21. Oktober 2026

Aufbauen heißt auch loslassen können

Lehrerin, Generaloberin, Generalökonomin, Mitgründerin der Katholischen Kindertagesheime (KKTH), Mitinitiatorin des Vereins für Franziskanische Bildung VfFB. Sr. Petronilla Herl hat viele Rollen ausgefüllt. Viel treffender beschreibt sie aber ein anderes Wort: überzeugte Ordensfrau, Franziskanerin. Eine, die Entwicklungen früh erkennt, Visionen hat und bereit ist, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen, wie zuletzt die eigenen Bildungseinrichtungen und die Klostergebäude komplett abzugeben. Eine Wegsuche.

Sr. Petronilla Herl von den Schulschwestern mit der Ordenstracht im Schulhof.

Sr. Petronilla Herl hat die Zukunft der Bildungseinrichtungen ihrer Gemeinschaft über viele Jahre mitgestaltet und wichtige Übergänge mitgetragen. © ÖOK/emw

 

Besucht man Sr. Petronilla Herl, Konventoberin der „Schulschwestern vom Dritten Orden des hl. Franziskus“, in der Apostelgasse, wird man schon von Weitem von Baulärm begrüßt. Ein Teil des Gebäudes ist eingezäunt, es wird fleißig gewerkt. Die Umbauarbeiten des Klostergebäudes sind in vollem Gang. 2025 hat ihre Gemeinschaft die Bildungseinrichtungen St. Franziskus, St. Elisabeth, das Elisabethinum und das Haus Klara an die Vereinigung von Ordensschulen (VOSÖ) übergeben. Gebäude und Liegenschaften gingen an das Institut Österreichischer Orden (IÖO). Seitdem ist nichts mehr, wie es war. „Wir haben ganz übergeben. Uns gehört hier nichts mehr“, sagt Sr. Petronilla.

 

Dass ausgerechnet unter ihrer Führung ein Kapitel enden sollte, war zunächst schwer vorstellbar. Immerhin hatten ihre Mitschwestern die Bildungseinrichtungen – alle Schulstufen, Kindergärten und Horte – über Generationen aufgebaut. Sr. Petronilla selbst hat als Lehrerin und später als Generaloberin sowie als Vorsitzende des Schulvereins die Ausrichtung der Schule, des Kindergartens und des Horts jahrelang mitgetragen und geprägt. Jetzt sollte dies gerade unter ihrer Führung zu einem Ende gehen?

 

Doch Sr. Petronilla verschloss die Augen nicht. Der Ordensnachwuchs fehlt. Es braucht eine Lösung für eine Zukunft ohne Orden – vor allem für die Mitarbeitenden, Eltern und Kinder, die die Einrichtungen besuchen. „Das Schlimmste wäre, wenn wir durch Zögern Unsicherheiten schaffen und den Fortbestand gefährden.“

 

Eine Suche begann

Gemeinsam mit den Kreuzschwestern und den Schulschwestern aus Vöcklabruck, Amstetten und Graz gründete sie 2019 den „Verein für Franziskanische Bildung (VfFB)“ – eine „Auffanggemeinschaft“, ähnlich der VOSÖ. Hintergrund: „Ich bin überzeugt, dass ein gutes Miteinander der Ordensgemeinschaften stärkend ist“, sagt Sr. Petronilla.

 

Wie gut ein Miteinander funktionieren kann, sah sie schon bei den Katholischen Kindertagesheimen (KKTH). Gemeinsam mit HR Rudolf Luftensteiner und mit Unterstützung der Unitas Solidaris hat sie damals den Zusammenschluss aller Ordenskindergärten und Horte in Wien vorangetrieben, obwohl der Gegenwind seitens der Erzdiözese und der Gemeinde Wien enorm war. Bis heute freut es sie, „dass wirklich alle Orden ihre Einrichtungen eingebracht haben“. Sie wurde erste Vorsitzende der KKTH, und es konnte vieles gemeinsam erreicht werden – Entlohnungsschemas, Weiter- und Fortbildungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etc. „Die Standorte haben dadurch an Qualität gewonnen.“ Eine starke Motivation für die Entscheidung, die Einrichtungen einzubringen, war: Es gibt pro Gruppe mehr Geld von der Gemeinde Wien.

 

„Für Geld allein habe ich das damals nicht gemacht, mir ging es immer um das Spirituelle.“ Und das war für Sr. Petronilla nie bloß ein Zusatz. Auch in der Schule sollte die franziskanische Ausrichtung im Alltag spürbar sein. Kaum war sie die Verantwortliche für die Bildungseinrichtungen, mussten neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter franziskanische Grundmodule absolvieren. „Wir waren da sehr streng. Jede und jeder musste diese Module durchlaufen.“ Als ihr persönliches „Steckenpferd“ bot sie zusätzlich den „Franziskanischen Spiritualitätsweg“ an. Dazu kamen jährliche Wallfahrten, Feste und alle zwei Jahre eine Fahrt nach Assisi, nach Hallein oder Thüringen. Auch hier ging es ihr wieder um das Miteinander: Menschen zusammenzubringen, getragen von einer gemeinsamen Spiritualität.

