#Kulturöffnet, Erstarrtes muss verflüssigt werden und Kirche kann von moderner Kunst lernen

dada120#Kulturöffnet! betonten die Ordensgemeinschaften schon Anfang 2017 mit dem Start der Talkreihe 5vor12.at: Die Auseinandersetzung mit Kunst macht die Qualität einer Gesellschaft aus und die Kirche hat Kunst seit jeher verwendet, um ihre Ideen und Visionen näher zu den Menschen zu bringen und ihre Spiritualität damit zu transportieren. Jetzt nimmt auch der Innsbrucker Bischof Glettler denselben Kurs auf und sagt, Erstarrtes müsse „verflüssigt“ werden und Kirche könne von moderner Kunst lernen.

 Direkt im Herzen des Depots der Fritz Wotruba Privatstiftung im Museum 21er Haus des Belvedere in Wien III, umgeben von menschlichen Skulpturen, architektonischen Entwürfen und dem Arbeitswerkzeug Wotrubas, entspann sich am 20. April 2017 eine ungemein vielseitige Diskussion darüber, ob Kultur öffnet. Oder ist es die Kunst in ihren vielfältigen Ausdrucksformen? Und was kann die Rolle der Religion sein? Vier DiskutantInnen, teils aus der Ordenswelt, teils aus ganz anderen Bereichen begaben sich gemeinsam auf die Suche nach Antworten.

Der Talk startete mit einem audiovisuellen Intro, das Fragen aufwarf, Thesen in den Raum stellte und Entwicklungen analysierte.

Wotruba Depot JR8A1110 Kati Bruder 450

(c) Kati Bruder

Kultur der Öffnung und des Teilens

Die Kuratorin der Fritz Wotruba Privatstiftung, Gabriele Stöger-Spevak, verbindet mit #KulturÖffnet ganz konkret, dass sie das Depot, den Speicher als Kultur- und Kunstspeicher für Fachleute und Interessierte öffnet und so durch den Künstler Fritz Wotruba österreichische und europäische Identität schafft. „Kultur selber öffnet nicht, was öffnet, sind kulturpolitische Maßnahmen, wenn z.B. ein Stift oder ein Kloster diesbezüglich besondere Akzente setzt“, machte Martin Vogg von VOGG’s Konzeption und Realisation klar. Um zu zeigen, wie Kunst mit Religion verwandt ist, zitierte Helga Penz, die Leiterin des Referats Kulturgüter der Orden, den Apostel Paulus: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ Kunst fange diesen umrisshaften Blick ein, der auf Größeres verweist. P. Martin Rotheneder, Kultur- und Tourismus-Verantwortlicher von Stift Melk, erzählte, dass er von der Wotruba Kirche in Wien-Mauer fasziniert sei, sie sei sogar für ihn der „Inbegriff der Kirche“. „Wie wir eine Sprache lernen, müssen wir lernen, mit zeitgenössischer Kunst umzugehen, und da hinken wir nach.“ Kultur öffnet drehte P. Martin um in „Kultur der Öffnung“. Sie sei in vielen Ordenshäusern geschehen und damit sei gleichzeitig auch eine Kultur des Teilens einhergegangen, „dass wir Räume öffnen für zeitgenössische Künstler“. Die Symbolarchitektur von Stift Melk reiche in andere Dimensionen hinein und lasse erahnen, dass es etwas über unserer menschlichen Größe gibt, sie lasse hineinschauen in den Himmel. „Und wo der Kopf hochgeht, bringt uns das in eine andere Dimension“.

