Verwundbarkeit im Fokus der Österreichischen Pastoraltagung

Einer der Höhepunkte der Österreichischen Pastoraltagung: der Vortrag des britischen Dominikaners Kardinal Timothy Radcliffe. (c) MIG-Pictures e.U./Michaela Greil
Kardinal Timothy Radcliffe warb in Salzburg für eine offene, dialogische Kirche: „Christliche Identität ist kein Mittel zur Abgrenzung“, sagte der Dominikaner am 10. Jänner 2026. Christ:innen müssten lernen, „wehrlos zu sein, ohne zermalmt zu werden“. Christliche Existenz beginne, wo Menschen einander wirklich sehen; dies schließe auch Migrant:innen und Frauen ein. Radcliffe sprach sich zudem für den Frauendiakonat – „I am in favor“ (dt. „ich bin dafür“) – und den synodalen Weg einer „entklerikalisierten Kirche“, in der die Stimmen von Frauen und Männern gehört würden, aus.
Gesellschaften und Kirchen seien zunehmend von Konflikten um Identität geprägt – von nationaler über ethnische bis hin zu geschlechtlicher und sexueller Identität. Identität werde zunehmend „gewählt, behauptet und verteidigt“. Christliche Verwundbarkeit bedeute hingegen, „über die Festungen harter Identitäten hinausgezogen zu werden“, hin zu einem Vertrauen auf Gott, „der jenseits aller Namen ist“.
Kritische Worte zu Migrationsdebatte
Kritische Worte fand der Ordensmann zur aktuellen Migrationsdebatte. „Das heißeste politische Thema im Westen ist heute die Einwanderung. Jedes Land versucht, seine Grenzen zu verschärfen. Der Fremde wird als Zerstörer lokaler Identitäten gefürchtet“, sagte Radcliffe wörtlich. Der Fremde werde oft nicht mehr als Person wahrgenommen: „Sie wissen, dass ich existiere, aber sie sehen mich nicht“, zitierte er die Bildunterschrift unter einem Foto eines Straßenkindes in Lima. Der Tod des syrischen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi habe 2015 für einen kurzen Moment gezeigt, was geschehe, „wenn Menschen nicht einen Flüchtling sehen, sondern ein Kind“. Doch dieser Moment der Verletzlichkeit sei rasch wieder vergessen worden.
„Das Gespräch mit dem Fremden verändert unser Wesen. Jede tiefe Begegnung bringt eine neue Art des Lebens hervor, eine neue Art, Mensch zu sein“, betonte Radcliffe. Ein „Wir“, das keinem „Ich“ Raum lasse, sei unterdrückend; ein „Ich“ ohne tragendes „Wir“ hingegen zerbrechlich. In synodalen Prozessen gehe es darum, diese Sprache neu zu lernen.
Mehrfach stellte der Kardinal Bezüge zur Gegenwart her. Er erinnerte an den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, der sein Leiden als Teilhabe am Leiden Christi verstand. Nawalny habe aus der Haft geschrieben: „Wo sonst könnte man die Karwoche verbringen, wenn nicht in Einzelhaft“. Leid könne, verwies Radcliffe, Teil einer größeren Geschichte werden, die den „Zwang des Augenblicks“ durchbreche.
Diakoninnenweihe: „I am in favor“
Auch zur Rolle von Frauen und zur wachsenden Ungeduld vieler Christinnen und Christen mit Reformprozessen in der Kirche äußerte sich Radcliffe: Ursache der Blockaden sei weniger ein Mangel an guten Argumenten als ein fortbestehender Klerikalismus, der in der Kirche „eine eigene Kaste“ geschaffen habe. Autorität sei jedoch nicht an Weihe gebunden: Jesus sei Rabbi gewesen, „nicht geweiht“, erinnerte der Dominikaner.
Frauen hätten heute einen maßgeblichen Anteil an der theologischen Lehre; es wäre selbst klerikal, ihnen dennoch eine Stimme in Verkündigung und kirchlicher Entscheidungsfindung abzusprechen. Zur Diakoninnenweihe sagte Radcliffe wörtlich: „I am in favor“, zeigte aber Verständnis für päpstlich geäußerte Vorbehalte.