 

Miteinander: Nicht um jeden Preis

Die anfängliche Erleichterung, mit dem Verein für Franziskanische Bildung VfFB eine nachhaltige Lösung für die Werke der Gemeinschaft gefunden zu haben, war nur von kurzer Dauer: Vor dem eigentlichen Einbringen der Einrichtungen trat ihr Orden 2022 wieder aus. „Für uns ist dieses Vorhaben leider nicht gelungen. Aber es war eine gute Erfahrung und es freut mich, dass die Vereinigung VfFB besteht und wächst“, resümiert die Ordensfrau. Knackpunkt war unter anderem, dass es eine Schwester gebraucht hätte, die den Verein noch begleitet. „Ich bin die Einzige, die das leisten könnte. Jedoch mit über 80 Jahren geht das nicht.“

 

 

Das Bild zeigt die aktuelle Baustelle bei der Apostelgasse. Die Umbauarbeiten der Schule haben begonnen.

Im Klostergebäude in der Apostelgasse wird derzeit umgebaut. Die Räume werden unter anderem für Kindergarten und Hort neu adaptiert. © ÖOK/emw

 

Die Entscheidung fiel

So wurde klar, dass die VOSÖ/IÖO-Lösung die passende für die Gemeinschaft ist. „Ich habe das auch nicht sofort verstanden. Sr. Maria Irina Teiner, unsere Generaloberin, war von Anfang an für diese Vereinigung.“

Die Übergabe an den neuen Eigentümer IÖO bzw. den Träger VOSÖ erfolgte im Mai 2025. Generaloberin Sr. Maria Irina Teiner unterzeichnete gemeinsam mit Sr. Petronilla die Verträge. Gebäude, Liegenschaften und Bildungseinrichtungen – „einfach alles“ – wurden übergeben, aber mit dem klaren Ziel, eine tragfähige Zukunft für alles geschaffen zu haben: voll Vertrauen und mit einer klaren Vision, die franziskanische Spiritualität an den Standorten zu erhalten, auch wenn keine Schwester mehr verantwortlich bzw. vor Ort ist.

 

„Es gehört uns nicht“

Sucht man Zeichen von Wehmut, findet man diese: „Leicht war es nicht“, resümiert Sr. Petronilla. „Wenn man zuschaut, wie unser schönes Kloster durch den Umbau für den Kindergarten und Hort jetzt praktisch demoliert wird, tut das weh.“ Aber für sie steht ganz klar die franziskanische Ausrichtung im Mittelpunkt: „Es gehört nicht uns. Es ist uns gegeben für unsere Apostolatsaufgabe. Und wenn wir diese nicht mehr erfüllen können, dann brauchen wir auch keine Häuser. Wir sind Franziskanerinnen.“

 

Das versucht sie auch an ihre Mitschwestern weiterzugeben, denen die Übergabe der Einrichtungen und der Immobilien schwerfällt. „Bitte verschließt die Augen vor der Zukunft nicht. Es ist wichtig, zusammenzuhalten. Wir haben versucht, für unsere Werke gute Voraussetzungen für die Zukunft zu schaffen. Und wir haben auch dafür gesorgt, dass die Schwestern im Alter und in der Krankheit abgesichert sind.“

 

Gebet für unsere Bildungseinrichtungen

Sr. Petronilla hat mit einer Vision und Klarheit für ihre Schwesterngemeinschaft und die Bildungseinrichtungen eine gute Lösung für die Zukunft gefunden. Eine Sorge bleibt: „Ich denke oft an HR Rudolf Luftensteiner, der einmal gesagt hat: ‚Ich habe keine Sorgen um die Ordensschulen, was die Wirtschaftlichkeit anbelangt. Meine Sorge ist, wenn die Orden wegbrechen: Wer wird für die Werke beten?‘“

 

Sr. Petronilla hat deswegen einen Gebetskreis ins Leben gerufen, der „für das gute Weiterbestehen, für den Erhalt der christlich-franziskanischen Ausrichtung der Bildungseinrichtungen betet“. Die Mitglieder beten täglich ein franziskanisches Gebet. Es gibt monatlich schriftliche spirituelle Impulse und zweimal jährlich ein Treffen. Die Mitglieder sind aktive und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch Eltern unserer Schülerinnen und Schüler sind dabei, wofür Sr. Petronilla sehr dankbar ist: „Dies stärkt unsere Hoffnung, dass die Bildungseinrichtungen gut weitergehen – auch wenn wir Schwestern nicht mehr anwesend sind.“

 

Der Blick auf das, was bleibt, verändert auch ihren Blick zurück. „Ich habe mir oft gedacht: Wir müssen mehr für unsere Bildungseinrichtungen tun. Aber jetzt denke ich mir oft im Rückblick: Mit Gottes Hilfe ist viel Gutes geschehen. Wir können die Werke voll Vertrauen in Gottes Hände legen. Möge der Einsatz Früchte tragen!“

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe der ON-Ordensnachrichten 3/2026 erschienen.