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„Verhungern ist ganz leise“

Claudia Villani arbeitete zehn Jahre lang für die Ruth-Pfau-Stiftung im „Afghan Camp“ in Pakistan und kennt die dortigen Probleme und Nöte. In einem persönlichen Brief ruft sie dazu auf, Pakistan mit den neu aus Afghanistan geflohenen Menschen nicht allein zu lassen.

 

Claudia Villani mit Sr. Dr. Ruth Pfau FCM

Claudia Villani mit Sr. Dr. Ruth Pfau FCM, die 2017 in Karatschi gestorben ist. (c) Privat

Einsatz für die Lepraorganisation

»Da im Moment vermehrt die politische Meinung geäußert wird, Pakistan könne sich jetzt des Afghanischen Flüchtlingsproblems annehmen, fühle ich mich verpflichtet über ein bereits bestehendes Flüchtlingslager in Pakistan zu berichten, um die tatsächlichen Gegebenheiten zu beschreiben. 

Ich habe von 2009 bis Jänner 2019 im Rahmen meines Einsatzes für die Lepraorganisation von Dr. Pfau in einem Flüchtlingslager nordwestlich von Karachi gearbeitet. Wir schätzen, dass zirka 120.000 Menschen im Camp leben. Insgesamt sollen sich im Moment 3 bis 4 Millionen Flüchtlinge in Pakistan aufhalten.

Blaue Burkas und Morddrohungen

Es ist brütend heiß. Als wir im Camp ankommen, stehen bzw. sitzen gezählte 423 Menschen vor der Tür unserer improvisierten Ambulanz. Vor allem sind es Frauen unter ihrer meistens blauen Burka. Blaue Burkas sind die billigsten, da aus Kunststoff.

Ich bin für das „feeding program“ zuständig. Viele Mütter sind selbst so unterernährt und am Ende ihrer Kraft, dass sie es nicht mehr schaffen, ihr Kind ausreichend zu stillen. Ein Versuch, die Mütter mit Vitaminen zu versorgen, schlug fehl. Das Regime unterstellte uns, Frauen heimlich mit Verhütungsmittel zu versorgen. Auch vor Morddrohungen gegen uns wurde damals nicht zurückgeschreckt.

Das „feeding program“ für Kinder können wir aber umsetzen. Die meisten Kinder, die kommen, sind unterernährt und in bereits lebensbedrohlicher Verfassung. Wir geben ihnen dann je nach Körpergewicht Nahrungspakete. Was so einfach klingt, ist es aber nicht.

Verhungern ist ganz leise

Eine Mutter reicht mir ihr 3 Monate altes Kind unter der Burka hervor. Das kleine Mädchen atmet nur mehr ganz flach, sie hat keine Kraft mehr, nicht mal um zu wimmern. Ich lege das Kind nicht mehr auf die Waage, sondern reiche es der Mutter zurück. Es ist tot. Verhungern ist ganz leise.

Die Mütter kommen meistens viel zu spät zu uns. Das Camp ist so groß geworden, dass der Weg hierher zu Fuß viele Stunden dauern kann. Und, ist das Kind einmal ins „feeding program“ aufgenommen, muss die Mutter diesen Weg gemeinsam mit dem Kind wöchentlich auf sich nehmen, damit wir das Kind wiegen und ihm die nächste Portion Maisgrieß geben können.

Claudia Villani mit einem unterernährten Kind

Claudia Villani mit einem unterernährten Kind. (c) privat

6.000 Decken

Ich fuhr einmal in der kalten Jahreszeit mit 6 000 Decken ins Camp – ein Fehler, wie sich herausstellte: Es kam zu Ausschreitungen. 6.000 Decken für 120.000 Menschen zu bringen, ohne Kriterien, wie diese verteilt werden, ist nicht möglich.

Aber welche Kriterien gelten? Wer braucht in dieser Kälte keine Decke für seine Kinder?

Kriterien überlebenswichtig

Ins „feeding program“ kommen nur die 0 bis Einjährigen. Einer Mutter, deren 2-Jähriges aus Gründen von Unterernährung keine Kraft mehr zum Stehen hat, kann man das nicht erklären. Sie will allen ihren Kindern, die alle Hunger haben, was zu Essen geben. 

Es scheitert an der falschen Schlagzeile

Wir, das Team um Dr. Pfau, haben uns bisher vergeblich bemüht, andere Organisationen für die Mitarbeit im Camp zu gewinnen. Überall die gleiche Antwort: „Solange auch Taliban im Camp leben (was stimmt), können wir euch nicht unterstützen.“ Zu groß ist die Angst, durch die Schlagzeile z. B. „Organisation XYZ unterstützt Taliban in Pakistan“ in Verruf zu kommen.

Eine Mutter mit ihren Kind im feeding Program

Eine Mutter mit ihren Kind im „feeding Program“. (c) Pfau

Im Teufelskreis

Diese Nichtbeachtung der Menschen und ihrer Not in den „Afghan Camps“ bedeutet aber, dass die Menschen dort völlig auf sich gestellt sind und sich zurecht von der Welt vergessen fühlen. Genau das gibt aber den Taliban wieder einen guten Nährboden für ihre Ideologie.

Die einzige Einnahmequelle im Lager ist das Sammeln von Mist in der Stadt Karachi mit ihren 20 Millionen Einwohnern. Daher entstehen diese Lager aus Verschlägen und improvisierten Zelten vermehrt im Großraum von Karachi. Mit viel Glück finden Männer am Großmarkt einen illegalen Tagesjob beim Verladen von Gemüse.

Fehlendes Wasser

Das aller größte Problem ist jedoch das fehlende Wasser. Es muss gekauft werden. Das Grundwasser so nahe am Meer ist salzig. Unsere Idee, Brunnen zu organisieren ist damit hinfällig. Es kommen Tankwagen, deren Besitzer mit der Not der Menschen noch Profit machen und das Wasser zu hohen Preisen verkaufen. Im Durchschnitt kann sich eine Familie von 10 Mitgliedern einen 20 Liter Wasser Kanister am Tag leisten. Das muss für Trinken, Kochen, Wäsche waschen und Hygiene für alle reichen. Die Qualität des Wassers ist minderwertig und oft verschmutzt. Fast alle medizinischen Probleme, allen voran Infektionskrankheiten, aber auch Dehydration, lassen sich auf das Wasserproblem zurückführen.

Mit diesen konkreten Erfahrungen erlebe ich europäische Vorschläge, die aus Afgahnistan geflohenen Menschen in Pakistan unterbringen zu wollen, als realitätsfern, zynisch und menschenverachtend. Es ist Scheinmoral, das Problem einem Land zuschieben zu wollen, dessen Bevölkerung unter viel schlechteren Lebensbedingungen leben muss als wir in Europa. Öffnen wir unsere Herzen für die Menschen, die nichts mehr haben, auch keine Hoffnung.«

Claudia Villani

Mehr Informationen zur Stiftung und zu Spendenmöglichkeiten:

www.ruth-pfau-stiftung.de

 

[kerstin stelzmann]

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