Ich muss mir gut überlegen: Wer sind meine Freunde?

Hieslmayr 120Sr. Teresa Hieslmayr, Dominikanerin im Kloster Kirchberg und Psychotherapeutin, kennt die Probleme von Frauen, die ihren Körper schwer annehmen können. Mit Hilfe der konzentrativen Bewegungstherapie arbeitet sie mit ihren Klientinnen an einer bewussten und nachhaltig positiven Wahrnehmung des Körpers. Dem Sonntag gab sie anlässlich des Filmes "Embrace" ein Interview.

 

Der Film „Embrace“ (Umarmung) zeigt, dass kaum eine Frau ihren Körper positiv sieht. Ist das so?

Sr. Teresa Hieslmayr: Es gibt wirklich viele Frauen, die mit ihrem Körper unzufrieden sind. Das ist aber meist nicht der Auslöser dafür, dass sie zur Psychotherapie kommen. Ich denke, es ist deshalb ein verbreitetes Phänomen, weil die Anforderungen sehr hoch sind. Die Ideale sind sehr streng, wenn man z. B. auf Fernsehsendungen wie „Germany‘s Next Topmodel“ schaut.

Wie können Frauen bei so strengen Vorgaben, die niemand erfüllen kann, sich selbst noch positiv sehen lernen?

Hieslmayr: Ich kann ein positives Selbstbild nur entwickeln, wenn jemand anderer auch ein positives Bild von mir hat oder hatte. Wenn es in meiner Umgebung niemanden gibt, der mich liebenswert findet, dann ist es schwierig, ein positives Selbstbild zu entwickeln. Als Kinder und Jugendliche sind wir da relativ beschränkt in unseren Handlungsmöglichkeiten. Aber als Erwachsene kann ich mich fragen: Wo bewege ich mich? In Umfeldern, die sehr streng sind, wo hohe Anforderungen gestellt werden, oder begebe ich mich auch in Umfelder, wo ich Anerkennung finde.

Gerade Jugendliche posten ja häufig Fotos von sich, die dann sofort kommentiert werden…

Hieslmayr: Ich sage oft zu den Jugendlichen, die ich begleite, dass sie sich den Freundeskreis gut aussuchen sollen. Ich muss mir gut überlegen: Wer sind meine Freunde?

Wie kann der Glaube helfen, sich selbst anzunehmen?

Hieslmayr: Ich würde die Frage umformulieren und fragen: Welcher Glaube könnte helfen? Es gibt ja auch einen Leistungsglauben – religiöse Menschen mit hohen moralischen Anforderungen an sich selbst. Das ist dann wieder kontraproduktiv. Wenn ich so hohe Ideale von mir habe, ist es schwierig, ein positives Selbstbild zu entwickeln. Diese Selbstüberforderung gibt es auch in Glaubensdingen. Der Glaube ist auch von meinem Umfeld geprägt, den Bedingungen rund um mich, den Menschen, die mich prägen. Dazu ist die Frage ganz entscheidend: Welche Kirche kann uns helfen, ein positives Selbstbild zu entwickeln? Da hätte die Kirche eine wichtige und heilsame Rolle zu spielen.

Wie kann das konkret ausschauen?

Hieslmayr: Indem z. B. Pfarrgemeinden so konstituiert sind, dass man wirklich für jede Person, die da dabei sein möchte, einen Platz findet und herausfindet, wo sie ihre Fähigkeiten und Charismen entfalten kann. Es soll nicht darum gehen, Dienste abzudecken, sondern ausgehend von den Menschen, die da sind, zu fragen, was können wir miteinander machen und auf die Beine stellen?

Werfen wir einen Blick auf die Bibel: Im Psalm 139 heißt es: „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast“. Kann es helfen, solche Textstellen zu meditieren?

Hieslmayr: Die Bibel ist definitiv schöpfungs- und leibfreundlich. Gott schuf die Welt und er sah, dass sie gut war. Das Meditieren von Bibelstellen allein ist aber zu wenig, ich muss die leibhaftige Erfahrung dazu machen. Ein Beitrag könnte auch der Rosenkranz bzw. das Ave Maria sein, wo es im ersten Teil heißt „Gegrüßet seist du Maria, gebenedeit/gesegnet bist du unter den Frauen“. Gerade als Frau kann ich davon ausgehen, dass diese Zusage nicht nur Maria gilt, sondern eine Zusage an alle Frauen ist. Das ist ein wunderbarer Text: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes – Lebens.“

Es heißt ja immer: Gott liebt uns, so wie wir sind. Wie können wir das erfahren?

Hieslmayr: Ich kann besser mit dem Satz: „Der Herrgott steht zu mir.“ Die Frage, wie ich bin, ist für den Herrgott zweitrangig. Es geht um das Leben im dynamischen Sinn. Für ihn zählt die Frage: Wie lebst du und wie geht es dir? Den Satz „Der Herrgott steht zu mir“ hole ich mir in Krisenzeiten immer wieder her, wenn ich einmal keine Perspektive mehr sehe und auch, wenn ich einmal einen Blödsinn gemacht habe.

