23. Oktober 2026

„Mit männlichem Muthe“: Die Frauen der Gruft von St. Pölten

Steigt man die steilen Stufen in der Schulkirche der Mary Ward Schulen in St. Pölten hinunter, fühlt es sich an, als ob man eine andere Welt betritt: Die Luft wird muffiger, das Licht wird dunkler, die Decken niedriger. Man erreicht die Gruft, die unter dem Kirchenraum liegt. Die dicken Mauern scheinen jeden Laut zu verschlingen, kein Schritt ist zu hören auf dem Lehmboden. Die Stille hier scheint endlos zu sein.

Das Bild zeigt den Gang, den man erreicht, wenn man die Stufen der MAry Ward Gruft hinabsteigt. Am Ende des Ganges erkennt man ein Zimmer mit einem Holzkreuz, das seltsam im blauen Licht wirkt.

Unter der Kirche der Mary Ward Schulen St. Pölten liegt die Gruft, die 26 Englische Fräulein beherbergt. (c) ÖOK/km | Download

 

26 Englische Fräulein fanden hier im Zeitraum zwischen 1727 und 1784 ihre letzte Ruhe. Sie arbeiteten im gleichnamigen „Institut“, eine erste Bildungseinrichtung für Mädchen.

 

Eine revolutionäre Idee

Der Orden der „Englischen Fräulein“ – heute „Congregatio Jesu“ – war noch recht jung: erst 1703 war er päpstlich approbiert worden. Erklärtes Ziel der Englischen Fräulein war es, Mädchen zu erziehen – ein revolutionärer Gedanke im 17./18. Jahrhundert. So revolutionär, dass die Gründerin Mary Ward sogar einmal acht Wochen lang von der Inquisition in Klosterhaft gesteckt wurde und als „Häretikerin, Schismatikerin und Rebellin gegen den hl. Stuhl“ bezeichnet wurde. Die Mary Ward Schwestern waren bei katholischen Klerikern ausgesprochen unbeliebt und wurden abwertend als „galloping girls“ oder „wandernde Betschwestern“ bezeichnet. „Diese Frau schadet dem Protestantismus mehr als sechs Jesuiten“, schrieb damals etwa ihr Zeitgenosse, der Erzbischof von Canterbury, George Abbott.

 

Porträt von Mary Ward in Ordenstracht

Mary Ward: "Galloping girl" & die Gründerin der Englischen Fräulein. (c) gemeinfrei

 

Es entsprach nicht dem Zeitgeist, dass eine Frau sich gegen den herrschenden männlichen Klerus stellte. Mary Ward tat es dennoch, mit großem Gottvertrauen und Selbstbewusstsein forderte sie die Gegebenheiten ihrer Zeit heraus. Sie wollte kein Klosterleben, keine Ordenstracht, sondern dort wirken, wo Ordensfrauen gebraucht werden. Bildung, Gemeinschaft und das Gebet nach Vorbild des hl. Ignatius von Loyola waren Grundpfeiler ihres Wirkens.

 

Auch wenn sie zeitlebens auf viel klerikales Unverständnis und Anfeindungen traf: Ihre Ideen und Visionen setzten sich durch, oft gefördert vom Adel, und ihre „Institute“ erfreuten sich großer Beliebtheit.

 

Plakette Mary Ward

Plakette: Eine Erinnerung an die Gründung des Institut der Englischen Fräulein 1706 in St. Pölten. (c) János Korom Dr. from Wien, Austria, St. Pölten 047 (5909190635), CC BY-SA 2.0

 

Zwischen Bildung und Adel

So kam es auch in St. Pölten 1706 zur Gründung eines Instituts. Die Mädchen erhielten Unterricht in Religion, aber sie lernten auch schreiben, lesen, rechnen und handarbeiten. 1711 wurde eine Schule für adelige Mädchen eröffnet. Neu war, dass die Niederösterreichischen Stände eine Art Stipendium ins Leben riefen: Sechs verarmte adelige Mädchen konnten das Internat für adelige Mädchen besuchen.

 

Der Orden genoss hohes Ansehen und besonders adelige Frauen fühlten sich dazu berufen, ein „Englisches Fräulein“ zu werden. Warum?

 

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Die erste Niederlassung des Instiuts der Englischen Fräulein befand sich in der Linzer Straße, erst später kamen die Gebäude in der Schneckgasse dazu. (c) Kiterider, Linzer Str 11, CC BY-SA 3.0 AT

 

Zu Beginn war da natürlich die bereits angesprochene Pionierarbeit in der Mädchenbildung für Mädchen, die zu der Zeit einzigartig war. Dazu kam aber auch, dass der Orden eine enge Verbindung zum Adel hatte: Viele der im Konvent wirkenden Ordensfrauen entstammten bedeutenden (hoch=)adeligen Familien; Hinweise geben dazu die Sterbetafeln in der Gruft:

Isabella, geb. Gräfin von Kolowrat, Katharina, geb. Gräfin von Czernin, Maria Anna, Freiin von Kriechbaum oder Magdalena, Freiin von Kielmansek sind nur einige der Namen, die dort zu lesen sind. Adel lockt Adel. Der Adel wollte seine Töchter unter ihresgleichen erziehen lassen. Eine Gräfin im Konvent zu haben, steigerte das Prestige des gesamten Ordenshauses enorm.

