Die Sprache der Angst

Die aktuelle Lage in Europa gibt Anlass zur Sorge. Man spricht wieder von Grenzen dicht machen und Flüchtlingsrouten schließen, von Transitzentren usw. Wie sprechen wir von Flüchtlingen und welche Bilder entstehen dabei im Kopf? Begrifflichkeiten können Geschichten positiv oder negativ beeinflussen. Die Sprachforscherin Ruth Wodak beschäftigt sich intensiv mit den Mechanismen zur Konstruktion von Realität durch Sprache und wie sie für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Das Interview mit ihr findet sich in der neuen Ausgabe des Magazins ON Ordensnachrichten.

Frau Prof. Wodak, in Ihrem 2016 erschienenen Buch „Politik mit der Angst“ schreiben Sie wörtlich: „Angst beherrscht gegenwärtig den politischen Alltag.“ Gleichzeitig wurde Österreich vom Global Peace Index zum drittsichersten Land der Welt gewählt.

Ruth Wodak: Rechtspopulistische Parteien erzeugen Angst und legitimieren damit ihre politischen Ziele. Sie arbeiten erfolgreich mit dem Argument, man müsse für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen. Da gibt es genügend Beispiele aus der jüngsten Geschichte, zum Beispiel nach 9/11. Momentan wird von der heimischen Politik eine starke Konfrontation inszeniert, in der die Flüchtlinge und Migranten als große Bedrohung von außen erscheinen. Das Flüchtlingsthema dominiert seit 2015 alles.

Das war ja nicht immer so …

Ruth Wodak: Ja, eine Zeitlang stellten die Medien die Flüchtlinge als arme Verfolgte dar. Rund um den Globus waren Bilder umgegangen, die die Menschen erschütterten. In Parndorf waren 71 Flüchtlinge in einem Lastwagen erstickt; in Bodrum in der Türkei war das tote Flüchtlingskind Aylan an das Ufer geschwemmt worden; das waren Bilder, die bei den Menschen für Mitleid sorgten. Man war sich einig: Da kann man nicht einfach zusehen, man muss die Grenzen öffnen.

Und warum kippte das?

Ruth Wodak: Das ist das alte Sündenbock-Muster: Zufällige zusammenfallende Faktoren werden genommen, um Angst und Bedrohungsszenarien zu erzeugen. Reale Krisen werden übertrieben oder übersteigert dargestellt, um ein Sicherheitsproblem zu inszenieren. Diese Faktoren instrumentalisieren rechtspopulistische Parteien, indem sie einen Schuldigen suchen. Und dann bietet man eine ganz einfache Lösung an: Wenn wir diese Schuldigen entfernen, dann haben wir auch keine Probleme mehr. Man kanalisiert die Angst also in eine bestimmte Richtung, präsentiert sich selbst als Retter, als eine Art Robin Hood, und legitimiert so seine Ausgrenzungspolitik. Wer dann diese Sündenböcke sind, ist eigentlich egal. Aktuell bieten sich zufällig die Migranten an. Die Rechtspopulisten stilisieren sie zu Illegalen, die ihre Familien in Stich lassen und hier bei uns zu Sozialschmarotzern werden, die unsere Frauen belästigen und vergewaltigen. Sie werden zu „Invasoren“, wie sie Norbert Hofer genannt hat.

Damit „erzählt“ man auf gewisse Art und Weise auch eine andere „Geschichte“.

Ruth Wodak: Natürlich. Mit einer bestimmten Bezeichnung erzeugt man auch eine bestimmte Geschichte im Kopf. Denn Flüchtlinge flüchten – vor Krieg, vor Folter, vor Tod. Nenne ich sie allerdings zum Beispiel Wirtschaftsflüchtlinge, dann rücken plötzlich wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund. Ich spreche ihnen plötzlich ab, dass sie sich in Lebensgefahr befanden und es in Wirklichkeit keinen Grund gab zu flüchten außer dem, sich nach Österreich hineinzuschwindeln, weil hier die Sozialleistungen so hoch sind. Wenn das oft genug auf den Rednerbühnen propagiert und in den Medien wiedergekaut wird, dann verfestigt sich dieses Bild kollektiv.

Die Boulevardzeitungen haben daran aber wesentlichen Anteil …

Ruth Wodak: Ja, beim Lesen der Boulevardzeitungen konnte man den Eindruck bekommen, Österreich werde in einer Art Invasion erobert. Man sprach von einer „Flutwelle“ und setzte die Flüchtlinge mit Naturkatastrophen wie Tsunamis gleich. Was man damit erreichte, war, dass man die Menschen entindividualisierte, ihnen quasi ein Menschendasein absprach und sie zu einer gesichtslosen Masse machte. Aber Naturkatastrophen sind gefährlich, sie können zerstören. Plötzlich war diese Masse gefährlich, es passiert die klassische Opfer- Täter-Umkehr. Und jetzt sprach man ja auch von der „Festung Europa“, die gegen diese Invasoren Schutz bieten soll.

Gab es Auslöser für diese Veränderung in der Begrifflichkeit?

Ruth Wodak: Meiner Meinung nach mehrere. Zu einem passierte es, dass die FPÖ immer mehr Zulauf gewinnen konnte – und das mit klar flüchtlings- und ausländerfeindlichen Inhalten. Diese Stimmenzuwächse waren mit ein Grund, warum letztendlich auch die anderen Parteien in ihren Begrifflichkeiten umschwenkten; der Begriff der Festung wurde zum Beispiel von der ÖVP geprägt. Mit den Terroranschlägen in Paris im November 2015 und den Übergriffen gegen Frauen in Köln in der Silvesternacht 2015/2016 waren dann Anlässe gefunden worden, die in den österreichischen Medien und von der Politik stark instrumentalisiert wurden und die den Schwenk zu rechtfertigen schienen. Plötzlich schallte es laut von den Titelseiten, „unsere Frauen“ müssten vor diesen gewalttätigen „fremden Männern“ beschützt werden. Das ist eine Metaphorik für den nationalen Körper, der bedroht wird. Daher müsse man die Grenzen besser kontrollieren und letztendlich schließen. Man sprach auch nicht mehr von „Zäunen“, sondern von „Mauern“.

Wie kann man sich diesen Mechanismen widersetzen?

Ruth Wodak: Indem man bei diesem „rechtpopulistischen Perpetuum mobile“, wie ich es nenne, nicht mehr mitspielt. Mit einer Aussage provozieren, damit man in die Schlagzeilen kommt, und sich anschließend als Opfer einer linken Jagdgesellschaft inszenieren kann – auf diesen Zug der Rechtspopulisten darf man nicht aufspringen.

Univ. Prof.in Dr.in Ruth Wodak, Jg. 1950, ist em. Linguistikprofessorin an der Universität Wien sowie der britischen Lancaster University. Die Wittgensteinpreisträgerin und vielfach ausgezeichnete Sprachwissenschafterin ist Expertin für Soziolinguistik und setzt sich intensiv mit der Vorurteilsforschung auseinander. Foto: Ruth Wodak

[rsonnleitner]