Weltfrauentags-Serie Tag 2: Reflexion einer Achtundsechzigerin

Heute erinnert sich die ehemalige Frauenorden-Vorsitzende Sr. Beatrix Mayrhofer zurück an das Jahr 1968, als sie als junge Studentin an die Uni kam und in welcher Stimmung die Frauenordenslandschaft damals sich befand.

20200227 Frauentag JETZT Hefte KLEIN 4 700

"Seit wann stört mich eigentlich die männliche Rede beim Sprechen über Ordensfrauen?" fragt sich Sr. Beatrix Mayrhofer beim Lesen des Textes aus 1968. (c) Schauer

 

1969: Sr. Marie Marcelle de Maegdt, Sint-Niklaas, Belgien

 „Was die Gemeinschaft braucht, ist der tätige Beitrag jedes einzelnen mit allen seinen Gaben und allen in ihm liegenden Möglichkeiten. Was dem Wohl der anderen und des Ganzen im Wege steht, ist nicht die Persönlichkeit der Einzelmitglieder sondern gegebenenfalls ihre Weigerung, sich selbst zu schenken.
Man ist niemals genug Persönlichkeit. Die einzige Gefahr liegt darin, dass man es zu wenig ist, indem man sich in eine individualistische Haltung verschließt. Gehorchen heißt mehr Persönlichkeit werden in dem Sinne, dass man immer freier und klarer entdeckt, dass die Person nur dadurch lebt und sich verwirklicht, dass sie tragfähige Bindungen zu anderen Menschen herstellt, indem sie sich in die Gemeinschaft oder die Gemeinschaften hineinstellt. Der Gehorsam ist zunächst Reaktion auf ein Gebot, eine Ordnung.
Er erwächst aus einer grundlegenden Forderung der menschlichen Person, die sich nur dann verwirklichen kann, wenn sie ihren richtigen Platz unter anderen findet. Gehorchen heißt seinen eigenen Willen, soweit er individualistisch, eng, selbstsüchtig ist, korrigieren und ihm eine Ausrichtung geben. Das soll die Persönlichkeit keinesfalls einengen, sondern ihr im Gegenteil gestatten, sich zu entfalten und ihre wahre Dimension als in eine Gemeinschaft mit anderen eingefügtes, zu anderen in Beziehung stehendes Wesen zu gewinnen."
Aus "JETZT", Zeitschrift der österreichischen Ordensfrauen, 3/1968

 

2020: Sr. Beatrix Mayrhofer SSND, eh. Vorsitzende der Frauenorden Österreichs

1968 – was für eine Jahreszahl! Ich muss oft über mich selbst schmunzeln. Ja, ich bin eine Achtundsechzigerin – aber ich habe es lange nicht gewusst! Im Wintersemester 1968 habe ich an der Universität Wien zu studieren begonnen: Pädagogik und Psychologie, also gleich einmal viele Wochenstunden Statistik. Statistik, das war der geheime Numerus clausus. Wer die Prüfung nicht schaffte hat, konnte das dritte Semester gar nicht inskribieren. Psychologie und Naturwissenschaft, Psychologie als Naturwissenschaft. Der alte Professor Rohracher hat mit Eifer versucht zu erklären, dass es keine Seele gibt. Wir haben gelernt und diskutiert. Es war ziemlich schmutzig, Flugblätter überall. Demos und Proteste - und die Mao-Bibel, das kleine rote Buch!  Der Pater-noster-Aufzug im Neuen Institutsgebäude ratterte hinauf in die Mensa. Mein Budget reichte meist nur für eine Portion Pommes. Das Essen war auch gar nicht so wichtig, das Denken war bedeutsam, das Argumentieren. Was immer auch los war an der Uni – ich hielt es für ganz normal.  So geht es eben zu an der Uni, dachte ich mir, ich Kind aus der Welser Neustadt. Es hat noch einiger Semester des Studiums und des Noviziats in der Gemeinschaft der Schulschwestern bedurft, bis mir bewusst wurde, in welcher Zeit des Umbruchs ich zu studieren begonnen habe – und ins Kloster gegangen bin.

Beatrix Foto Schauer

Sr. Beatrix Mayrhofer leitete als Präsidentin die Vereinigung der Frauenorden Österreich von 2013 bis 2019. (c) Schauer

Ich bin eingetreten – und sehr liebe Mitschwestern sind ausgetreten, eine nach der anderen. Immer wieder ging es dabei um die Frage der Selbstverwirklichung, um Mitsprache, Mitwirkung, um das Spannungsverhältnis von Gemeinschaft und Persönlichkeit, um eine neue Gestalt des Ordenslebens.

Der Beitrag von Sr. Marie Marcelle de Maegdt, Sint-Niklaas, klingt sehr aktuell – und dennoch stolpere ich schon über die erste Zeile. Auch eine Ordensfrau aus Belgien – oder doch nur die Übersetzerin? – hat in einer Zeitschrift für Ordensfrauen vom „tätigen Beitrag jedes einzelnen mit all seinen Gaben und allen in ihm liegenden Möglichkeiten“ geschrieben.

Das ist vor 50 Jahren noch niemandem aufgefallen. Seit wann eigentlich stört mich die männliche Rede beim Sprechen über uns Ordensfrauen, uns Frauen in der Gesellschaft, in der Kirche?"


Zum Weiterlesen: Weltfrauentags-Serie

 20200311 Frauentag 4 JETZT Hefte KLEIN 5

Weltfrauentags-Serie Tag 4: Gelebte Spiritualität von Sr. Ruth Pucher

 20200227 Frauentag 3 JETZT Hefte KLEIN 8

Weltfrauentags-Serie Tag 3: Rolle und Aufgaben einer Oberin von Sr. Margartha Tschische

 20200227 Frauentag 1 JETZT Hefte KLEIN 1

Weltfrauentags-Serie Tag 1: Aufruf zum Dialog von Erzabt Korbinian Birnbacher

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[elisabeth mayr]