14. Oktober 2026

JWL: Bildung gibt Frauen die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen

Wie kann Bildung das Leben von Menschen verändern, die durch Krieg, Flucht oder gesellschaftliche Benachteiligung kaum Zukunftsperspektiven haben? Jesuit Worldwide Learning (JWL) eröffnet jungen Menschen weltweit den Zugang zu Hochschulbildung. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Organisation waren Magdalena Nauderer, verantwortlich für die JWL-Arbeit im Irak und im Nahen Osten, und die Absolventin Christine Wehbe aus Syrien in Wien zu Gast. Im Gespräch mit der Österreichischen Ordenskonferenz erzählen sie, wie Bildung neue Perspektiven schafft, Frauen stärkt und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.

„Am Anfang stand ich als Geflüchtete vor dem Nichts. Wir hatten unsere Heimat verlassen, ohne Zukunftsperspektive und ohne Plan“, erinnert sich Christine Wehbe. Die junge Frau stammt aus Damaskus in Syrien. Als der Krieg das Leben ihrer Familie zunehmend unmöglich machte, floh sie gemeinsam mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern nach Erbil in die Autonome Region Kurdistan im Nordirak. Dort stand sie vor einer ungewissen Zukunft. Zwar hatte sie die Schule abgeschlossen und arbeitete bereits, doch die Möglichkeit einer weiterführenden Ausbildung schien unerreichbar. An den öffentlichen Universitäten wurde überwiegend auf Kurdisch unterrichtet, eine Sprache, die sie nicht ausreichend beherrschte. Private Universitäten wiederum waren für die Familie nicht finanzierbar.

„Jetzt weiß ich, was ich möchte und was ich nicht möchte. Ich habe die Freiheit, meinen eigenen Weg zu wählen.“ Christine Wehbe floh mit ihrer Familie aus Syrien in den Irak. Dank Jesuit Worldwide Learning konnte sie studieren und arbeitet heute als

„Jetzt weiß ich, was ich möchte und was ich nicht möchte. Ich habe die Freiheit, meinen eigenen Weg zu wählen.“ Christine Wehbe floh mit ihrer Familie aus Syrien in den Irak. Dank JWL konnte sie studieren und arbeitet heute als Sales Managerin in der Hotellerie. © ÖOK/manou nitsch

 

„Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es für mich überhaupt keine Möglichkeit mehr gab, eine höhere Ausbildung zu absolvieren“, erzählt Wehbe. Bis sie auf Jesuit Worldwide Learning aufmerksam wurde. „Diese Organisation gab mir wieder einen Lebenssinn und die Möglichkeit, zu studieren und meine Zukunft zu planen. Bis dahin hatte ich keine Vorstellung davon, wie mein nächster Tag aussehen würde.“ Heute hat Christine Wehbe einen Bachelorabschluss in nachhaltiger Entwicklung und arbeitet als Sales Managerin bei Radisson Hotels. Ihr nächstes Ziel ist ein Masterstudium.

 

Hochschulbildung dorthin bringen, wo sie gebraucht wird

Dass Menschen wie Christine Wehbe trotz schwierigster Lebensumstände studieren können, ist das zentrale Anliegen von Jesuit Worldwide Learning. Die Organisation ging aus einem 2010 gestarteten Bildungsprojekt hervor und wurde 2016 als eigenständiges Werk gegründet. Ihr Ansatz ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Nicht die Studierenden müssen zu einer Universität kommen, sondern die Hochschulbildung wird zu ihnen gebracht.

 

„Jede einzelne Veränderung trägt auch zu einer gesellschaftlichen Veränderung bei“, ist Magdalena Nauderer überzeugt. Die JWL-Verantwortliche für den Irak und den Nahen Osten erlebt, wie Bildung Frauen neue berufliche und persönliche Möglichkeiten er

„Jede einzelne Veränderung trägt auch zu einer gesellschaftlichen Veränderung bei“, ist Magdalena Nauderer überzeugt. Die JWL-Verantwortliche für den Irak und den Nahen Osten erlebt, wie Bildung Frauen neue berufliche und persönliche Möglichkeiten eröffnet. © ÖOK/manou nitsch

 

„Wir bieten Hochschulbildung an Orten an, an denen junge Menschen normalerweise keinen Zugang zu Universitäten haben“, erklärt Magdalena Nauderer, die seit mehreren Jahren für JWL im Irak tätig ist und heute auch für die Arbeit im Nahen Osten Verantwortung trägt. Die Idee entstand aus der weltweiten Bildungstradition der Jesuiten. Warum, so die ursprüngliche Überlegung, sollten die akademischen Möglichkeiten renommierter jesuitischer Universitäten nicht auch Menschen offenstehen, die sich ein Studium sonst niemals leisten könnten?

