Laudato si: Natur und Mensch sind heilungsfähig - und Ordensleute Wegbereiter

Kromp-Kolb 120„Es ist ein Werk, das unheimlich viele Themen anschneidet, viele wichtige Fragen aufgreift. Ich war überrascht, dass so grundlegende Dinge angesprochen werden wie Entschleunigung. In vielen Sachen sehr direkt, was geschehen sollte. Insofern finde ich #Laudato si extrem positiv und hilfreich. Man arbeitet sich durch ein Mosaik durch. Das Gesamtbild, das sicher erkennbar ist, ist nicht gleich auf den ersten Blick da. Der Papst verknüpft erstmal verschiedenste Fachgebiete.“ Mit dieser Einschätzung beginnt das Gespräch über die Enzyklika #Laudato si mit Univ. Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb vom „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ an der Universität für Bodenkultur in Wien.

 

"Das lange Linieal der Geschichte ist ein wichtiger Vorteil der Orden. Damit sind sie nicht der quartalsgesteuerten Kurzfristigkeit ausgeliefert und können so zu Wegbereitern für ein neues Verständnis und eine neue Praxis werden.“ Die Klimaforscherin sieht in den Orden beste Voraussetzungen für „Pioniertätigkeiten“: „1. Jede und jeder hat einen Rückhalt in einer Gemeinschaft. 2. Der Ordensauftrag ist nie Gewinnmaximierung. 3. Es gibt einen Auftrag, mit der Schöpfung und Mitwelt behutsam umzugehen. 4. Ordensleute haben Einfluss – sowohl nach außen politisch als auch nach innen in der Motivation der Menschen. Wer versammelt wöchentlich so viele Menschen und kann dort etwas anstoßen? Dieses Potenzial scheint mir bei weitem nicht ausgeschöpft.“ Es geht heute um neue Sichtweisen, Einsichten und Umgewöhnung, „wenn wir den Weg der Fairness gehen wollen“. Da sind die Orden gute Orte dafür.

Mut fassen und tun

Kromp-Kolb spricht mit Blick auf die Enzyklika von der Notwendigkeit der Reduktion: „Heute gilt es, die Qualität des Weniger zu entdecken und zu leben.“ Sie spricht von einem Lebenstil, „der sich mit dieser einen Welt niemals ausgehen kann“. Die Welt ist krank. Es geht um Umverteilung. Gerade die vom Papst angesprochene Verflechtung von Klima und Armut lag lange Zeit nicht so klar vor unseren Augen. Sie nennt ein Beispiel: „2001 haben in der Kopenhagener Erklärung erstmals alle NGO’s aus den Bereichen Umwelt, Soziales, Politisches und der Ökonomie eine gemeinsame Sichtweise entwickelt. Ihre Erkenntnis: Klima und Armut hängen direkt zusammen.“ Der Papst spricht immer wieder von diesen Verbindungen und Verknüpfungen der verschiedensten Lebensbereiche. Er sieht diese Zusammenhänge gerade auch unter dem spirituellen Aspekt. „Mir persönlich ist der spirituelle Aspekt nicht so wichtig. Ich sehe das systemisch und da kann ich dieses Verknüpft-Sein aller Bereiche nur bestätigen“, meint die Wissenschaftlerin des Jahres 2005. Worauf können wir bauen bei dieser Veränderung? „Die Natur ist unglaublich heilungsfähig und der Mensch selber hat auch große Heilungskräfte. Das ist unsere Chance. Es braucht eine neue Phantasie, dass ein gutes Leben nicht daran hängt, wie groß der Fernsehschirm ist.“ Den Ordensleuten mutet sie zu, „Wegbereiter und Wegbereiterinnen in der Zeit des Umbruches zu sein“. Kromp-Kolb spricht in diesem Zusammenhang auch davon, „dass man Fehler machen darf“. Es gibt nicht das ausgewiesene klare Ziel noch den ausgetretenen Weg dorthin. „Es ist ein Suchen. Da passieren Fehler. Die soll man sich zugestehen.“

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Univ. Prof. Dr. phil. Helga Kromp-Kolb leitet das „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“, ist habilitierte Meteorologin und war maßgeblich an der Gründung der Allianz Nachhaltiger Universitäten in Österreich und des Climate Change Centre Austria beteiligt. Seit 2011 ist sie eine der Vorsitzenden des Forums Wissenschaft und Umwelt. Foto: [fk]

Worum geht es konkret?

