Zum Weltpilgertag: Allein oder #Gemeinsam unterwegs?

Pilgern ist in aller Munde, das Unterwegs-Sein in der Natur eine Wohltat für Körper-Geist-Seele. Doch macht man sich besser allein oder #gemeinsam auf den Weg? Zum kommenden Weltpilgertag haben wir darüber mit einer erfahrenen Pilgerin sowie einer Pilgerbegleiterin gesprochen. Klar ist: Die Antwort beginnt bei einem selbst.

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Bereits dreimal war sie allein am Jakobsweg in Spanien unterwegs. (c) Alma Becker

„Ist allein gehen schwierig?“, ist eine der Fragen, die Pilgerberaterin Alma Becker vom Quo vadis? in Beratungsgesprächen oft hört. Und tatsächlich ist die Entscheidung „Alleine oder Zusammen“ wesentlich für die Pilgererfahrung. Doch die Frage, was besser ist, lässt sich nicht einfach beantworten – es kommt, wie so oft, auf die persönlichen Wünsche und Erwartungen an den Weg an.

Allein, aber nicht einsam am Jakobsweg

Alma Becker  pilgert gern auch mal allein. Dreimal ging sie bereits am spanischen Jakobsweg nach Santiago de Compostela – stets allein, „aber doch nicht einsam“, lächelt sie, „weil eigentlich bist du dort nie allein, es sind viele Menschen unterwegs. Wenn du willst, kannst du immer Anschluss finden."

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Alma: "Allein ist man am Jakobsweg eignetlich nie, wenn man will, kann man immer Leute treffen." (c) Alma Becker

Bei ihrem ersten Weg ist sie gleich zu Beginn in eine tolle Pilgergruppe „hineingeraten“ und für ein paar Tage mitgegangen, ohne viel darüber nachzudenken. „Wenn du gemeinsam gehst, bist du irgendwann auch füreinander verantwortlich und nicht mehr nur für dich selbst. Das kann natürlich gut passen, aber es war nicht das, was ich damals gesucht habe.“ Denn nach einer stressigen, arbeitsintensiven Zeit in Spanien wollte sie durch das Pilgern am Jakobsweg einen „Cut“ machen, wieder bei sich ankommen. „In einer Gruppe war das schwierig, du bist oft bei anderen und nicht bei dir selbst.“ Schließlich ging Alma allein weiter und suchte sich Anschluss, wenn sie welchen brauchte.

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Ein Selfie mit kurzzeitigen Weggefährten, bevor die Reise allein weitergeht. (c) Alma Becker

 

Gemeinschaft, wenn man sie braucht

„Das Schöne am Jakobsweg ist, dass man sich dort täglich entscheiden kann, ob man lieber allein oder gemeinsam geht. Und, man kann sich auch noch am Tag umentscheiden, weil man ständig auf Leute trifft“, schildert Alma. Beim Spanischen Jakobsweg braucht man also keine Bedenken haben, dass man vereinsamt, doch wie sieht das auf dem heimischen Pilgerwegen aus?

Hier hält der Vergleich nicht stand, berichtet Alma, als Mitinitiatorin des Wiener Jakobswegs kennt sie auch die „Jakobsweg-Szene“ in Ostösterreich und „außer auf dem Pilgerweg nach Mariazell sind nur wenige Pilger unterwegs. Hier ist man anders allein als am Jakobsweg“.

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Menschen, die nicht allein pilgern wollen, bietet Christa Englinger (links) begleitete Pilgertouren an. (c) Christian Hlavac

Pilgern in Gruppen

Was machen nun Menschen, die nicht allein gehen wollen? Sie können sich an eine Pilgerbegleiterin wie Christa Englinger wenden. Seit fast zehn Jahren begleitet sie Pilgergruppen im In- und Ausland, vom Anfänger bis Fortgeschrittenen und weiß um die Vorteile einer Gemeinschaft:

„Es nimmt einem die Angst und Unsicherheiten. Es ist jemand da, wenn ich mir weh tue, ich verirre mich nicht, ich habe wenig Verantwortung – das sind oft Menschen mit wenig Geh- oder Pilgererfahrung.“ Für Anfänger habe sie deswegen ein spezielles „Schnupperpilgern“ im Angebot, bei dem sie alles rund um das Pilgern (Abreise, Unterkünfte, etc.) organisiert. „Vom Pilger wird dann eigentlich nur mehr das Gehen erwartet“, lacht sie.