Sie bieten konzentrative Psychotherapie an, die den Körper einbezieht. Was kann man sich darunter vorstellen?

Hieslmayr: Die konzentrative „Bewegungstherapie“  geht davon aus, dass sich alles, was sich innerseelisch abspielt, auch körperlich seinen Niederschlag findet und umgekehrt. Mit vielen Patienten arbeite ich zuallererst an ihrer Leibwahrnehmung – wie nehmen sie sich überhaupt wahr? Ich frage sie dann: Wie fühlt sich Ihr Körper eigentlich an?  Es gibt viele Leute, die wissen das gar nicht. Die spüren sich gar nicht. Wir gehen davon aus, dass alle Gefühle auch körperlich spürbar sind. Trauer kann ich z. B. als Schwere in der Brust spüren oder als schweren Kopf. Das gilt es wahrzunehmen. Wie manifestiert sich meine Trauer oder mein Zorn körperlich? Erst wenn ich das wahrnehmen kann, kann ich auch gut und vernünftig damit umgehen.

Wie kann man lernen, die Gefühle im Körper zu spüren?

Hieslmayr: Es fängt damit an, dass man einmal nur den Körper spürt und zwar genau. Wenn jemand sagt: „Heute geht’s mir schlecht“, frage ich: „Wo spüren Sie das, dass es Ihnen schlecht geht?“ Das ist ein Lernprozess. Eine Psychotherapie dauert lange, ist dafür aber nachhaltig. 

Schönheitsoperationen haben dagegen ja meist keinen nachhaltigen Effekt und verändern die grundlegende innere Unzufriedenheit eher selten ...

Hieslmayr: Es gibt auch Operationen, die gesundheitlich sinnvoll sind. Aber es braucht die Auseinandersetzung mit der körperlichen und der seelischen Befindlichkeit. Diese kann in der Psychotherapie nachgeholt werden.

Wie wird in der konzentrativen Psychotherapie vorgegangen?

Hieslmayr: Die konzentrative Bewegungstherapie beruht nicht nur auf dem therapeutischen Gespräch. Wir handeln auch wirklich. Das Feine an dieser Methode ist, dass man neue Handlungsweisen direkt in der Therapie erproben kann.Durch die Reflexion im Gespräch werde ich z. B. auf alte Muster aufmerksam. Dann habe ich die Möglichkeit, in der Therapie ganz bewusst etwas Neues auszuprobieren, aus dem alten Muster einmal auszusteigen. Ein Beispiel: Einer Klientin von mir, die immer sehr versteckt dasitzt, sage ich: Wie ist es, wenn du dich einmal aufrichtest und gerade und aufrecht durch den Raum gehst und ich schaue dir dabei zu! Du weißt, ich schaue dich an. Wie fühlt sich das für dich an? Und sie stellt fest: Das ist nicht so schlimm, ich muss nicht im Boden versinken! Manche Menschen fordere ich auf, „Gewicht abzugeben“. Ich sage: „Lehnen Sie sich doch einmal an die Wand.“ Manche meinen dann: „Das gefällt mir nicht. Ich stehe lieber selbständig da.“ Manche schaffen das nicht. Manche versuchen es und spüren erstmals die Erfahrung, Last abgeben zu können, sich weniger anstrengen zu müssen.

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder eine positive Einstellung zu ihrem Körper bekommen?

Hieslmayr: Eltern empfehle ich, zu schauen: Wie gehe ich mit meinem Körper um? Habe ich einen liebevollen und achtsamen Umgang mit meinem Körper? Wichtig ist, das Kind in seiner Körperlichkeit authentisch zu mögen. Abwertende Bemerkungen sind ein absolutes No-Go. Die Kinder wertschätzen! Ihr Dasein würdigen, ihnen vermitteln: Ich freue mich, dass du meine Tochter bist! Und wenn du etwas brauchst von mir, dann bin ich für dich da.

Wie geht es Ihnen als Ordensfrau mit dem Thema Körper und Schönheit?

Hieslmayr: Von Therapeuten-KollegInnen werde ich als Ordensfrau oft ins rein geistliche Eck gedrängt. Da herrscht die Annahme, dass sich eine Ordensfrau nicht an ihrer Schönheit erfreuen dürfte oder sich nicht die Fragen stellen darf: Gefalle ich mir? Bin ich hübsch? Für viele ist es zum Beispiel überraschend, dass ich gerne tanze. Ich finde auch unser Ordenskleid hübsch und trage es gerne zu festlichen und liturgischen Anlässen.

Quelle: Der SONNTAG / Agathe Gansterer

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