23. Oktober 2026

Zwischen Logik und Glauben

Mathematik gilt als das Reich der Beweise. Im Kloster dagegen geht es um Vertrauen, Berufung und Glauben. Für viele klingt das nach einem Widerspruch. Für Sr. Sabine Maria Grangl klingt es nach einem ganz normalen Stundenplan. Die Franziskanerin von der Unbefleckten Empfängnis unterrichtet Mathematik, Katholische Religion und Musikerziehung an der Privaten Mittelschule Graz-Eggenberg des Vereins für Franziskanische Bildung (VfFB). Vormittags erklärt sie Jugendlichen Bruchzahlen, am Abend betet sie mit ihren Mitschwestern die Vesper. Dazwischen sind keine zwei Welten, sondern ein Leben, das beides erstaunlich selbstverständlich verbindet.

Wenn der Funke überspringen soll, hilft manchmal auch die Gitarre: Sr. Sabine Grangl mit ihren Schülerinnen und Schülern

Wenn der Funke überspringen soll, hilft manchmal auch die Gitarre: Sr. Sabine Grangl mit ihren Schülerinnen und Schülern. © Sr. Laura Ukaj

 

Dass eine Ordensfrau seit acht Jahren Mathematik unterrichtet, sorgt immer wieder für erstaunte Gesichter. Dass sie daran auch noch sichtbar Freude hat, macht die Überraschung perfekt. „Ich habe das nie als Gegensatz gesehen“, sagt sie. Logik, Musik und Religion gehören für sie zur Vielfalt des Lebens. Mathematik macht Muster sichtbar und führt zu klaren Lösungen. Religion öffnet den Raum für die großen Fragen, auf die es eben nicht immer eindeutige Antworten gibt. Genau diese Spannung empfindet sie als Bereicherung.

 

Zwei Berufungen statt einer

Bei Sr. Sabine verlaufen eigentlich zwei Berufungen parallel. Die erste führte sie ins Klassenzimmer. Schon vor dem Studium machte sie ein Bekannter auf Fähigkeiten aufmerksam, die sie an sich selbst noch gar nicht bemerkt hatte. Im Laufe des Studiums stellte sie fest: Das passt.

 

Die zweite Berufung brauchte deutlich mehr Geduld. Mit 14 begegnete sie bei einem Jugendtreff zum ersten Mal bewusst Ordensfrauen. Die Faszination war sofort da, die Gewissheit nicht. Über Jahre pendelten ihre Gedanken zwischen verschiedenen Lebensentwürfen. Vielleicht doch Familie? Vielleicht ein ganz anderer Weg? „Es war ein längerer Weg“, erzählt sie rückblickend. Immer wieder meldete sich diese leise Sehnsucht. Irgendwann verschwand sie nicht mehr. Den entscheidenden Unterschied beschreibt sie mit einem einzigen Wort: Frieden. Im Ordensleben fand sie jenes Ankommen, das sie anderswo vergeblich gesucht hatte. Kein spektakuläres AhaErlebnis, sondern eine langsam wachsende Gewissheit.

 

Zwischen Tafel und Klosterchor

Wer glaubt, der Wechsel zwischen Schule und Kloster sei ein ständiger Rollenwechsel, unterschätzt den Alltag. Der beginnt mit dem Wecker und der Laudes. Danach geht es in die Schule, später zum gemeinsamen Mittagessen, am Abend folgen Gebetszeiten und Messe, irgendwann ruft das Bett. „Da freut man sich ja schon“, sagt sie lachend. Gerade diese Struktur gibt ihrem Tag Halt. Das Gebet ist dabei kein Programmpunkt unter vielen, sondern der rote Faden, der alles zusammenhält.

 

Und doch begegnen Sr. Sabine im Schulalltag Fragen, die in keinem Stundenplan stehen. Kinder fragen manchmal ganz direkt: „Schläfst du eigentlich im Ordensgewand?“ Oder: „Du trägst einen Ring, hast aber keinen Mann?“ Fragen, die Erwachsene vermutlich nie stellen würden. Sie nimmt sie gelassen. Kinder sind eben ehrlich. Und Ehrlichkeit ist meistens ein guter Anfang für ein Gespräch.