Gemeinschaft trägt

Aber egal ob Anfängerpilger oder „Alter Hase“, immer sei das „Getragen-Sein von der Gemeinschaft“ spürbar, so Christa: „In einer Gemeinschaft geht es sich einfach leichter, man ist abgelenkt, nimmt es nicht so wahr, wenn es mal steil bergauf geht oder die Sonne runter brennt.“

Christa Englinger: „Man dürfe die Gemeinschaft nicht unterschätzen, die einem durch schwieriges Terrain oder durch schlechtes Wetter trägt.“ (c) Christian Hlavac

Christa Englinger: „Man dürfe die Gemeinschaft nicht unterschätzen, die einem durch schwieriges Terrain oder durch schlechtes Wetter trägt.“ (c) Christian Hlavac 

Sharing is caring

Auch Alma hat am Jakobsweg erfahren, wie wertvoll Gemeinschaft sein kann, dann nämlich, wenn sich Gespräche mit Fremden entwickeln, die schnell auch mal tiefer gehen: „Das hat mir schon oft dabei geholfen, über meine eigene Geschichte zu reflektieren.“

‚Sharing is caring‘ hat es ein Pilgerpartner einmal bezeichnet und seitdem ist dieses Sharing – jemand teilt, der andere kümmert sich – für Alma ein schöner Nebeneffekt des Pilgerns: „Würden mehr Leute teilen, wie es ihnen geht, die Welt wäre ein schönerer Ort.“

Spirituelles Erleben allein und in der Gruppe

Auch Christa Englinger beobachtet immer wieder fasziniert, wie schnell sich intensive Gespräche unter den Pilgern entwickeln „Am ersten Tag wird die eigene Lebensgeschichte erzählt, wer bin ich, woher komme ich, was mache ist etc. Aber schon am nächsten Tag gehen die Gespräche gerne tiefer – oft ausgelöst durch etwas, was am Wegesrand gesehen oder beim Pilgern erlebt wurde.“ Themen sind oft spiritueller Natur, was man glaubt – oder auch nicht, „auch von Leuten, die sonst mit der Kirche nicht so viel am Hut haben oder bewusst ausgetreten sind“.

Pilgerbegleiterin Christa Englinger geht beruflich mit Gruppen pilgern, privat auch gern mal allein. (c) Christian Hlavac

Pilgerbegleiterin Christa Englinger geht beruflich mit Gruppen pilgern, privat auch gern mal allein. (c) Christian Hlavac

Pilgern ist Beten mit Körper, Geist und Seele

Gespräche mit anderen Menschen fehlen beim Einzelpilgern, „aber deswegen ist es nicht weniger spirituell – ganz im Gegenteil“, berichtet Christa. „Ich habe die Freiheit, meinen Gedanken nachzuhängen und auch mal einen Blick dort hinzuwerfen, wo ich sonst nie hinsehe“. Pilgern werde ja oft als Beten mit den Füßen bezeichnet, für Christa Englinger greift das ein Stück zu kurz: „Für mich ist Pilgern ein ganzheitliches Beten –  mit Körper, Geist und Seele. Eigentlich ist der ganze Tag ein einziges Gebet – ein seelisches Treibenlassen in den Tag hinein.“

Christa genießt es, wenn sie mal allein unterwegs ist. „Das habe ich ja sonst nie, dass ich die Strecke, die Pausen so gestalten kann, wie ich das möchte“, lacht sie, „ich kann dort anhalten, wo ich möchte, ohne Rücksicht zu nehmen. Ich folge meinen Impulsen und starte frei und neugierig in den Tag!“ Das sei Freiheit.

Voll im Hier und Jetzt

Auch Alma genießt das allein Unterwegs-Sein auf den heimischen Pilgerwegen: „Man lebt voll im Hier und Jetzt, bleibt bei sich und bei der Natur, nimmt gleichzeitig die Umgebung wie sein Innerstes wahr“, schwärmt sie. Für Pilgerneulinge könne allerdings das lange Allein-Sein schon ungewohnt sein. „Man muss sich schon aushalten können, Ablenkung gibt es keine“, zwinkert sie.  

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Freude wird mehr, wenn man sie teilt - besonders wenn man am Ende des Pilgerweges ankommt. (c) Alma Becker

Ob jetzt allein oder gemeinsam besser sei, müsse jeder für sich selbst beantworten. Alma sieht das aber durchaus pragmatisch: „Der Weg gibt dir das, was du gerade brauchst – auch wenn du vielleicht gerade anderer Meinung bist!“ Wichtig ist, das Wollen und das Losgehen. Dazu rät auch Christa Englinger: „Einfach mal probieren!“


Wenn Sie Lust bekommen haben, zu pilgern - hier gibts mehr Infos:

Alma Becker
Pilgerberatung Quo vadis? & Verein Jakobsweg Wien
Stephansplatz 6 (Zwettlerhof) * 1010 Wien * Tel: +43 1 5120385
www.quovadis.or.at/
www.jakobsweg-wien.at

Christa Englinger
Reiseleitung & Pilgerbegleitung DestinoMondo
Nußberggasse 32/3/5 * 1190 Wien * Tel. +43 664 185 96 93
www.destinomondo.com

Weitere Infos:

https://www.pilgerwege.at/
https://www.train2eupilgrimage.eu/

[elisabeth mayr]