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„Wir restaurieren Dinge, weil sie für Menschen eine Bedeutung haben“

Im Kloster der Salesianerinnen im dritten Bezirk, wo neun Ordensfrauen zurückgezogen in Klausur leben, herrscht am 8. Juni 2022 reges und emsiges Treiben. Acht Student*innen der Akademie der bildenden Künste sind mit ihrer Fachbereichsleiterin ins Kloster gekommen, um die wertvollen barocken Thesenblätter für die Restaurierung vorzubereiten.

 Acht Student*innen der Akademie der bildenden Künste bereiten im Kloster der Salesianerinnen am Rennweg alles für die Restaurierung der Thesenblätter vor. (c) ÖOK/Magerl

Acht Student*innen der Akademie der bildenden Künste bereiten im Kloster der Salesianerinnen am Rennweg alles für die Restaurierung der Thesenblätter vor. (c) ÖOK/Magerl

Thesenblätter waren in der Barockzeit gedruckte Ankündigungen gelehrter Dispute, oft die Verteidigung der Thesen einer Doktorarbeit. Sie waren meist mit schön gestalteten und eindrucksvollen Bildern geschmückt und wurden daher gerne als Dekorationsstücke gerahmt und aufgehängt. Die Zeit hat nun ihre Spuren an den Thesenblättern hinterlassen – die Blätter sind oberflächenverschmutzt und teilweise vergilbt, durch Feuchtigkeit gewellt und weisen Risse und Fehlstellen auf. Um deren umfassende Restaurierung kümmern sich die Student*innen vom Institut für Konservierung und Restaurierung, Fachbereich Papierrestaurierung, in den nächsten Monaten.

In andere Lebenswelten eintauchen

Die ersten Vorbereitungsarbeiten finden im Kreuzgang des Klosters der Salesianerinnen statt. Das Kloster befindet sich eingebettet mitten im dritten Wiener Gemeindebezirk, am Rennweg, umgeben von der Musikuniversität, dem Botanischen Garten und dem Garten des Schloss Belvederes. Eine Oase der Ruhe inmitten der lauten und turbulenten Stadt. Oberin Sr. Gratia Baier und Sr. Eva Maria Voglhuber haben sich unter die Student*innengruppe gemischt und beobachten aufmerksam, was mit ihren Schätzen passiert. Über das rege Treiben im Kloster sagt Oberin Sr. Gratia Baier: „Die Studentinnen und Studenten sind herzlich willkommen bei uns. Es ist sehr schön zu sehen, dass sie sich wohlfühlen. Alle sind sehr interessiert und das Schöne ist, sie können direkt miterleben, wo die Bilder, die sie bald restaurieren, herkommen. Und sie schätzen die Pausen in unserem Garten und die Früchte des Maulbeerbaumes.“

„Ich kann die Zusammenarbeit mit der Universität nur wärmstens empfehlen. Es ist sehr unkompliziert und trotzdem professionell“, erzählt Ordensfrau und Kunsthistorikerin Sr. Eva Maria Voglhuber und ergänzt: „Jeder lernt die Lebenswelt des anderen kennen. Diese Zusammenarbeit ist für die Studierenden und auch für uns nichts Alltägliches. Vielleicht dient unser Projekt ja sogar als Ansporn für andere Ordensgemeinschaften, die noch überlegen, ob und wie sie eine Restaurierung angehen sollen.“

Sr. Eva Maria Voglhuber, selbst Kunsthistorikerin, brachte den Stein ins Rolle und erkannte die Dringlichkeit der Restaurierung. (c) ÖOK/Magerl

Sr. Eva Maria Voglhuber, selbst Kunsthistorikerin, brachte den Stein ins Rolle und erkannte die Dringlichkeit der Restaurierung. (c) ÖOK/Magerl

Die Vorbereitungen für dieses Projekt begannen bereits 2016 im Hinblick auf das 300-Jahr-Jubliäum im Jahr 2017. Ein Artikel von Werner Telesko im Jubiläumsband „300 Jahre Salesianerinnen in Wien“, in dem der Autor von den teils schlechten Zuständen der Bilder schreibt, gab den Anstoß. Eva Maria Voglhuber, damals noch im Rahmen von „Kloster auf Zeit“ bei den Salesianerinnen, nahm die Sammlung der Thesenblätter in genauen Augenschein, sie erkannte die Dringlichkeit und setzte ein umfassendes Restaurierungsprojekt in Gang. Über ihr Experten-Netzwerk nahm sie Kontakt zu Sigrid Eyb-Green, Lehrende an der Akademie der bildenden Künste und spezialisiert auf Papierrestaurierungen, auf. Damit war der Stein ins Rollen gebracht. Erste Besichtigungen fanden statt und Größe sowie Zustand der Thesenblätter wurden erhoben, um auch die Kosten der Restaurierung abschätzen zu können.

