„This is not Europe“

Die Online-Veranstaltung „im Memoriam“, die von ausserordentlich organisiert wurde, lud am 02. Mai 2021 zu einem Einblick in das Flüchtlingscamp Mória: Zu Gast waren Elisabeth Pointner, Filmemacherin und ehemalige Volontärin auf Lesbos, sowie Ali Mustafa, der seit Dezember 2019 in Mória lebt.

 Beim Wäschewaschen im Meer im neuen Camp Mória hilft man sich gegenseitig. (c) Pointner

Beim Wäschewaschen im Meer im neuen Camp Mória hilft man sich gegenseitig. (c) Pointner

Es geht uns alle etwas an

„Ordensleute engagieren sich weltweit für die Rechte von Geflüchteten – dazu hat Papst Franziskus in seiner Enzyklika Fratelli Tutti aufgerufen – auch für die Menschen im Camp Mória auf Lesbos, Griechenland“,  so ausserordentlich-Mitarbeiterin Laura Plochberger.

Zwei Gäste bringen den knapp 30 Teilnehmenden ihre Erlebnisse im Camp Mória näher: Anthropologin und Filmemacherin Elisabeth Pointner, die zwei Monate als Volontärin im Flüchtlingscamp PIKPA war und oft in Mória mithalf. Dort hat sie den zweiten Gast des Nachmittags, Ali Mustafa, kennengelernt, der nach seiner Flucht aus Afghanistan 2019 in Mória gelandet ist und sich dort in den selbstorganisierten Campstrukturen engagiert.

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Mória liegt ganz nahe bei der Türkei, von wo die Flüchtlinge versuchen, überzusetzen.  (c) Pointner

Mória: Schwieriges Verhältnis mit Einheimischen

Elisabeth Pointner wirft eingangs einen Blick auf die Geschichte des Camps. Ausgelegt war das „Containerdorf“ Mória bei seiner Eröffnung 2015 für 2.750 Personen. Zu Beginn kamen auch „wohlhabendere Flüchtlinge ins Camp, von denen die Einheimischen durchaus profitierten. 10 Euro, ein Liter Wasser 8 Euro. Ein gutes Geschäft.“

Je mehr Flüchtlinge jedoch auf Lesbos landeten, desto mehr kippte die Stimmung, dazu brach der Tourismus, eine wichtige Einkommensquelle weg; nur mehr wenige wollten – noch vor Corona – auf die „Flüchtlingsinsel. Es bildeten sich faschistische Gruppierungen vor Ort, um die Bevölkerung vor den Flüchtlingen „zu schützen“. Bis heute ist die Lage zwischen Einheimischen und Geflüchteten angespannt.

„Never met a good local“

„I am sorry to say this, but I have been here for 18 months and not once have I met a good local”, sagt Ali Mustafa, der sich “live” aus Mória zuschaltete. Aber er versuche, Verständnis zu haben. Die Situation sei für die Einheimischen auch nicht einfach.

„Die Bevölkerung war überfordert mit der Situation, die Regierung ließ sie allein“, bestätigt auch Elisabeth Pointner. In der Hochphase lebten 25.000 Menschen im Camp – im Vergleich zu 86.000 Einheimische, die dort leben. Das sind Zahlen, da könne man auch als Einheimischer nicht mehr wegschauen.

Der erste stärkere Regenfall in Mória 2 brachte schon kleinere Überschwemmungen. (c) Pointner

Der erste stärkere Regenfall in Mória 2 brachte schon kleinere Überschwemmungen. (c) Pointner

Welche Auswirkungen diese Kluft hat, wurde nach dem Brand von Mória im September 2020, der das komplette Camp zerstörte, sichtbar:

„Den vor dem Brand fliehenden Menschen, die soeben ein zweites Mal nach der Flucht alles verloren hatten, wurde der Weg nach Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos, versperrt“, berichtet Elisabeth Pointner. Eine eingespielte Fotoshow zeigte Bilder von Barrikaden, von Kindern, die auf der Straße schliefen, von Menschen, die aus einem schmutzigen Kanalschlauch Wasser tranken.

„Besonders bitter war, dass sich die Hoteliers darauf geeinigt haben, niemanden eine Bleibe anzubieten, obwohl durch Corona der Tourismus nieder lag.“

Offiziell wurde der Brand von Flüchtlingen gelegt, das habe der Premierminister in seinem ersten Statement festgehalten. Richtige Beweise dafür lassen sich nicht finden, es werde aber auch nicht genau hingesehen. „Es wird etwa komplett ignoriert, dass bereits davor faschistische Gruppierungen vor Ort versucht haben, das Camp anzuzünden“, erzählt Pointner kopfschüttelnd.