 

JWL verbindet deshalb digitale Hochschullehre mit lokalen Lernzentren, in denen Studierende begleitet werden und gemeinsam lernen können. Neben akademischen Studiengängen bietet die Organisation unter anderem Englischkurse, berufliche Weiterbildung und Bildungsprogramme zur Friedensarbeit an. Die Angebote richten sich besonders an Geflüchtete, Binnenvertriebene, Angehörige benachteiligter Minderheiten und Menschen in wirtschaftlich schwierigen Lebenssituationen. Inzwischen ist JWL weit über die ursprünglichen Flüchtlingslager hinausgewachsen. Laut dem Jahresbericht 2025 erreichte die Organisation mehr als 13.000 Studierende in 40 Ländern. 57 Prozent der Lernenden waren Frauen.

 

Frauen tragen oft eine doppelte Last

Gerade für Frauen kann der Zugang zu Bildung entscheidend sein. Dabei gehe es nicht darum, dass Frauen im Irak grundsätzlich vom Studium ausgeschlossen wären, betont Magdalena Nauderer. Die Realität sei wesentlich differenzierter. „Es kommt sehr darauf an, aus welchen Verhältnissen man kommt“, erklärt sie. Frauen aus gut situierten, bildungsnahen Familien in den Städten hätten durchaus Möglichkeiten, eine Universität zu besuchen.

 

Bildung als Schlüssel zur Selbstbestimmung: Magdalena Nauderer und Christine Wehbe berichten, wie insbesondere Frauen im Irak durch akademische Ausbildung an Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung gewinnen können.

Bildung als Schlüssel zur Selbstbestimmung: Magdalena Nauderer und Christine Wehbe berichten, wie insbesondere Frauen im Irak durch akademische Ausbildung an Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung gewinnen können. © ÖOK/manou nitsch

 

Für junge Frauen aus ländlichen Regionen oder wirtschaftlich benachteiligten Familien sehe die Situation jedoch oft völlig anders aus. Frühe Heirat, Kinderbetreuung, familiäre Verpflichtungen und fehlende finanzielle Mittel erschweren ihnen den Bildungsweg. Hinzu kommen große geografische Entfernungen zu den Universitäten. Besonders in abgelegenen Regionen seien Familien häufig nicht bereit, ihre Töchter für ein Studium in eine fremde Stadt ziehen zu lassen.

 

„Viele unserer Studentinnen sind junge Mütter“, erzählt Nauderer. „Gerade wenn Menschen aus ökonomisch schwachen Verhältnissen kommen, werden die Mädchen oft sehr jung verheiratet. Dann kommt das erste Kind, und damit ist es häufig vorbei mit der Universität.“

 

Ein weiteres Hindernis sei die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit. Frauen würden zu Hause gebraucht, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu versorgen. Ein Studium lasse sich unter solchen Bedingungen nur schwer organisieren. Deshalb setzt JWL bewusst auf flexible und kostenlose Bildungsangebote. „Wir haben viele Studentinnen, die bei uns studieren, weil es nichts kostet“, sagt Nauderer. Familien, die das wenige verfügbare Geld nicht in die Ausbildung ihrer Töchter investieren könnten oder wollten, würden einem kostenlosen Studium eher zustimmen.

 

Im Irak erreicht JWL nach Angaben Nauderers jährlich rund 1.700 Lernende in Sprachkursen und akademischen Programmen. Etwa zwei Drittel davon sind Frauen. In manchen Lernzentren, etwa im Flüchtlingslager Domiz, bestehen einzelne Englischklassen sogar ausschließlich aus Studentinnen.

 

„Jetzt weiß ich, was ich möchte und was ich nicht möchte“

Für Christine Wehbe bedeutete das Studium weit mehr als den Erwerb eines akademischen Titels. Es gab ihr etwas zurück, das sie durch die Flucht verloren hatte: die Möglichkeit, selbst über ihr Leben zu entscheiden. „Was JWL mir gegeben hat, ist vor allem eines: Stärke. Sie haben mir Bildung ermöglicht und gezeigt, wie ich meine Zukunft selbst gestalten kann“, erzählt sie.