 

Im 18. Jahrhundert kam noch ein anderes Element dazu: Die 18. Oberin des Hauses Maria Katharina, Gräfin von Saint-Julien, pflegte seit ihrer Jugend eine enge Freundschaft mit Kaiserin Maria Theresia. Der Ordenseintritt ihrer Freundin hinterließ bei der Kaiserin „tiefen Eindruck“ und es kam immer wieder vor, dass die Kaiserin Maria Katharina besuchte oder – wenn ihre Reisen es erlaubten – auch im Institut übernachtete. Diese enge Verbindung war ein sicher nicht zu unterschätzender Punkt für die Beliebtheit der Englischen Fräulein. Von dieser besonderen Beziehung zeugt bis heute der sogenannte Maria-Theresien-Ornat, auch Pfingstornat genannt. Der Überlieferung nach schenkte ihn die Kaiserin den Englischen Fräulein entweder 1740 anlässlich des Ordenseintritts ihrer Freundin oder 1748 zu deren Wahl zur Oberin. Das kostbare liturgische Gewand erinnert bis heute an die enge Verbindung zwischen dem Kaiserhaus und dem St. Pöltner Institut. Es ist im Museum am Dom in St. Pölten zu bestaunen.

 

Hier erkennt man den Gedenkraum der Mary Ward Gruft, Sitzbänke vor einem Kreuz, dahinter an den Wänden 8 Tafeln, die verstorbene zeigen, darunter auch Saint-Julien.

Schlichtes Gedenken: Im Tod lebten die toten Schwestern durch die täglich gefeierte Messe im direkt darüberliegenden Kirchenraum im Gedenken fort. © ÖOK/km | Download

 

Schlichte Ruhestätten

So eindrucksvolle Namen die Schwestern hatten, so schlicht ist ihre Grabstätte gehalten. Die Treppe mündet in einen Gang, an dessen Ende ein kleiner Raum ist. Das dortige Kreuz ist sichtbar, Blumen stehen in einer Vase daneben. Sitzbänke laden zum Gedenken ein. Neben dem Kreuz ist die letzte Ruhestätte von Maria Katharina. Eine Zusatztafel erinnert an ihre Taten: „Eine überaus bewunderungswürdige Mutter, werth des Angedenken rechtschaffner Leute, welche mit Weisheit erfüllet war und ihre weiblichen Gedanken mit männlichem Muthe unterstützte. II Machab. 7. 21.“

 

Ihre Bestattung 1784 markierte das Ende einer Praxis in der Geschichte der Englischen Fräulein: Sie war die letzte, die in der Gruft bestattet wurde. Weitere 32 Gruftöffnungen im rückwärtigen Teil der Gruft blieben leer. Bis heute.

 

Porträt von der Ordensgründerin Mary Ward in Ordenstracht, Ölgemälde

Ordensoberin Maria Katharina, Gräfin von Saint-Julien, war seit ihrer Jugendzeit mit Kaiserin Maria Theresia befreundet, was dem Orden am Wiener Hofe hohes Ansehen verlieh. (c) ÖOK/km | Download

 

Das Ende der Bestattungen in der Gruft

1784 verordnete der neue Kaiser Josef II. eine umfangreiche Begräbnisreform, die die Hygiene verbessern sollte. Fortan waren alle Beerdigungen im Stadtgebiet verboten. Die letzte Ruhestätte sollte außerhalb der Stadtmauern erfolgen. Dazu wurde der Platz reglementiert und aufgrund von Holzknappheit durften Särge nur mehr geliehen werden. (Berühmt wurde etwa der Josephinische Klappsarg: Er war am Boden mit einer Holzklappe ausgestattet, die geöffnet werden konnte. Der Leichnam, eingewickelt in Leinentücher, fiel in das Grab.) Es verwundert nicht, dass viele Punkte der Verordnung auf erbitterten Widerstand in der Bevölkerung stießen und Josef 1785 zurückrudern musste.

 

Die Englischen Fräulein hatten bereits 1755 den von St. Pölten weiter südlich gelegenen Lilienhof erworben, der u. a. zu Erholungszwecken diente. Im dortigen Park wurde ein Ordensfriedhof angelegt, der bis heute benutzt wird. Damit endet die Geschichte der Gruft.

 

Die Schule hat 2021 einen eigenen Mary Ward Gedenkraum eingerichtet

Heute erinnert ein 2021 in der Schule eigens geschaffener Gedenkraum an Mary Ward und an die Englischen Fräulein, die über 300 Jahre dort gewirkt haben. © ÖOK/msc 

 

Heute ist sie nur mehr im Zuge von Führungen zugänglich. Nachdem die Congregatio Jesu ihre Schulen und Liegenschaften an die Vereinigung von Ordensschulen Österreichs (VOSÖ) und das Institut Österreichischer Orden (IÖO) übergeben hat, obliegt es diesen, sich um die Gruft zu kümmern. Schulleiterin der Mary Ward Schulen St. Pölten, Sabine Triml, erzählt, dass die Schulwarte stets nach dem Rechten sehen. Vor allem, nachdem es geregnet hat. Der Lehmboden in der Gruft ist hier ein Vorteil, schildert sie, weil selbst wenn Wasser eintreten würde, könnte es versickern. Es gibt keine Messen oder Gedenkfeiern mehr in der Gruft. Aber der Raum darüber – die Kirche – wird natürlich im Zuge von Schulfeiern noch genutzt. Wo die Englischen Fräulein einst Mädchen unterrichteten, lernen und feiern heute Schülerinnen und Schüler.

 

Hier sind sechs Grufttafeln mit sechs Inschriften.

Sechs der 26 Kehlheimerplatten mit eingravierter Inschrift, die Namen, Alter, Sterbedatum zeigen. (c) ÖOK/km | Download

 

Die Gruft verrät uns die Namen und Sterbedaten der 26 Fräulein, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Aber nicht, wer sie waren und was sie taten. Es bleibt der Gedanke, dass sie ihr Leben dem Gebet, der Gemeinschaft und der Bildung der ihnen anvertrauten Mädchen gewidmet haben.