„This is not Europe“

 Ali Mustafa berichtet später über seine Erfahrungen in Mória, die uns Zuseher*innen teils zornig, teils ratlos, großteils traurig machten.

Die Slideshow mit Impressionen aus Mória, die Elisabeth Pointner während der Veranstaltung zeigte, ist auf YouTube nachzuschauen. (c) Pointner/YouTube

„This is not Europe“ sei am Eingang von Mória zu lesen gewesen, als Ali Mustafa 2019 dort ankam. Und Ali will das glauben, denn vieles was er gesehen und erlebt hat, lasse ihn an der Menschlichkeit zweifeln:

„I hardly ever saw any humanity in Mória. I’ve seen ugly things, how people were treated, like sick people and nobody cared about them. I see all the problems people in camp have to face everyday. And it makes my stomach hurt.“

Zu Beginn habe er noch versucht, die Situation so zu nehmen, wie sie ist, „but it’s getting harder every day, especially after the flames. If I start naming problems there is no end to that.”

Besonders schlimm sei es etwa für Eltern, die geflohen sind, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, weg von Krieg und Gewalt. „Children are ruining their future here. There seems to be no future, at least none to believe in.“ Es gäbe auch kaum Unterricht und in Coronazeiten war selbst der ausgesetzt.

Er verstehe diese Welt nicht, die sie, die Menschen in Mória, weder will noch braucht. 

Nach dem Brand von Mória 1 mussten die Menschen auf der Straße schlafen. (c) Pointner

Nach dem Brand von Mória 1 mussten die Menschen auf der Straße schlafen. (c) Pointner

Nicht die Hoffnung verlieren

 Dennoch versucht er, nicht die Hoffnung zu verlieren, das sei aber hart; seit er hier ist, wartet er darauf, dass sein Leben weitergeht, dass er diesen Ort hier verlassen kann. Mória, ein Cut, ein Schnitt in seinem Lebenslauf, der unaufhörlich blutet.

„Mória hat den inoffiziellen Beinamen ‚das Wartelager‘, weil es genau das ist, was die Menschen dort den ganzen Tag machen: Warten auf das Interview, auf den Bescheid, aber auch darauf, Essen zu bekommen, zu Duschen oder auf die Toilette zu gehen“, erzählt Elisabeth Pointner. Eine Toilette für 350 Menschen, eine Dusche für 300 – schnell bilden sich da lange Warteschlangen.

Ali wartet seit Dezember 2019, das erste Interview hatte er ein Jahr später, den negativen Asylbescheid hat er seit ein paar Wochen. Er will es weiter versuchen, noch habe er die Hoffnung nicht verloren. Er arbeite im Camp, verteile Kleidung, sammle Flaschen.

„Every day I want to make things better here in the camp. Never give up hope“, lächelt er uns durch die Kamera an und man ist erstaunt, woher er in dieser Trostlosigkeit seine Kraft nimmt. Im Hintergrund ist das graue, aufgewühlte Meer zu sehen, davor graue Hütten, es regnet und sieht trostlos aus. Es ist nicht das Postkarten-Griechenland, das man kennt.

Camp Mória 2.

Er ist gemeinsam mit ca. 5.800 Menschen im neuen Camp Mória, das die Regierung nach dem Brand direkt am Meer errichtet hat und „nach Premierminister Mitsokatis, „viel besser sein sollte als das alte“, so Pointner. Der erste stärkere Regenfall in Mória 2 brachte schon kleinere Überschwemmungen.

Ali Mustafa hofft auf einen positiven Asylbescheid. Elisabeth Pointner will ihm dabei helfen. „Es ist ein Film über ihn im Entstehen, der 2021 veröffentlicht werden soll, der Titel „in Memoriam“, Namensgeber der heutigen Veranstaltung, soll Reminder und Aufforderung zugleich sein, die Menschen und ihre Schicksale im Camp Mória, nicht zu vergessen.“

Die knapp 25 Teilnehmer*innen verfolgten online den Ausführungen von Elisabeth Pointner und Ali Mustafa. (c) OG

Die knapp 25 Teilnehmer*innen verfolgten online den Ausführungen von Elisabeth Pointner und Ali Mustafa. (c) OG


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[elisabeth mayr]