 

Mathematik braucht Begeisterung

Dass ausgerechnet Mathematik eine ihrer Leidenschaften ist, überrascht viele. Noch erstaunlicher ist vielleicht ihre Erklärung. Guter Mathematikunterricht beginnt für sie nicht mit Formeln, sondern mit Begeisterung. „Wenn man es selber nicht mag, kann man niemanden dafür begeistern.“ Deshalb versucht sie, den Funken überspringen zu lassen. Das gelingt natürlich nicht immer. Mathematik bleibt für manche Schülerinnen und Schüler ein hartes Pflaster. Trotzdem ist sie überzeugt, dass Interesse wachsen kann, wenn Lehrende selbst für ihr Fach brennen.

 

Zwei Berufungen, ein Klassenzimmer: Sr. Sabine Grangl unterrichtet an der Privaten Mittelschule der Grazer Schulschwestern in Graz-Eggenberg.

Zwei Berufungen, ein Klassenzimmer: Sr. Sabine Grangl unterrichtet an der Privaten Mittelschule der Grazer Schulschwestern in Graz-Eggenberg. © Sr. Laura Ukaj

 

Dabei ist Mathematik für sie weit mehr als Zahlen und Rechenwege. Die Kreiszahl Pi mit ihren unendlich vielen Nachkommastellen fasziniert sie ebenso wie der Strahl, der zwar einen Anfang, aber kein Ende besitzt. Manchmal blitzt darin für sie sogar etwas von Transzendenz auf. Nicht als Gottesbeweis. Aber als Erinnerung daran, dass auch die Mathematik an Grenzen stößt und ins Unendliche weist.

 

Die eigentliche Spannung

Mathematik & Religion Genau hier zeigt sich, wie eng ihre beiden Berufungen zusammenhängen. Als Mathematiklehrerin sucht sie nach Lösungen. Als Religionslehrerin freut sie sich über gute Fragen. Im Mathematikunterricht wäre es mühsam, wenn jede Aufgabe offen bliebe. Im Religionsunterricht wäre es fast schade, wenn auf jede Frage sofort eine fertige Antwort käme. Welche Fragen die Jugendlichen stellen, merkt sie sich gar nicht so genau. Entscheidend ist, dass sie fragen. Denn dann denken sie mit, dann setzen sie sich auseinander, dann wird Unterricht lebendig. Vielleicht ist das die größte Gemeinsamkeit ihrer beiden Berufe: Im Kloster wie in der Schule geht es darum, Menschen beim Wachsen zu begleiten. Nur die Wege dorthin unterscheiden sich.

 

Mehr als Unterricht

Wenn ehemalige Schülerinnen und Schüler wieder vorbeischauen, freut sie das besonders. Nicht nur, wenn sie sich noch an Formeln erinnern. Wichtiger ist ihr, dass etwas anderes hängen geblieben ist: Wertschätzung, Zuhören, ein Ort, an dem man sich angenommen fühlt. „Wenn man sich nicht wohlfühlt, kann man nicht gut lernen“, sagt sie. Deshalb gehören für sie Beziehung und Regeln zusammen. Beides braucht es. In Mathematik ist sie vielleicht manchmal etwas strenger, meint sie schmunzelnd. Ob das stimmt, müssen allerdings ihre Schülerinnen und Schüler beantworten.

 

Nicht Untergang, sondern Veränderung

Auch das Ordensleben steht vor neuen Herausforderungen. Die großen Konvente werden kleiner werden, davon ist sie überzeugt. Gemeinschaften werden enger zusammenarbeiten, manche Klöster neue Nutzungen finden. Für sie ist das kein Untergang, sondern Veränderung. Denn die eigentliche Aufgabe der Orden bleibt dieselbe: Menschen Orte anzubieten, an denen sie Glauben, Orientierung und Gemeinschaft erfahren können.

 

Wer heute ins Kloster eintreten möchte, sollte das allerdings nicht aus romantischen Vorstellungen tun. Ihre Antwort darauf fällt ungewöhnlich klar aus. „Nur wenn man diese Einladung Gottes spürt. Sonst bitte nicht.“ Vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis ihres Lebens. Zwischen Mathematik und Glauben entscheidet sie sich nicht für eine Seite. Sie lebt beides. Und zeigt ganz nebenbei, dass sich Logik und Vertrauen oft besser ergänzen, als viele vermuten.

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe der ON-Ordensnachrichten 3/2026 erschienen.