Hoffen heißt akzeptieren ohne sich entmutigen zu lassen

"Die Hoffnung ist kein strahlend-reines Halleluja in C-Dur! Vielmehr schwingt in ihr ein Mollklang mit – eine Stimmung, die gutgelaunten Optimisten fremd ist." schreibt Sr. Melanie Wolfers in ihrem neuesten Blogbeitrag, dessen Botschaft auch in einem "Was ich glaube" auf ORF2 zu Ostern ausgestrahlt wurde.

IMG 4645

 "Hoffen heißt: Ich akzeptiere die bedrängende Situation, ohne mich von ihr entmutigen zu lassen. Zuversicht heißt: Ich erkenne den Ernst der Lage und nutze zugleich die Spielräume, die sich auftun", erinnert Sr. Melanie Wolfers SDS. (c) unsplash.com

"Verlernt die Illusionen! Wie wir zuversichtlich leben können, ohne blauäugig zu sein" ist der neueste Text der bekannten Autorin und Salvatorianerin Sr. Melanie Wolfers überschrieben. Ein Thema, das für viele in der momentanen Situation von großer Bedeutung ist. Die Autorin beginnt mit einer Begegnung die sie aufmerken ließ: 

"Gestern wartete ich vor einer Apotheke darauf, eingelassen zu werden. Ein Mann sagte: „Ach, die ganze Corona-Geschichte wird schon gut ausgehen!“ Im ersten Augenblick habe ich den Mann um seinen unverwüstlichen Optimismus beneidet. Doch dummerweise täuscht er sich. Es wird nicht einfach alles gut ausgehen! Wie können wir in diesen Zeiten Hoffnung und Zuversicht bewahren, ohne blind und blauäugig zu sein?
Es gibt viele Gründe, sich zu ängstigen: schwerkranke Menschen, finanzielle Existenznöte, Einsamkeit, wachsende Gewalt in Familien auf engem Raum , Arbeitslosigkeit und eine strauchelnde Wirtschaft…Wie lässt sich diese Not aushalten, ohne zu verzweifeln? Wie können wir in diesen Zeiten Hoffnung und Zuversicht bewahren, ohne blind und blauäugig zu sein?


Hoffen lernen heißt, Illusionen zu verlernen

Hoffnung ist etwas anderes als ein naiver Optimismus, der einfach nicht so genau hinschaut. Vielmehr gehört zur Hoffnung, dass ich meine Augen öffne; dass ich die bedrängende Not in Blick nehme, mich an ihr reibe und unter ihr leide.
Hoffen lernen heißt daher immer auch, Illusionen zu verlernen – Illusionen über sich selbst, über das Leben und über Gott. Auch wenn wir es uns anders wünschen: Das Leben ist chaotisch und unkontrollierbar! Wir selbst sind verwundbar so wie auch die Menschen, die wir lieben, und alles, was wir aufgebaut haben. Und kein Gott bewahrt vor Unglück, Angst und Verzweiflung, vor Gewalt, Krankheit und Tod.

Die Hoffnung ist kein strahlend-reines Halleluja in C-Dur! Vielmehr schwingt in ihr ein Mollklang mit – eine Stimmung, die gutgelaunten Optimisten fremd ist. Denn Hoffen heißt: Ich akzeptiere die bedrängende Situation, ohne mich von ihr entmutigen zu lassen. Zuversicht heißt: Ich erkenne den Ernst der Lage und nutze zugleich die Spielräume, die sich auftun.


Wir lernen hoffen, indem wir Hoffnung tatkräftig leben

Diese tatkräftige Hoffnung leben uns derzeit viele vor. Etwa die Menschen, die in ihrer Quarantäne von Balkon zu Balkon gemeinsam Musik machen. Oder jene Ärztin, die auf der Intensivstation Corona-Patienten behandelt. Den Zustand mancher Erkrankten und die zu erwartende hohe Zahl an Schwerkranken sieht sie illusionslos. Sie lässt sich in ihrem Handeln nicht von der Aussicht auf ein Happy-end leiten. Vielmehr wird ihr Handeln getragen von der Überzeugung, dass es richtig ist, sich so zu engagieren – auch gegen widrige Umstände und unabhängig davon, ob es zum Erfolgt führt oder nicht. Wer nur den äußeren Erfolg im Blick hat, gibt leicht frustriert auf, wenn die Dinge nicht so laufen wie erhofft. Wer seiner inneren Überzeugung folgt, bleibt auch angesichts von Widerständen stabil.

Diese Art von innerer Stärke hat der tschechische Menschenrechtler und Präsident Václav Havel wunderbar beschrieben: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Was Sinn macht, spürt jede und jeder von uns! Denn jeder und jede weiß, wann wir uns anständig und menschlich verhalten. Wir wissen, wann wir unseren Spielraum nutzen und Not mildern, die regionale Wirtschaft durch bewussten Einkauf fördern, andere vor Ansteckung schützen, Menschen in Ländern mit schlechten Gesundheitseinrichtungen unterstützen…

Hoffnung wecken. Diese Formulierung deutet an, dass es unter aller Angst eine tragende Hoffnung gibt. Oft schlummert sie. Aber sie kann geweckt werden!


Was stärkt unsere Hoffnung?

Einen Hinweis gibt die vielsagende Redewendung: Hoffnung wecken. Diese Formulierung deutet an, dass es unter aller Angst eine tragende Hoffnung gibt. Oft schlummert sie oder wird von negativen Erfahrungen verdeckt. Aber sie kann geweckt werden! Da ist es jemandem vielleicht klamm ums Herz – und eine Begegnung oder ein Sonnenstrahl an grauen Tagen ruft unverhofft Vertrauen in ihm wach. Er spürt neue Zuversicht.

Vielen hilft, biblische Vertrauensworte in ihre Unruhe hineinzusprechen. Beispielsweise: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? (Psalm 27,1). Oder: „Du bist mein Fels, meine Hilfe, meine Burg.“ (Psalm 62,3) Wiederholen wir einen solchen Satz in einem ruhigen Rhythmus, kann dies eine entsprechende Saite in uns zum Schwingen bringen. Das bedeutet nicht, dass die Angst mit einem Mal verstummt. Wohl aber kommen andere, hellere Töne auch zum Klingen – und das verändert die innere Stimmung.

Hoffnung kann geweckt werden, wenn ich in Kontakt komme mit dem göttlichen Leben, das mich und alles im Grunde immer schon umgibt und von innen her trägt – etwa durch eine Begegnung, einen Sonnenstrahl, ein Bibelwort… Vor allem kann Hoffnung geweckt werden durch die zentrale Botschaft des Osterfestes: durch die Auferstehung Jesu Christi! Im Osterfest geht es um eine existenzielle Ebene. Denn wenn es eine erste und letzte Hoffnung gibt, die alle angeht, dann diese: Unser endliches Leben mit seinem Schrecken und seiner Schönheit ist im Unendlichen geborgen. In der göttlichen Liebe leben wir, bewegen wir uns und sind wir (vgl. Apostelgeschichte 17,28) – jeden Augenblick unseres Lebens und über dieses Leben hinaus.

In dem Maß, in dem uns diese entscheidende Wirklichkeit aufgeht, werden wir den Ernst unserer jetzigen Lage erkennen, und wir werden zugleich die Spielräume nutzen, um für andere dazusein. In unserem Handeln wird sich unsere Hoffnung widerspiegeln. 

Quelle: melaniewolfers.de

 

[magdalena schauer]