Jesuit Gerald Baumgartner ruft zu internationaler Vermittlung in Aleppo auf
Der österreichische Jesuit Gerald Baumgartner hat angesichts der erneuten schweren Kämpfe in Aleppo zur Besonnenheit und zu internationaler Vermittlung aufgerufen. (c) Gerald Baumgartner SJ
Während des Gesprächs seien in seiner Umgebung Einschläge zu hören gewesen, hieß es. Nach jüngsten Angaben gilt seit der Nacht auf den 9. Jänner in mehreren umkämpften Vierteln eine von der syrischen Übergangsregierung ausgerufene Waffenruhe, die eine weitere Eskalation verhindern soll. Erst am Nachmittag des 8. Jänner war nach einer kurzen Feuerpause der massive Beschuss zweier kurdischer Viertel – Scheich Maksud und Ashrafiyeh – wieder aufgenommen worden.
Die Waffenruhe betrifft inzwischen auch das Viertel Bani Seid. Die Jesuitenkommunität lebt im Stadtteil Azizieh, rund zwei Kilometer entfernt von jenen städtischen Zonen, wo am Donnerstag gekämpft wurde. „Bei uns hört man sehr viele Schüsse und Einschläge, aber das ist alles rund einen Kilometer entfernt. Das gesamte Kampfgeschehen konzentriert sich auf diese beiden Viertel“, sagte der erst im Vorjahr zum Priester geweihte Jesuit.
Chaotische Situation
Die Lage der Zivilbevölkerung sei höchst unterschiedlich. Aus den betroffenen Vierteln seien „zehntausende Menschen in den letzten 48 Stunden geflohen“, sagte Gerald Baumgartner, viele aufs Land oder in andere Stadtteile. „Je näher man zu den Vierteln kommt, desto gefährlicher wird es. Niemand kann dort hinein“, sagte der Ordensmann. Die Situation sei chaotisch, koordinierte Hilfsmaßnahmen kaum möglich. Kirchen hätten teils ihre Pforten geöffnet, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst versuche sich mit NGOs abzustimmen.
Besonders groß sei die Angst unter der Bevölkerung nach dem langen Krieg. „Die Menschen sind schwer traumatisiert. Jedes Geräusch lässt sie diese ganzen 14 Jahre wieder neu erleben“, erklärte Gerald Baumgartner. An die internationale Gemeinschaft appellierte er, zwischen der neuen syrischen Regierung und den Kurden zu vermitteln. Christen hätten dabei weiterhin eine wichtige Rolle im Land: „Eine christliche Präsenz macht einen Unterschied“, ist er überzeugt.
Hintergrund: Stockendes Abkommen
Die heftigen Gefechte waren ausgebrochen, nachdem Damaskus den Abzug kurdischer Milizen gefordert und mehrere Viertel Aleppos zu Militärzonen erklärt hatte. Über Tage gab es Beschuss mit leichten, mittleren und schweren Waffen. Insgesamt wurden seit Beginn der jüngsten Eskalation mindestens 21 Menschen getötet, Dutzende weitere verletzt, darunter Frauen und Kinder. Tausende nutzten zuletzt eingerichtete humanitäre Korridore, um die umkämpften Viertel zu verlassen.
Hintergrund der Gewalt ist ein stockendes Abkommen vom März 2025, wonach kurdische zivile und militärische Strukturen bis Ende 2025 in die staatlichen Institutionen integriert und kurdische Kämpfer aus den beiden Aleppoer Vierteln abgezogen werden sollten. Diese Schritte wurden jedoch bislang nicht umgesetzt.
Quelle: kathpress