 

Christine Wehbe und Magdalena Nauderer setzen sich auf unterschiedliche Weise für Bildungschancen ein. Während Nauderer die Bildungsprogramme von JWL im Irak verantwortet, möchte Absolventin Wehbe ihre Erfahrungen weitergeben und anderen jungen Fraue

Christine Wehbe und Magdalena Nauderer setzen sich auf unterschiedliche Weise für Bildungschancen ein. Während Nauderer die Bildungsprogramme von JWL im Irak verantwortet, möchte Absolventin Wehbe ihre Erfahrungen weitergeben und anderen jungen Frauen Mut machen. © ÖOK/manou nitsch

 

Im Studiengang Sustainable Development beschäftigte sie sich mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Umweltschutz, Menschenrechte, Wasser, gesellschaftliche Entwicklung und die Suche nach Lösungen für globale Herausforderungen standen im Mittelpunkt. Das Wissen aus dem Studium kann sie heute auch in ihrem Beruf einsetzen. Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Wirtschaften spielen schließlich auch in der Hotellerie eine zunehmende Rolle.

 

Noch wichtiger ist für sie allerdings die persönliche Veränderung. „Ich habe gelernt, dass Wissen Macht bedeutet. Natürlich lernt man auch durch das Leben selbst. Aber eine akademische Ausbildung eröffnet zusätzliche Möglichkeiten.“

 

Vor ihrem Studium habe sie kaum gewusst, welchen Weg sie einschlagen sollte. Heute sei das anders: „Jetzt weiß ich, was ich möchte und was ich nicht möchte. Ich habe die Freiheit, meinen eigenen Weg zu wählen.“

 

Auch ihre Familie habe sie auf diesem Weg stets unterstützt. Besonders stolz seien ihre Eltern darauf, dass sie nun anlässlich des JWL-Jubiläums in Wien ihre Geschichte erzählen könne.

 

Wenn Frauen zum Vorbild für andere werden

Was ein solcher Bildungsweg für eine ganze Gemeinschaft bedeuten kann, erlebt Magdalena Nauderer besonders deutlich in den jesidischen Lernzentren im Nordirak.

 

Die Region um Sinjar wurde durch die Gewaltherrschaft des sogenannten Islamischen Staates schwer getroffen. Viele Familien mussten fliehen, traditionelle Lebensgrundlagen wurden zerstört und die wirtschaftlichen Perspektiven sind bis heute schwierig.

 

Gerade dort könne Bildung für Frauen eine besondere Wirkung entfalten, erzählt Nauderer. Wenn eine junge Frau durch ihre Ausbildung eine qualifizierte Arbeit findet und zum Familieneinkommen beiträgt, verändert sich häufig auch ihre Stellung innerhalb der Familie.

 

Zwei Frauen, eine gemeinsame Überzeugung: Bildung verändert Leben. Magdalena Nauderer ermöglicht mit Jesuit Worldwide Learning jungen Menschen den Zugang zu Hochschulbildung. Christine Wehbe hat diese Chance genutzt.

Zwei Frauen, eine gemeinsame Überzeugung: Bildung verändert Leben. Magdalena Nauderer (rechts) ermöglicht mit Jesuit Worldwide Learning jungen Menschen den Zugang zu Hochschulbildung. Christine Wehbe (links) hat diese Chance genutzt. © ÖOK/manou nitsch

 

„Unsere Studentinnen melden uns zurück, dass sie jetzt ihre ganze Familie ernähren, ihren Vater, ihre Mutter und ihre Geschwister“, berichtet sie. Dadurch würden sie nicht nur wirtschaftlich unabhängiger, sondern gewännen auch an Selbstvertrauen und gesellschaftlicher Anerkennung.

 

Dieser Wandel verlaufe keineswegs immer konfliktfrei. Traditionelle Vorstellungen über die Rolle von Frauen verschwänden nicht von heute auf morgen. Doch das zusätzliche Einkommen werde von den Familien durchaus geschätzt.

 

Entscheidend sei außerdem die Vorbildwirkung. Wenn eine Frau erfolgreich studiert und anschließend beruflich Fuß fasst, wird es für jüngere Schwestern, Nichten oder Töchter leichter, ebenfalls einen Bildungsweg einzuschlagen.

