Differenzieren, begleiten und integrieren kennzeichnen pastoralen Stil von Amoris Laetitia

2016 04 08 p lintner 120„Papst Franziskus will die eheliche und familiäre Liebe in all ihren Dimensionen – von der sinnlich-erotischen Liebe bis hin zur Liebe der Eltern zu ihren Kindern – als eine Quelle der Freude und der Menschlichkeit darstellen, als eine zutiefst menschliche Erfahrung, die das Leben bereichert und schön macht“, schreibt der Südtiroler Ordensmann P. Martin Lintner zur Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens „Amoris Laetitia – Über die Liebe in der Familie“ von Papst Franziskus. Schon der Titel sei programmatisch, denn er "gibt das Leitmotiv an, das sich durch das ganze Schreiben zieht".

"Jeder und jede kann diesen Text verstehen, er liest sich leicht und die Lektüre lohnt sich,“ ermuntert P. Lintner, Provinzial der Tiroler Servitenprovinz, die Menschen, sich mit dem päpstlichen Schreiben auseinanderzusetzen. „Papst Franziskus folgt ganz der Linie der beiden Bischofssynoden. Er nimmt den synodalen Weg ernst: Ausdrücklich betont er, dass die Synode selbst gut hingehört hat auf das, was die Gläubigen den Bischöfen gesagt haben, sodass das ‚Ergebnis der Überlegungen der Synode nicht ein Stereotyp der Idealfamilie ist, sondern eine herausfordernde Collage aus vielen unterschiedlichen Wirklichkeiten voller Freuden, Dramen und Träume“.

Ausgehend davon – und dieser pastorale Ansatz prägt das gesamte Schreiben – sei es Franziskus ein Anliegen, ein Wort der Hoffnung zu sagen und die Menschen zu ermutigen. „Die Realitäten, die uns Sorgen machen, sind Herausforderungen", zitiert P. Lintner aus dem Dokument. Und weiter: "Wir gehen nicht in die Falle, uns in Wehklagen der Selbstverteidigung zu verschleißen, anstatt eine missionarische Kreativität wachzurufen. In allen Situationen spürt die Kirche die Notwendigkeit, ein Wort der Wahrheit und der Hoffnung zu sagen.“

Der Papst macht es sich dabei nicht leicht: Einerseits lässt er keinen Zweifel an der Lehre der Kirche, die er zuallererst im Evangelium verankert sieht; andererseits scheue er es aber auch nicht, auf die Menschen zuzugehen, die in Formen von Partnerschaft und Familie leben, die den kirchlichen Normen nicht entsprechen. Er lehne eine rigoristische Haltung, die nur moralische Gesetze anwenden will und Menschen verurteilt, ebenso ab wie die oberflächliche Entscheidung, einfach alles für gut zu heißen.

Papst bringt Vertrauen in die Gewissenskompetenz der Gläubigen

P. Lintner: „Im ganzen Schreiben wird ein besonderer Akzent auf die Gewissensfrage gesetzt. So bekennt der Papst: „Wir tun uns […] schwer, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben, die oftmals inmitten ihrer Begrenzungen, so gut es ihnen möglich ist, dem Evangelium entsprechen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen angesichts von Situationen entwickeln, in denen alle Schemata auseinanderbrechen. Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“.

Das seien wichtige Aussagen, die an zentralen Stellen wieder aufgegriffen und vertieft werden, so P. Lintner. Der Papst bringe sein Vertrauen in die Gewissenskompetenz der Gläubigen ebenso zum Ausdruck wie er mit Nachdruck auf die Aufgabe der Gewissensbildung insistiert.

Päpstliches Dokument birgt viele Schätze

Das Dokument berge viele Schätze, die es zu heben gilt: etwa die differenzierten Aussagen über die ethische und die Sexualerziehung der Kinder und Jugendlichen, die Ehevorbereitung und Begleitung von jungen Ehepaaren, die positive Bedeutung von Erotik, Sexualität und Erleben von Lust in einer Beziehung, die Gleichwertigkeit von Ehe und Ehelosigkeit, eine Mentalität, die dem Leben offen und positiv gegenübersteht …

P. Lintner: „Es sind nicht alles neue Inhalte, die uns der Papst unterbreitet. Er zitiert wiederholt die Katechesen des heiligen Papstes Johannes Paul II. zur ‚Theologie des Leibes‘, die Enzyklika über die Liebe ‚Deus caritas est‘ von Papst Benedikt XVI. und andere Texte des römischen Lehramtes. Auffallend ist, dass er – wie schon in der Enzyklika Laudato si – auch verschiedene Bischofskonferenzen zitiert, was deutlich macht, wie sehr der Papst im Dialog mit den Bischöfen stehen will, aber auch moderne Autoren wie Erich Fromm oder Gabriel Marcel.

Papst Franziskus ist aber sichtlich darum bemüht, nicht nur „Altbekanntes“ zu wiederholen, sondern mit einem spürbaren persönlichen Engagement und mit einer neuen Sprache zu reden. Man spürt förmlich, dass es ihm Freude bereitet, über die Liebe in der Ehe und Familie zu reden, und dass er diese Freude vermitteln möchte.“

Differenzieren – Begleiten – Integrieren: sie prägen den pastoralen Stil des Papstes

Lintner merkt weiter an: „Die Stichworte ‚differenzieren‘, ‚begleiten‘ und ‚integrieren‘ kennzeichnen den pastoralen Stil, den der Papst der Kirche mit diesem Schreiben aufträgt.“

P. Martin Lintner wiederholt abschließend: „ Es lohnt sich, dieses Schreiben aufmerksam zu lesen und sich damit im Detail auseinanderzusetzen. Ich möchte dazu ausdrücklich ermutigen.“

 

Eine Langfassung der Erläuterungen des Südtiroler Moraltheologen P. Martin Lintner OSM in der er auf weitere Themenbereiche aus dem päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia – über die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird“ eingeht, ist nachzulesen auf der Homepage der Diözese Innsbruck unter http://dioezesefiles.x4content.com/page-downloads/amoris_laetitia_p._martin_lintner.pdf

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