(c) mschauer

Verflüssigung als Wirkung moderner Kunst und als Lerneffekt für Kirche

Den Begriff  #Verflüssigung sieht der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler als kennzeichnend für die Wirkung der modernen Kunst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts - und auch als Ansatzpunkt für mögliche Lerneffekte für die katholische Kirche. So habe z.B. Dada seine Bedeutung als "Widerstand stimulierende Kraft gegenüber allen Systembildungen in Kultur, Politik und Religion" bis heute nicht verloren, die Kunst insgesamt fungiere oft als "notwendiger Ausgleich gegenüber systembedingten Erstarrungen", so Glettler in einem Beitrag auf der theologischen Feuilleton-Website "feinschwarz.net". Auch die Kirche solle derartige Impulse aufnehmen und dadurch an Beweglichkeit, Empathie und "Quer-Denken" gewinnen.
Die Geschichte der Moderne, speziell die Entwicklung der Bildenden Kunst, versteht der studierte Kunsthistoriker am Innsbrucker Bischofsstuhl als "ständigen Prozess der Auflösung (Liquidierung) bis dahin gültiger Parameter". Strömungen wie Dada, Fluxus und Performance hätten sich als höchst unterschiedliche Kunstpositionen quer durch das 20. Jahrhundert in einem "aggressiven, aber auch produktiven Widerspruch zueinander" weiterentwickelt, gemeinsames Merkmal sei die permanente Dekonstruktion des Tradierten, schrieb Glettler. Und weiter: Zeitgenössische Kunst habe den öffentlichen Raum als wesentlichen Interventionsbereich entdeckt, "in dem der gesellschaftliche Diskurs mit viel größerer Effektivität zu führen ist, als im abgeschlossenen Kunstbetrieb der Galerien und Museen". Sie stimuliere damit eine Auseinandersetzung über Werte und Leitbilder heutiger Gesellschaft und leiste einen "unschätzbaren Beitrag zur Visionsarbeit für eine tolerante, menschenwürdige Zukunft der Gesamtgesellschaft".

Von vielen besorgten Vertretern der Kirche sei die zeitgenössische Kunstproduktion bis herauf in die Gegenwart als gefährlich und als Destabilisierung gesellschaftlicher Fundamente "(miss-)verstanden" worden, bedauerte Glettler: "Auch wenn ich diese pauschale Abwertung der Moderne nicht teile, liegt es mir ebenso fern, einer naiven Euphorie der Diskontinuität das Wort zu reden." Eine gesunde Balance zwischen beständigen Grundwerten und einer Dynamik der Veränderung sei nötig, eine "Fetischierung" des Neuen oder des Tradierten abzulehnen.

glettler(kathpress)


Jedenfalls gelte es die Chancen der in der Kunstszene zu beobachtende "Verflüssigung" auch für das kirchliche Selbstverständnis zu sehen, wies Glettler hin. Er nannte größere Lebendigkeit, Beweglichkeit und situationsgerechte Einstellung auf gesellschaftliche Veränderungen als mögliche Früchte, aber auch "ein Plus an Präsenz an Orten, die vom Evangelium her ein Anliegen der Kirche sein müssen".

Gegen "Herrschaftsgesten und Statussymbole"

Der Bischof wörtlich: "Wenn Kirche den Mut aufbringt, Herrschaftsgesten der Vergangenheit, überkommene Statussymbole und viele andere erstarrte Formen in Frage zu stellen und auch sterben zu lassen, wird sie sich im gesellschaftlichen Diskurs neu einbringen und damit ihrer Sendung nachkommen können." Glettler plädierte für Offenheit "für diesen nicht immer schmerzfreien Prozess der Selbstreinigung", denn "ideologiegefährdete Systeme aller Art müssen permanent einer Katharsis unterzogen werden".

Wenn sie das selbst nicht schaffen, "weil die Erstarrung bereits so fortgeschritten ist", muss dies nach den Worten des Bischofs von außen geschehen - "im Extremfall auch durch Spott und aggressive Konfrontation". Ein Blick in die Geschichte zeige, dass auch in der Kirche geschlossene und lebensfeindliche Systeme entstehen können, die sich repressiv und aggressiv gegen Andersdenkende und Abweichler richten.

 [mschauer]

 

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