Einsiedler Br. Raimund: Die Sinnleere ist die Seuche der Zukunft

2014 05 19 br einsiedler 120Der Einsiedler von Saalfelden, Br. Raimund von der Thannen, stellt seine Beobachtungen und Wahrnehmungen für den Themenschwerpunkt „viel mehr wesentlich weniger“ in einem Gespräch zur Verfügung. „Die Sehnsucht nach dem Weniger, Wesentlichen und Einfachen hat hier oben einen Platz.“ Sr. Bärbel Thomä vom Haus der Besinnung in Maria Kirchental: „Menschen suchen Stille, wo sie einfach sein können.“

„Das Eremitenleben weckt gewisse Sehnsüchte im Menschen von heute. Diese Reduktion auf das Notwendigste, diese Alternative, dieses Fremde in der Welt rührt bei den heutigen Menschen, die von einem unglaublichen Überfluss an Materiellen und medialen Dingen umgeben sind, irgendwie um.“ Br. Raimund vom Stift St. Lambrecht in der Steiermark ist von April bis Oktober in der Einsiedelei auf 1.001 Meter in der Felswand oberhalb von Saalfelden. „Die Kapelle ist das Zentrum. Darum hat sich dieser Ort gebildet. Zuhören, da sein, schweigen, Ermutigungen aussprechen, dem oft schweren Leben Erleichterung ermöglichen im Gebet und einfache Gastfreundschaft ist mein Dienst für die Menschen, die hier herauf kommen.“ Medien haben in letzter Zeit großes Interesse am gebürtigen Vorarlberger: „Anfragen für ‚Mediengschichtln‘ stehe ich sehr zurückhaltend gegenüber. Es geht im Leben nicht um ein Gschichtl“.

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Seit 11 Jahren ein Ort für Sorgen und Nöte

Seit 11 Jahren verbringt Br. Raimund den Sommer hoch über Saalfelden. „Die Leute haben hier in den letzten Jahren einen Platz gefunden, wo sie ihr oft brüchiges Leben herauftragen können. Das drogensüchtige Kind, der Todesfall, über den man nicht drüberkommt, oder auch Touristen, die ein schweres Schicksal zu tragen haben, kommen immer wieder. Mit Schuldgefühlen und mit Verlust fertig werden ist für den Menschen nicht einfach.“ Die Leute wissen und spüren: „Da ist etwas Religiöses. Menschen tun sich mit ihm als Einsiedler leichter als mit einer kirchlichen Amtsperson. Ich habe kein Amtskappel. Viele Institutionen – so auch die Kirche – drehen sich um sich selber, um die Eigenerhaltung.“ Br. Raimund strahlt eine spirituelle Weite aus, und das öffnet Menschen. Oft hört er: „Ich möchte auch so glauben können.“

2014 05 19 br einsiedler 250Sr. Bärbel Thomä von den Missionarinnen Christi, die beim Gespräch dabei war, ergänzt aus ihrer Erfahrung aus dem Haus der Besinnung in Maria Kirchental: „Bei uns kommen auch ganz unterschiedliche Menschen, und es geht darum, dass jede und jeder in ihre und seine eigene Wahrheit findet. Menschen suchen den Ort, die Stille, wollen einfach nur bleiben, weil der Alltag zu voll geworden ist.“

Die Wahnsinnsfülle

„Was will Gott von mir, auf meinem Quadratmeter, in meiner Verantwortung“, darin sieht der Einsiedler das Eigentliche des Lebens. Worin liegt die Sehnsucht nach dem Mehr begründet? „Verstärkt kommen Burnout-Leute. Auffällig ist für mich einerseits diese Wahnsinnsfülle, dieser volle Terminkalender, der Freizeitstress. Andererseits spüre ich, was Viktor Frankl gesagt hat: Die Sinnleere ist die Seuche der Zukunft. Der übergeordnete Sinn ist nicht mehr zugänglich als Orientierung für den Alltag.“

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Was hält die Leute ab, zum Wesentlichen zu kommen?  Br. Raimund erzählt von einem Besucher, der ihm alle negativen Klischees von Kirche mit einer unglaublichen Aggression an den Kopf geworfen hat. Er hört geduldig zu. Später, nach einem Schweigen, fragt er ihn: „Wie groß muss ihre Sehnsucht nach Gott sein, dass sie so aggressiv sind.“ Es sind die Klischee-Geschichten und negativen Erfahrungen, die dem Menschen heute viel verbauen. „Auch die aufstachelnden medialen Geschichten bilden einen Mantel, einen Panzer, wo sie nicht durchkommen zum Einfachen. Gott ist so einfach, alles andere kompliziert. Es ist alles einfach.“

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Was führt ins Einfache?

„Der meditiert beim Gehen“, hat Br. Raimund von einem koreanischen Gast gehört, als er mit 25 Kilo am Buckel zur Einsiedelei hochgegangen ist. Das Gehen ermöglicht eine Art „Selbstvergessenheit“. Sr. Bärbel macht Atemtage: „Einfach ein- und ausatmen und genau das wahrnehmen, sich damit gut tun.“ Beide erwähnen als Wege in das Einfache, ins Loslassen: die Stille, die Natur, etwas Sinnstiftendes tun. Br. Raimund spricht das Essen an: „Jeder Löffel Suppe kann ein Gebet sein. Alles kann Gebet sein.“ „Danke ganz besonders für das Schweigen“, hört Br. Raimund öfter von Menschen, mit denen er einfach vor der Einsiedelei sitzt. Spiritualität muss einfach und ohne Barrieren zugänglich sein. Es braucht dazu keine Amtsperson. „Wenn du dich irgendwo niedergelassen hast, entferne dich nicht leicht“, wissen die Wüstenväter. Tiefe Spiritualität hat auch mit konsequenter „Einübung“ zu tun, mit Konsequenz, dabei zu bleiben.  Aber: „Es gibt unglaublich viele Ablenkungen vom Wesentlichen“.

Die Schwerpunktreihe „viel mehr wesentlich weniger“ wird bis zum Oktober fortgesetzt.

Ansprechpartner: Ferdinand Kaineder, 0699 / 1503 2847

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