Mit der Wirklichkeit wandelt sich auch ihre Dokumentation

2013 04 23 Archivtagung IMG 1199 Ausschnitt TEASER40 Archivarinnen und Archivare österreichischer Ordensgemeinschaften tagen zurzeit im Salvatorianerkolleg am Wiener Michaelerplatz. Die Eröffnungsrede hielt der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner.

Sammeln, bewerten, bewahren und zugänglich machen von Dokumenten für die Nachwelt ist die Arbeit im Archiv seit Menschengedenken. Doch die Technik wandelt sich, und das rasant. „Die neuen Medien haben das Archivwesen bereits zur Gänze erobert“, sagte Wolfgang Maderthaner, Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, im Eröffnungsvortrag der Archivtagung der Ordensgemeinschaften, „und wir machen diese Entwicklung mit.“ Der Prozess geht nach der Einschätzung Maderthaners unhinterfragt vor sich, es gibt weder große Euphorie, noch kritische Reflexion des technischen Wandels im Archivwesen.

Wie viele Originale gibt es?

Als Beispiel für den Wandel erwähnte Maderthaner die Frage nach dem Original. Die Goldene Bulle, das Privilegium Majus oder den Mobilisierungsbefehl Kaiser Franz Josephs vom Vorabend des Ersten Weltkriegs im Original vor sich zu haben, erfüllt viele Menschen mit einem „heiligen Schauer“. Die Dokumente verbreiten eine Aura. Als Nikita Chruschtschow 1960 seine erste Auslandsreise in den Westen antrat mit Ziel in Wien, hatte er ein Geschenk für den österreichischen Staat im Gepäck: Die Originalkorrespondenz zwischen Fürst Metternich und Salomon Rothschild aus dem Moskauer Staatsarchiv. Erst drei Jahrzehnte später wurde danach geforscht, woher das Moskauer Staatsarchiv die Originale hatte – sie stammten aus dem Berliner Archiv, in das 1938 die enteigneten Dokumente der Familie Rothschild aufgenommen worden waren. Die Dokumente wurden in der Folge restituiert. Die Frage, ob die Dokumente nun für das Staatsarchiv verloren wären, konnte man mit Nein beantworten: Es wurde eine vor Original kaum unterscheidbare Kopie angefertigt. Generaldirektor Maderthaner sprach von einem „2. Original“.

Digitalisierung ist eine Chance, kein Allheilmittel

Dass 2009 das historische Archiv der Stadt Köln eingestürzt ist, bedeutete riesige Verluste. Diese hätten verhindert werden können, wenn das Archiv bereits vollständig digitalisiert gewesen wäre. Aber das Digitalisieren von Archiven ist mit Kosten in astronomischen Höhen verbunden. Außerdem stellt sich zunächst die Frage nach der Haltbarkeit digitaler Daten, die laut Maderthaner noch nicht geklärt ist, sich aber sicher lösen lässt. Wesentlich drängender ist noch die Frage nach der Datensicherheit. Und nach der Qualität der vorhandenen Daten. Die digitale Unmittelbarkeit, Grenzenlosigkeit und Gleichzeitigkeit ist dem Archivwesen entzogen. Während es 2014 nicht schwer sein wird, persönliche Dokumente aus der Zeit des Ausbruchs des I. Weltkriegs vor 100 Jahren in hoher Qualität zu bekommen, verliert sich die Qualität schlagartig mit Aufkommen der digitalen Kommunikationsmittel in den 1980er- und 1990er-Jahren. Das neoliberale Paradigma, zu dem es das erste Mal in der Menschheitsgeschichte keine signifikante Opposition gibt, ist eng mit der digitalen Revolution der Kommunikation verbunden. Die Logik der Technik darf jedoch nicht bestimmen, was archiviert wird, so Maderthaner. Bewahren ist nämlich kein mechanisches Aufheben. Die Rolle der Archivare und Archivarinnen ist nach wie vor eine aktive - sie bestimmen, was die Nachwelt aus unserer Zeit in der Hand hat.

Wandel der Frauenorden in Mitgliederzahlen UND Aufgabenfeldern

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Im zweiten Vortrag lenkte die Historikerin Kirsten Oboth den Blick weg vom Wandel der Archive auf den Wandel der Frauenorden in Deutschland, und wie er in Archiven zugänglich ist. Alleine die Bilder von Ordensfrauen, die sich in Archiven finden, sagen viel über den Wandel aus: Die Anzahl der abgebildeten Ordensfrauen, ihr Alter und die Art der Kleidung hat sich in den vergangenen 50 Jahren verändert. Aber nicht nur die Abbildungen haben sich verändert. Der Wandel in den Gemeinschaften ist tiefgreifender. Während die Frauenorden in Deutschland ihre zahlenmäßige Blütezeit zwischen 1900 und 1940 hatten und auf 90.000 Schwestern anwuchsen, brachte der Nationalsozialismus eine erste Zäsur. Zum rasanten Absturz der Novizinnenzahlen kam es aber erst zwischen 1962 und 1974. Sowohl vorher, als auch nachher, bewegte sich die Novizinnenzahl auf halbwegs konstantem Niveau, aber in ganz unterschiedlichen Dimensionen. Anders die Zahl der pensionierten Ordensfrauen. Während 1973 17% der Ordensfrauen pensioniert waren, lag diese Zahl 2003 bei 53%. Umgekehrt gibt es aber auch Bereiche, in denen nach der Jahrtausendwende mehr Ordensfrauen tätig sind als früher: Waren 1973 nur 1% der Ordensschwestern in der Seelsorge aktiv, nahmen 2003 7% eine direkte seelsorgliche Aufgabe wahr. Sozialarbeiterinnen im engeren Sinn gab es 1973 keine unter den Ordensfrauen, 2003 immerhin 2%. Die eigentliche Krise der Ordensgemeinschaften, so die Historikerin Oboth, liegt aber nicht in der Menge der Ordensfrauen. Es handle sich um eine qualitative Krise, wenn Ordensleuten der Sinn ihrer Berufung nicht mehr bewusst ist. Diese lasse sich nur durch Besinnung auf den Grundauftrag der Orden lösen. An die Teilnehmenden der Archivtagung appellierte Oboth, Memoiren von Schwestern zu sammeln.

Die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs am 22. und 23. April 2013 im Wiener Salvatorianerkolleg wandte sich auch praktischen Beispielen zu durch den Besuch von Michaelerkirche und Michaelergruft, sowie der Archive von St. Michael: Besichtigung des Barnabitenarchivs, des Salvatorianerarchivs und des Pfarrarchivs. Außerdem befassen sich die OrdensarchivarInnen mit den aktuellen Fragen „Wie archiviere ich E-Mails?“ und „Wie archiviere ich digitale Fotos?“. Das Referat für Kulturgüter der Orden hat das Archivtreffen organisiert.

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