Rund 400 Teilnehmer:innen aus Österreich, Italien, Südtirol, der Schweiz und Deutschland waren bei der Österreichischen Pastoraltagung dabei. (c) MIG-Pictures e.U./Michaela Greil
Ungeduld über ausbleibende Reformen
Die spürbare Ungeduld über ausbleibende Reformen teile er, zugleich sei diese nur auszuhalten, „wenn wir sehen, was bereits geschieht“. Die Transformation der Kirche sei tiefgreifend: Noch vor 30 Jahren habe sich die römische Kurie als „Chef“ verstanden, heute sehe sie sich – unter Franziskus – als Dienerin. Das werde noch weitreichende Konsequenzen haben, meinte der 80-jährige Radcliffe, der bei den Weltsynoden im Vatikan 2023/24 zum Synodalen Prozess als Exerzitienmeister wesentliche Impulse setzte.
Mit Blick auf Papst Leo betonte Radcliffe, dieser werde weniger durch Ankündigungen als durch konkretes Handeln auffallen; als früherer Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe habe er „mehr für Frauen getan als jede andere Person“ in vergleichbarer Verantwortung. Synodal weiterzugehen sei entscheidend – gerade, um Ungeduld nicht in Resignation kippen zu lassen.
Klimawandel als psychische Belastung für Jugendliche
Bereits am 8. Jänner 2026 wies der Jesuit, Umweltaktivist und Sozialethiker P. Jörg Alt, der online zur Tagung zugeschaltet war, auf die Folgen einer fehlenden Selbstwirksamkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen hin. So wirke sich nicht nur Klimawandel als zunehmende psychische Belastung für Jugendliche aus, sondern auch das Gefühl der Hilflosigkeit. Als Konsequenz verspürten Jugendliche verstärkt Erschöpfung, Depression oder Rückzug.
Zwar bestehe grundsätzlich Bereitschaft, sich zu engagieren, politischer Aktivismus – etwa im Umfeld von „Fridays for Future“ – spiele jedoch nur noch für einen kleineren Teil eine Rolle, sagte der Jesuit. Klimaangst und der Wunsch nach einer sozial-ökologischen Transformation sei nicht mehr so präsent wie vor der Corona-Pandemie. Bei Erwachsenen herrsche zudem eher eine „so schlimm wird es ja nicht“-Attitüde vor. „Die Handlungsbereitschaft nimmt nicht zu“, erklärte P. Jörg Alt.
Zugleich nehme die Skepsis gegenüber demokratischen Modellen zu; vereinzelt komme es gar zur Radikalisierung aus dem Gefühl der Vergeblichkeit heraus. Der Jesuit nahm hier Bezug auf die jüngsten Anschläge auf das Berliner Stromnetz. Er berichtete zudem von eigenen Erfahrungen bei der Begleitung von Straßenblockaden junger Klimaaktivistinnen und -aktivisten sowie seiner Haftstrafe. Unterstützung habe er zudem vonseiten des Jesuitenordens und des Provinzials erhalten, auch wenn sein ziviler Ungehorsam auch ordensintern kontrovers diskutiert worden sei.
Größte Seelsorge-Fachtagung des Landes
Die Österreichische Pastoraltagung gibt es bereits seit 1931. Jeweils zu Jahresbeginn von der Österreichischen Pastoralkommission und dem Österreichischen Pastoralinstitut (ÖPI) organisiert, handelt es sich mit 400 Teilnehmenden aus Seelsorge, Religionspädagogik und weiteren kirchlichen Diensten aus dem In- und Ausland um die größte Seelsorge-Fachtagung des Landes.
Unter den Teilnehmenden aus ganz Österreich, Italien, Südtirol, der Schweiz und Deutschland war u.a. auch die Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz, Sr. Christine Rod MC. Auch der steirische Bischof Wilhelm Krautwaschl, die Weihbischöfe Johannes Freitag, Anton Leichtfried und Stephan Turnovszky sowie der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Peter Schipka, sowie der Europakoordinator der Steyler Missionare, P. Franz Helm waren mit dabei.
Die nächste Pastoraltagung widmet sich von 7. bis 9. Jänner 2027 dem Thema Frieden.
Quelle: kathpress