Salesianer-Generalrat warnt vor wachsenden Gefahren für Straßenkinder

Hoffnungsträger: P. Rafael Bejarano Rivera inmitten von Straßenkindern, denen der oberste Salesianer-Jugendseelsorger eine Stimme gibt. © Salesianer Don Boscos
Bejarano Rivera beobachtet seit Jahren die Lebensrealitäten junger Menschen in prekären Verhältnissen und ist derzeit auf Einladung des Hilfswerks „Jugend Eine Welt“ in Österreich zu Gast. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur „kathpress“ schildert er, dass das klassische Bild von Kindern, die dauerhaft auf der Straße leben, vielerorts überholt sei – speziell in Südamerika. In Ländern wie seiner Heimat Kolumbien sei das Phänomen historisch eng mit Landflucht und jahrzehntelanger innerer Gewalt verbunden gewesen. Früher hätten Kinder und Jugendliche tatsächlich unter Brücken oder in Kanalschächten gelebt, durch Betteln oder Kleinkriminalität überlebt und bei der Bevölkerung Angst ausgelöst. Heute spreche man bewusst von „Kindern in Straßensituationen“.
Stattdessen wachse heutzutage die Zahl jener Kinder und Jugendlichen, die zwar offiziell ein Zuhause haben, dort aber kaum Schutz, Zuwendung oder Stabilität erfahren: „Viele von ihnen haben noch ein Zuhause, leben aber faktisch ohne elterliche Begleitung.“ Diese Kinder bewegen sich zwischen Familie, Straße und informellen Strukturen – und geraten dabei leicht aus dem Blickfeld von Behörden und Hilfsorganisationen.
Abhängigkeiten, Gewalt und Ausbeutung
Besonders besorgniserregend sei laut dem Salesianer die zunehmende Verflechtung mit organisierter Kriminalität. Der Einstieg erfolge oft über den Mikrodrogenhandel. „Diese Gruppen bieten scheinbaren Schutz, binden die jungen Menschen aber schrittweise in organisierte Kriminalität ein“, erklärte Bejarano. Eng damit verbunden seien Prostitution, Missbrauch und Suchterkrankungen. Jugendliche würden gezielt angeworben, da sie als Minderjährige ein geringeres strafrechtliches Risiko für kriminelle Organisationen darstellten. Ähnliche Entwicklungen beobachte man nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Afrika, Asien und im Nahen Osten.
Wie groß das Ausmaß des Problems tatsächlich ist, lässt sich nur schwer beziffern. Weltweit wird die Zahl der Straßenkinder auf bis zu 150 Millionen geschätzt, verlässliche Zahlen gebe es jedoch nicht, betonte Bejarano. Viele seien nie offiziell registriert, besäßen keine Geburtsurkunde und hätten keinen Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung. „Diese Kinder bleiben oft unsichtbar, obwohl sie enormen Risiken ausgesetzt sind.“ Gerade diese Unsichtbarkeit erschwere gezielte Hilfe.
Individueller Betreuungsplan als Hoffnungsquelle
In der Arbeit mit betroffenen Kindern setzen die Salesianer Don Boscos auf langfristige Begleitung und die Rückbindung an familiäre und soziale Strukturen. „Unser Ziel ist nicht äußerer Erfolg, sondern die Wiederherstellung menschlicher Beziehungen“, sagt Bejarano. Ein junger Mensch solle wieder Teil einer Familie und der Gesellschaft werden können. Jeder Jugendliche erhalte einen individuellen Betreuungsplan, der Bildung, Gesundheitsversorgung, psychosoziale Unterstützung und berufliche Perspektiven umfasst.

Im Fokus: Der von Jugend Eine Welt organisierte „Tag der Straßenkinder“, der jährlich am 31. Jänner, dem Gedenktag des Ordensgründers Johannes Bosco, begangen wird, rückt Straßenkinder ins Licht der Öffentlichkeit. © Sagar Baid (Unsplash)
Die konkrete pädagogische Arbeit erfolgt oft über niederschwellige Angebote in Salesianer-Jugendzentren, den sogenannten „Oratorien“: Fußball, Musik, Tanz, Bastelangebote oder Feriencamps schaffen Vertrauen und stabile Beziehungen. „Wir nutzen Dinge, die den Kindern Freude machen, um Zugang zu ihrer Lebenswelt zu erhalten“, erklärte Bejarano. So werden die Jugendlichen Schritt für Schritt in Bildungs- und Unterstützungsprogramme eingebunden.
Hoffnung dürfe kein abstrakter Begriff bleiben, betonte Bejarano, sondern müsse in konkreten Bildungswegen, realistischen Zielen und tragfähigen Netzwerken aus Familie, Schule, Staat und Zivilgesellschaft greifbar werden. Bildung verstehe man auch als Beitrag zum Frieden: „Frieden entsteht dort, wo Menschen Würde, Gerechtigkeit und Zukunftsperspektiven erfahren.“
Weltweite Lobbyarbeit für die Jugend
Die Pädagogik der Salesianer Don Boscos wird heute in 138 Ländern angewandt, auch außerhalb christlicher Kontexte. Bejarano, Mitglied des Generalrats in Rom und oberster Verantwortlicher für die weltweiten Bildungs- und Sozialprojekte der Ordensgemeinschaft, betont die internationale Dimension: „Wir bringen unsere Erfahrungen in globale Foren ein, sind bei der UNO akkreditiert und tragen zu Berichten über Kinderrechte, Jugendpolitik und Bildung bei.“
Die Arbeit umfasst neben direkter Begleitung Programme zur Bewusstseinsbildung, Bildungs- und Berufsausbildung sowie Kooperationen mit internationalen Partnern. Auf Kolumbien bezogen, sind das etwa österreichische Unternehmen, die österreichische Botschaft in Kolumbien und junge Freiwillige des Programms „Volontariat bewegt“. Wichtige Partner seien auch „Don Bosco Mission Austria“ und „Jugend Eine Welt“.
Anlass für Bejaranos Besuch in Österreich ist der von Jugend Eine Welt organisierte „Tag der Straßenkinder“, der jährlich am Gedenktag des Ordensgründers Johannes Bosco (31. Jänner) begangen wird. In Pfarren, Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen berichtet der Ordensmann aus erster Hand über die Lebensrealitäten von Kindern in Straßensituationen und globale Herausforderungen. „Kinder in Straßensituationen brauchen Schutz, Rechte und echte Zukunftschancen“, lautet das Credo des obersten Salesianer-Jugendseelsorgers.
Quelle: kathpress.at