Angesprochen auf das konkrete und mögliche Tun der Menschen, sieht Kromp-Kolb drei wichtige Bereiche: „Wir müssen heute neu über Werte reden. Was ist uns wichtig? Worauf kommt es an? Was brauche ich wirklich?“ Die habilitierte Meteorologin fordert in diesem Zusammenhang den Blick auf alle Auswirkungen unseres üppigen Lebensstils, den die meisten hier in Mitteleuropa und den USA pflegen. Sie tut es mit der Frage: „Was bedeutet der Klimawandel woanders, auf der anderen Seite der Welt?“ Der Umbau der Weltwirtschaft mit der Reduktion der fossilen Brennstoffe wie Erdöl und Kohle auf Null ist ein Muss. „Wir müssen umstellen auf erneuerbare Energie und wesentlich weniger Ressourcenverbrauch. Das heißt konkret: einfacher leben.“ Die Lebensweise der Ordensleute könnte hier Vorbildwirkung haben. In den Gelübden ist mit der Armut und Einfachheit ein wesentlicher Zugang zur Welt da. Die Kernfrage heute ist: Wie geht Reduktion? „Wir sprechen ja schon von Postwachstum.“ Jene, die heute viel haben, müssen reduzieren. Und die meisten von uns müssen sich umgewöhnen. „Da können Ordensleute vorangehen, Anstöße geben und Erfahrung teilen. Die Orden sind ja aus dem Geist und der Praxis des Weniger entstanden.“ Denn: Wenn wir uns vor der Umgewöhnung scheuen, wird sich nichts ändern. Der Anfang ist immer schwierig. Erst langsam wird die Qualität der Einfachheit sichtbar und spürbar. „Man sieht, dass heute viele Leute aussteigen. Die Fülle, die einem heute durch Werbung nahegelegt wird, ist nicht menschengerecht.“ Die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin ermutigt die Ordensleute, „mehr zu kommunizieren, darüber Auskunft zu geben, was der Grund meines Handelns ist. Damit werden neue Werte geweckt.“

Wirtschaft ist in sich gefangen

„Solange Wirtschaftswachstum sakrosankt ist, sehen wir gewisse Zusammenhänge nicht. Wirtschaft presst heute die Welt aus und vermittelt das Bild: Wenn die Ökologie kaputt ist, dann werden wir sie durch etwas anderes ersetzen. Wir sind Teil dieser Ökologie, dieser Mitwelt. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Das ist vielen überhaupt nicht klar. Wenn wir das Öko-System, die Mitwelt umbringen, dann bringen wir uns selber um. Das ist noch nicht überall eingedrungen.“ Die Wirtschaft sieht sie aber gefangen im eigenen System. „Die Wirtschaft kann schwer umsteigen, weil sie sich als Treiber des Problems noch nicht erkannt hat. Eine Veränderung des Verhaltens in einem falschen System ist schwer.“ Kromp-Kolb daher in Richtung Orden: „Es ist für Orden leichter, etwas zu verändern, weil sie von vornherein die richtigen Rahmenbedingungen und Prioritäten haben. Dort geht es um das Grundbedürfnis für ein gutes, befriedigendes Leben und nicht um Gewinnmaximierung, Steigerung der Erträge oder Wachstum im materiellen Sinn.“ Dass Orden in den letzten Jahrzehnten sich dort und da gerade in diesem Sinne „verweltlicht“ haben, war auch Teil des Gespräches. Die Enzyklika ermutigt: „Achtsam, einfach in Verbundenheit leben.“

Aus ON 5/2015. Das ganze Heft, das sich der Enzyklika #Laudato si widmet, lesen Sie hier.

[fk]