Wo Bildung auf Gottsuche trifft
Als Direktor und Lehrer in der SPAR-Akademie in Wien verbindet P. Nikolaus Schachtner Bildung, Seelsorge und seine eigene Gottsuche. (c) ÖOK/tb
„Für die meisten Schülerinnen und Schüler bin ich überhaupt der einzige Mensch, den sie kennen, der in einem Orden lebt und Priester ist“, erklärt P. Nikolaus Schachtner. Er gehört dem Augustinerorden an und unterrichtet seit 28 Jahren in der Berufsschule der SPAR AG in Wien. Seit 16 Jahren ist er dort auch pädagogischer Leiter. Eine Ordensschule oder katholische Schule ist die „SPAR-Akademie“ nicht. Trotzdem prägen sein Ordensleben, sein Priestertum und seine persönliche Gottsuche seinen Alltag im Klassenzimmer.
Anders als andere Ordensgemeinschaften haben die Augustiner keinen spezifischen Ordensauftrag. Dadurch haben sie die Möglichkeit, in verschiedenen Feldern tätig zu sein – für P. Nikolaus ist das die Schule. „Ich bin da sehr geprägt durch ein Zitat des heiligen Augustinus, der sagt: ‚Wir wollen Gott suchen und wenn wir ihn gefunden haben, dann suchen wir ihn weiter‘“, erklärt er.
Konkret zeigt sich diese Gottsuche für ihn, wenn er in der SPAR-Akademie das Fach „Kulturpflege“ unterrichtet. Der Gegenstand wurde in der Schule 1958 anstelle des konfessionellen Religionsunterrichts eingeführt. Alle Schüler:innen einer Klasse besuchen das Fach gemeinsam, unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis. Die Vielfalt der Schüler:innen in der Berufsschule in Hietzing ist beträchtlich: 36 Nationen und Volksgruppen und 15 Religionsgemeinschaften, dazu kommen jene ohne Bekenntnis.
Lernen durch Begegnung
Kulturpflege ist für P. Nikolaus mehr als Ethikunterricht: „Ich helfe den Schülerinnen und Schülern, ihr eigenes religiöses Bekenntnis zu formulieren, einen eigenen Standpunkt einzunehmen.“ Das geschieht im Rahmen eines strukturierten Unterrichts, aber ohne strengen Lehrplan und Leistungsüberprüfungen, quasi als „Begegnungslernen“. „Es ist nicht einfach nur eine Plauderstunde. Aber natürlich haben hier auch die Empfindungen, die Erfahrungen und die Neugierde der Schülerinnen und Schüler Vorrang“, erklärt der Augustiner.
So lernen die Schüler:innen in der ersten Klasse zum Beispiel viel über das christliche Brauchtum. Der Unterricht muss schließlich auch Bezug zum Lehrberuf haben: „Wir müssen schon davon ausgehen, dass jeder Lehrling und jeder Mitarbeitende bei SPAR erklären kann, was ein Adventskranz ist, weil er Teil des Warensortiments ist.“ Das gilt auch für Themen wie Halloween oder Fasten. Daraus ergeben sich weitere Fragen, etwa: Warum fasten Menschen überhaupt? Wie fasten die einzelnen Religionen? „Das heißt, ich muss natürlich immer vergleichen, Querverbindungen und Bezüge herstellen. Das ist für mich etwas sehr Interessantes und hat auch mit meiner eigenen Gottsuche zu tun“, sagt er.
Ordensleben stößt auf Interesse
Dass P. Nikolaus Priester und Ordensmann ist, ist für die meisten seiner Schüler:innen nicht alltäglich: „Dadurch ergeben sich da auch schon sehr viele Fragen an mich, auch Anfragen an meine Lebensform. Das interessiert sie einfach. Sie freuen sich, dass sie einem Priester begegnen können – und zwar wirklich alle Religionen.“ Sein Habit, den er zwar im Unterricht nie trägt, aber manchmal für seelsorgliche Dienste wie Beerdigungen braucht und daher mit in die Schule nimmt, stößt zum Beispiel auf großes Interesse. „Es gefällt den Schülern schon immer sehr gut, wenn ich das Ordensgewand vor ihnen anziehe und ihnen erkläre, was das bedeutet“, erklärt er.
Obwohl seine Schule keine Ordensschule ist, ist er auch dort immer wieder als Seelsorger gefragt. „Die Schülerinnen und Schüler wenden sich natürlich auch an mich, einerseits als Direktor, als Kulturpflege-Lehrer, aber natürlich manche auch als Priester.“ Seine Tätigkeit in der Schule hängt für P. Nikolaus eng mit der Berufung zum Ordensmann und Priester zusammen. „Ich bin sehr dankbar, dass ich da meinen Weg finden konnte und dass auch meine Gemeinschaft mir diesen Freiraum gibt“, erklärt er.
Sein Alltag ist stark durch seinen Stundenplan bestimmt – sowohl in der SPAR-Akademie als auch in einer öffentlichen Berufsschule in Wien, in der er Religion unterrichtet. Daher ist er viel außer Haus. Dennoch hilft er – sofern zeitlich möglich – in der Seelsorge in St. Augustin mit und steht an Sonn- und Feiertagen der Eucharistiefeier in der Kirche der Klarissen in der Wiener Gartengasse vor. „Ich weiß mich da auch getragen durch die Gebete meiner Mitbrüder, durch das Verständnis meiner Mitbrüder und der Schwestern Klarissen. Und sie wissen auf der anderen Seite, dass manches, was ich hier tue, dann auch wieder rückgebunden ist an unser gemeinsames Leben.“
„Der Sämann geht und sät den Samen aus“
Was aber zeichnet Ordensleute, die in der Bildung tätig sind, aus? „Ich sehe es als eine Präsenz, die eine Strahlkraft und ein Zeugnis haben soll“, ist P. Nikolaus überzeugt und meint: „Ordensleute zeichnen sich durch eine gewisse Freiheit aus.“ Sie sind sowohl zeitlich als auch finanziell nicht so gebunden wie beispielsweise verheiratete Kolleg:innen. Nachwuchswerbung für den Orden ist für ihn in der Schule aber fehl am Platz. In Anlehnung an das Gleichnis vom Sämann meint er: „Der Sämann geht und sät den Samen aus. Ich finde, das ist die Aufgabe von Ordensleuten in der Welt der Bildung.“
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/2026 der OrdensNachrichten (ON).