen entschieden.“ Die Schwägerin kehrte später mit ihren Kindern in die Ukraine zurück, um nicht länger von ihrem Mann getrennt zu sein.
... dem Jahr ihrer Ankunft 2022. Auf dem Bild sieht man beide Großeltern, die ebenfalls bei den Schwestern wohnen. (c) ÖOK/emw | Zum Download
Herausforderung Sprache
Die größte Herausforderung war zu Beginn die Sprache. „Niemand von uns konnte ein Wort Deutsch. Gar nichts. Null“, erinnert sich Maksym. Man verständigte sich mit Händen und Füßen und ein bisschen Englisch. Heute hört man im Podcast, wie weit dieser Weg war – und zwar am schönsten dort, wo man es am wenigsten erwartet: bei den Kindern selbst. Mascha, Sascha und Polina erzählen darin in eigenen Worten, auf Deutsch, von ihrem Lieblingsfach, ihrem liebsten Ort in Wien – natürlich bei den Schwestern – und davon, dass ihnen Schnitzel und Kaiserschmarrn längst zum Lieblingsessen geworden sind. Besonders Polina, die 2022 erst vier Jahre alt war, denkt inzwischen auf Deutsch.
Die drei Mädchen können mittlerweile viel besser Deutsch als ihre Eltern. Sie leben gerne in Wien und besuchen eine Schule im 3. Bezirk. (c) ÖOK/emw
Auch beruflich hat sich viel getan: Maksym arbeitet seit vier Monaten als Reiniger und Techniker, Elena im klostereigenen Kindergarten – einmal pro Woche sogar gemeinsam mit Sr. Elisabeth. Aus Menschen, die besonders zu Beginn viel Unterstützung brauchten, wurden Menschen, die selbst Verantwortung übernehmen.
Heimat Ukraine oder Wien?
Mit der Sprache verbindet sich die Frage nach der Heimat. „Unsere Heimat ist die Ukraine“, sagt Maksym – dort leben seine Mutter, sein Schwiegervater und seine Freunde. Die Kinder sehen das anders: Sie haben hier ihre Freunde und möchten bleiben, erzählt Elena. Vor allem wünscht sie sich, dass ihre Kinder glücklich sind und dass sie sich hier zusammen ein Leben aufbauen können. Das nächste klare Ziel der Familie ist die Rot-Weiß-Rot-Karte.

Gemeinsames Feiern gehört zum Alltag der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft: Natürlich mit viel Musik und Torte. (c) SSM
Nächster Schritt: Eigene Wohnung
Über die Pfarre hat sich eine eigene Wohnung für die Familie aufgetan – nicht, weil die Schwestern sie loswerden wollen, sondern weil es vor allem den Eltern nach vier Jahren auf engstem Raum ein Stück Privatsphäre zurückgeben soll. Die neue Wohnung liegt in derselben Straße. Ganz ohne die Schwestern, sagt Elena, könne sie sich ihr weiteres Leben ohnehin nicht vorstellen.
In den vergangenen vier Jahren sind sie zu einer großen Familie zusammengewachsen. Jeder und jede hat eine Aufgabe: Der Opa holt die Mädchen von der Schule ab, die Oma kocht besonders gerne am Sonntag (auch wenn es einen Radl-Dienst mit den Schwestern gibt), Maksim und Elena helfen mit – und auch die Mädchen packen an, wo sie können.
Können sich ein Leben ohne die Schwestern nicht mehr vorstellen: Elena und Maksym Netrylov sind dankbar für alles, was die Schwestern für sie getan haben. (c) ÖOK/emw | Zum Download
Es ist der Familie ein Anliegen, den Schwestern etwas zurückzugeben. „Sie haben so viel gemacht für uns“, sagt Maksym und nennt sie liebevoll seine „österreichischen Mütter“. Sr. Elisabeth ist darüber sichtlich gerührt. Dann sagt sie, genau das sei es ja, was Schwester-Sein für sie bedeute: anderen Leben zu ermöglichen.
„Orden on air“ – der Podcast der Ordensgemeinschaften Österreich
Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich hat im März 2022 den Podcast Orden on air ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: Ordensfrauen und -männer kommen vor den Vorhang – und vor das Mikrofon. Ziel ist es, Persönlichkeiten vorzustellen, Einblicke in das Leben von Ordensgemeinschaften zu geben und das Engagement von Ordensleuten in vielfältigen Bereichen sichtbar zu machen. Der Podcast ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt.
Weiterlesen:
Franziskanerinnen nehmen Familie aus der Ukraine auf (17.3.2022)
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[elisabeth mayr-wimmer]