„Wir sind pro Mensch“ – Jerusalemer Abt Nikodemus Schnabel über Christsein im Heiligen Land
„Wir sind weder pro Israel noch pro Palästina – wir sind pro Mensch“, sagte Abt Nikodemus Schnabel beim Gesprächsabend im Kardinal König Haus. © ÖOK/rm
„Wir Christen denken nicht Schwarz-Weiß“
Der Krieg, so Abt Nikodemus, wird von einem intensiven „Propagandakrieg auf beiden Seiten“ begleitet. Dieser zeichnet sich durch starkes Schwarz-Weiß-Denken aus, durch eine „Dramatisierung des eigenen Leids und eine Marginalisierung des Leids der anderen“. Die christliche Minderheit macht die Lage unbequem, weil sie diese Logik nicht mitspielt. „Wir als Mönchsgemeinschaft sind weder pro Israel noch pro Palästina – wir sind pro Mensch“, sagte er und ist überzeugt, dass sich Christen den „Luxus“ der Vereinfachung nicht erlauben können.
Die Kirche im Heiligen Land ist eine kleine Minderheit. Weniger als zwei Prozent der Bevölkerung sind Christinnen und Christen – verteilt auf 13 alteingesessene Konfessionen. Doch ihre Präsenz reicht weit: Schulen, Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und Pilgerseelsorge werden großteils von Ordensgemeinschaften getragen. Ohne diese Strukturen, so Abt Nikodemus, „würde das Schulsystem oder das Gesundheitssystem in den Palästinensischen Autonomiegebieten und im arabischsprachigen Sektor in Israel zusammenbrechen“. Christliche Orden sind – trotz ihrer geringen Zahl – ein zentraler gesellschaftlicher Faktor.
Ordensleben als „Hoffnungsinseln“
Viele Orden sind im Heiligen Land präsent. Heute leben dort rund tausend katholische Ordensfrauen und etwa sechshundert Ordensmänner. Ordensfrauen bezeichnete Abt Nikodemus als „Säule der Migrantenarbeit“: sie kümmern sich um Menschen ohne Rechte und ohne Stimme, u.a. zum Beispiel um tausende Migrant:innen aus Ostasien. Diese Präsenz ist eine Form gelebter Menschlichkeit. Abt Nikodemus sprach von „Hoffnungsinseln in einem Ozean von Leid“.
In Friedenszeiten kommen jährlich rund 4,5 Millionen Reisende ins Land, davon der überwältigende Teil mit beinahe 3 Millionen, als christliche Pilgerinnen und Pilger – der mit Abstand bedeutendste Tourismussektor Israels und Palästinas. Seit Ausbruch des Krieges ist es nur noch rund eine halbe Million, großteils Verwandtschaftsbesuche. Für die Dormitio-Abtei, die von Pilgerinnen und Gästen lebt, ist das eine enorme wirtschaftliche Belastung.
Biografien statt Statistiken
„Dieser Krieg besteht für mich nicht aus Zahlen, sondern aus Biografien“, bekräftigt Abt Nikodemus. Es geht um Namen, um Menschen, um „zerfetzte Körper, zerstörte Biografien und schwerste Traumatisierungen“. Der 7. Oktober 2023 hat auch die katholische Kirche getroffen: Katholikinnen und Katholiken wurden von der Hamas getötet, entführt und vergewaltigt und auch Tötungen und Menschenrechtsverletzungen von Seiten der israelischen Armee sind für die Mitglieder der katholischen Pfarre in Gaza Realität. „Wir sind Opfer auf beiden Seiten.“
Innerhalb der Abtei ist die Betroffenheit sehr konkret: Einige der palästinensischen Mitarbeiter haben Verwandtschaft in Gaza verloren; eine jüdische Angestellte zittert um ihren Sohn im Militärdienst. „Ich finde an diesem Krieg nichts Gutes“, sagte Abt Nikodemus. „Mir fällt nichts ein – außer, dass vielleicht einige Menschen angesichts der Hölle über sich hinauswachsen und zu lebenden Heiligen werden.“
„Wir bleiben, egal was passiert.“ - Die Mönche der Dormitio Abtei in Jerusalem haben sich nach dem 7. Oktober 2023 ganz bewusst entschieden im Land zu bleiben. © ÖOK/rm
Die Sprache des Krieges
Ausführlich ging er auf die Rolle der Sprache ein. Das Erste, das im Kriegt kippt, ist die Wahrheit – gleich gefolgt von der Menschlichkeit. In der Propaganda wird dem Gegner das Menschsein abgesprochen, Menschen werden als Ratten, Kakerlaken, Monster oder Hunde bezeichnet. Auch in Europa beobachtet er eine Verharmlosung: Soldaten „fallen“, Terroristen werden „neutralisiert“. „Dabei geht es um Menschen, die Menschen töten und Menschen, die durch Menschen sterben.“
Für ihn wurzelt der christliche Widerstand gegen diese Logik im gemeinsamen Menschenbild: „Jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen“ – eine Überzeugung, die Judentum, Christentum und Islam teilen.
Aushalten, bleiben, beten
Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich die Gemeinschaft bewusst entschieden im Land zu bleiben. „Wir haben gesagt: Wir bleiben, egal was passiert.“ Kein Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin wurde entlassen – „auch wenn wir aktuell zum Beispiel keinen Parkplatzwächter brauchen“. 24 Mitarbeitende und deren 29 Kinder sind auf die Arbeit angewiesen. „Es geht um Existenzen und es tut Kindern gut zu sehen: Mama oder Papa geht zur Arbeit.“
Spirituell ist die Gemeinschaft in dieser schweren Zeit sogar gewachsen und gestärkt worden. Wenige Tage nach dem 7. Oktober beteten die Mönche 24 Stunden lang die Psalmen. Spät am Abend ist eine jüdische Gruppe in die Kirche gekommen und hat gefragt, ob sie sich still mit in die Kirche dazusetzen darf. „Das war ein Same des Friedens in dieser Höllenzeit.“
Parallel wurde die Abtei zu einem Ort für Kunst und Kultur, während Konzertsäle und Museen geschlossen waren. Bei Benefizkonzerten saß „der kippatragende Jude neben der kopftuchtragenden Muslima und dem koptischen Mönch“. Theater, Ballett und Kunstfestivals machten die Dormitio zu einem Raum der Begegnung, gerade in Kriegszeiten.
Spirituell stark – wirtschaftlich schwach
Die Dormitio-Gemeinschaft umfasst derzeit 13 Mönche in zwei Klöstern. „Geistlich geht es uns gut“, sagte Abt Nikodemus. „Jeder hat neu entschieden: Ich möchte Mönch im Heiligen Land sein.“ Ökonomisch trifft der Krieg die Abtei jedoch hart. „Ich bin gefühlt hauptberuflich Fundraiser.“ In guten Zeiten kamen bis zu 5.000 Pilger pro Tag. Das ist heute sehr anders. Dann fügte er an: „Lieber so herum als andersherum.“