Die Geschichte hinter den Bildern kennen

Fachbereichsleiterin  und Expertin Sigrid Eyb-Green hat immer wieder mit Ordensgemeinschaften zu tun und schätzt die Zusammenarbeit: „Es ist immer spannend und auch wichtig den Kontext der Bilder zu kennen und die Auftraggeberinnen kennenzulernen. Wir restaurieren nicht um der Sache wegen, sondern weil die Bilder Bedeutung für jemanden haben. So wie hier: Es ist für die Student*innen und für ihre Arbeit wertvoll, die Verbindung der Schwestern zu den Bildern zu kennen und was die Thesenblätter für die Schwestern bedeuten.“

Die Student*innen vor Ort bestätigen die Einschätzung ihrer Fachbereichsleiterin Professorin voll und ganz: „Für uns ist es einfach toll zu sehen, wo die Bilder herkommen. Oft werden uns Objekte zum Restaurieren auf den Tisch gelegt, ohne dass wir den Kontext kennen. Hier sind wir von Anfang an dabei, wissen wo die Bilder herkommen, wo sie gehangen sind, wem sie gehören und welchen wichtigen Stellenwert sie für die Schwestern haben.“ Sie sind aber auch erstaunt, „dass so zentral, mitten in Wien ein Kloster versteckt ist. Hier herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre und es ist auch beeindruckend hier sein zu dürfen.“

Für die Student*innen ist es beeindruckend zu sehen, wo die Bilder herkommen, wo sie gehangen sind und welchen Stellenwert sie für die Ordensfrauen haben. (c) ÖOK/Magerl

Für die Student*innen ist es beeindruckend zu sehen, wo die Bilder herkommen, wo sie gehangen sind und welchen Stellenwert sie für die Ordensfrauen haben. (c) ÖOK/Magerl

Bild, Rahmen, Glas – kostbares Gesamtkunstwerk

Die Thesenblätter sind als Gesamtwerk etwas ganz Besonderes – Bild, Rahmen und auch das Glas. Robert Geyer-Kubista ist Experte in Sachen Glas. Er erklärt: „Es sind ganz besondere barocke mundgeblasene Gläser. Hier ist Vorsicht geboten. Die Gläser sind hauchdünn und sehr verspannt. Ein falscher Handgriff…“ Für die Lagerung der Gläser fertigte Robert Geyer-Kubista eine extra Kiste, „weil die Gläser nur im Stehen gelagert werden dürfen.“

Seit Beginn an begleitet Karin Mayer, Bereichsleiterin Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz, das Projekt. "Es ist mir ein großes Anliegen, dass diese einzigartige Sammlung auch für die Zukunft erhalten bleibt. Ich unterstütze nicht nur bei der Koordinierung des Projektes, sondern auch bei der Vermittlung zwischen Glaubensleben und Wissenschaft. Es ist bereichernd zu sehen, wie lebendig und freudvoll der Austausch ist!", erzählt Karin Mayer. Die Ordensfrauen sind sehr dankbar für die Unterstützung von Karin Mayer, die ihnen bei der Organisation und der Abwicklung mit Rat und Tat zur Seite steht. Und auch dem Bundesdenkmalamt sprechen sie einen großen Dank aus – für die Förderung und Unterstützung des Projektes.

Zweitgrößte Sammlung von Thesenblättern in Österreich

Um die Restaurierung finanzieren zu können, veranstalteten die Freunde der Salesianerinnen ein Sommerfest bei dem Thesenbilder ersteigert werden konnten. So kamen die ersten Spendengelder für die Restaurierung zustande. Zusammen mit der Förderung des Bundesdenkmalamtes gelingt es nun, dass insgesamt acht Thesenblätter in Angriff genommen werden können. „Insgesamt befinden sich rund 80 Thesenblätter bei uns im Haus verteilt, die meisten im Kreuzgang. Es ist – soweit wir wissen – nach dem Stift Göttweig die zweitgrößte Sammlung von Thesenblättern in Österreich“, erzählt Oberin Sr. Gratia Baier.

Für Robert Geyer-Kubista, Experte für die Lagerung von Glas, ist besondere Vorsicht geboten, denn die barocken mundgeblasenen Gläser sind besonders dünn und verspannt. (c) ÖOK/Magerl  Für Robert Geyer-Kubista, Experte in Sachen Glas, ist besondere Vorsicht geboten, denn die barocken mundgeblasenen Gläser sind besonders dünn und verspannt. (c) ÖOK/Magerl

Für Robert Geyer-Kubista, Experte in Sachen Glas, ist besondere Vorsicht geboten, denn die barocken mundgeblasenen Gläser sind besonders dünn und verspannt. (c) ÖOK/Magerl

Jedes Bild erzählt eine Geschichte

Die Bilder werden auch immer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „2018 fand ein Einkehrnachmittag mit den Thesenbildern in unserer Kirche statt. Die Bilder wurden anhand einer kunstgeschichtlichen Betrachtung vorgestellt und dazu ein geistlicher Impuls aus der salesianischen Spiritualität gegeben. Das ist bei den Teilnehmern sehr gut angekommen“, erzählt Sr. Eva Maria Voglhuber. Ihr Blick schweift auf eines der Bilder: „Man muss genau hinsehen, jedes Bild erzählt eine Geschichte, es sind geistliche Bilder und sie regen auch zur Meditation an.“

Wenn alles nach Plan läuft, werden acht Bilder im Herbst fertig restauriert in das Kloster zurückkommen. Die Vorfreude darauf ist groß – Sr. Eva Maria Voglhuber stellt bereits erste Überlegungen an: „Für den heiligen Josef suchen wir einen besonderen Platz“, erzählt sie mit einem freudigen Lächeln im Gesicht.


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[renate magerl]

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