 

„Ich glaube, dass jede einzelne Veränderung auch zu einer gesellschaftlichen Veränderung beiträgt“, sagt Nauderer. „Es kann ja nur durch viele, viele kleine Veränderungen etwas passieren.“

 

Bildung als Weg aus der Abhängigkeit

Für Magdalena Nauderer zeigt die Arbeit von JWL auch, wie eng fehlende Bildungschancen mit größeren gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten verbunden sind. Armut, Flucht, Diskriminierung und gesellschaftliche Ausgrenzung könnten dazu führen, dass Menschen dauerhaft von weiterführender Bildung ausgeschlossen bleiben. Dabei gehe es nicht ausschließlich um Universitätsabschlüsse, sondern grundsätzlich um hochwertige Bildung nach der Schule.

 

„Es muss nicht jeder studieren“, stellt Nauderer klar. Wichtig sei vielmehr eine Ausbildung, die kritisches Denken fördert und Menschen dazu befähigt, ihr Leben aktiv selbst zu gestalten. Sie verweist dabei auf Hindernisse, die aus ihrer Sicht vermeidbar wären. „Warum dürfen Geflüchtete nicht an die Uni? Das ist einfach eine künstliche Barriere, die es nicht bräuchte.“

 

Fehlende Bildung könne Menschen über Generationen in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Abhängigkeit halten. Umgekehrt könne Bildung helfen, solche Kreisläufe zu durchbrechen. Allerdings sei sie kein Allheilmittel. „Diese großen Probleme lassen sich nicht alle durch Bildung lösen. Aber auf alle Fälle glaube ich, dass Bildung ein Teil davon sein muss, wenn wir diese Probleme lösen wollen“, betont Nauderer.

 

Ein Bildungsmodell für viele Ordensgemeinschaften

Zum zehnjährigen Bestehen blickt Jesuit Worldwide Learning nicht nur auf das Erreichte zurück, sondern auch auf neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

 

Magdalena Nauderer wünscht sich insbesondere, das Netzwerk an Partneruniversitäten und lokalen Einrichtungen weiter auszubauen. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass hochwertige Hochschulbildung nicht zwangsläufig einen großen Universitätscampus brauche. „Wir haben ein gutes Modell entwickelt, wie man Hochschulbildung auch anders denken kann“, sagt sie. „Dass man Hochschulbildung wirklich zu den Leuten bringen kann, dort, wo sie gebraucht wird.“

 

Dabei richtet sie den Blick ausdrücklich auch über den Jesuitenorden hinaus. Weltweit betreiben zahlreiche Ordensgemeinschaften Schulen, Sozialzentren und andere Bildungseinrichtungen. Für JWL könnten solche Strukturen wertvolle Anknüpfungspunkte bieten.

 

„Es gibt viele Ordensgemeinschaften, die Sekundarschulen haben oder sich mit Sozialzentren engagieren“, erklärt Nauderer. „Das ist kein exklusives Angebot für Jesuiten oder Jesuitenstandorte, sondern offen für alle.“

 

Auch für andere Ordensgemeinschaften könnte sich damit die Möglichkeit eröffnen, Menschen in benachteiligten Regionen Zugang zu weiterführender Bildung zu ermöglichen.

 

„Wenn dir niemand eine Tür öffnet, dann versuche, selbst eine zu bauen“

Christine Wehbe möchte in Zukunft nicht nur ihre eigene Ausbildung fortsetzen. Sie will auch anderen Menschen Mut machen, die sich heute in einer ähnlichen Situation befinden wie sie selbst nach ihrer Flucht. „Ich möchte etwas von dem zurückgeben, was ich durch JWL erhalten habe“, sagt sie. Möglichst viele Menschen sollen erfahren, welche Bildungswege ihnen trotz schwieriger Lebensumstände offenstehen könnten.

 

Besonders am Herzen liegen ihr junge Mädchen und Frauen, denen eine selbstbestimmte Zukunft unerreichbar erscheint. „Auch sie haben das Recht auf Bildung. Auch sie haben das Recht, ein selbstbestimmtes und möglichst normales Leben zu führen.“

 

Was sie ihrem jüngeren Ich heute sagen würde? Christine Wehbe muss nicht lange überlegen: „Gib niemals auf! Suche immer weiter nach Möglichkeiten“, lautet ihre Antwort. Es sei in Ordnung, zeitweise keine Antworten zu haben und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Und dann formuliert sie einen Gedanken, der auch die Arbeit von Jesuit Worldwide Learning auf den Punkt bringt: „Selbst wenn dir niemand eine Chance gibt oder eine Tür öffnet, dann versuche, selbst eine Tür zu bauen und sie zu öffnen.“