22. September 2026

Neues Forschungsprojekt: Was Kleidung über das Klosterleben verrät

Ob Ordensgewand oder Alltagskleidung – Textilien waren in religiösen Gemeinschaften weit mehr als eine praktische Notwendigkeit: Sie machten Zugehörigkeit, Hierarchie und Geschlecht sichtbar. Ein aktuell laufendes, von der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich gefördertes Dissertationsprojekt am IMAREAL Krems und der Forschungsstelle FoKuS des Stiftes Klosterneuburg geht dieser Frage nun erstmals systematisch für drei sogenannte Doppelklöster des frühen 16. Jahrhunderts nach – eng miteinander verbundene Männer- und Frauenkonvente unter gemeinsamer Leitung. Anhand von Rechnungsbüchern und normativen Texten wird untersucht, wie sich soziale Ordnung und gelebte Praxis in Kleidung und Wearables der beiden Konvente widerspiegelten.

betende (Chor-)Frau mit hellbraunem Chorrock und braunem Mantel

Ordenskleidung anno dazumal: Die Initiale zeigt eine betende (Chor-)Frau mit hellbraunem Chorrock und braunem Mantel. Ihr Kopf ist mit einem weißen Kopftuch und einem braunen Schleier bedeckt. © Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg | StiBKl, CCl 1004, fol. 109r

 

Wie das bekannte Zitat „Kleider machen Leute“ suggeriert, erfüllen Kleidung und Textilien durchaus mehr als nur praktische Zwecke. Sie können Zugehörigkeit, sozialen Status, Geschlecht oder bestimmte Rollen sichtbar machen, womit sie zu einem wichtigen Träger nonverbaler Kommunikation werden. In religiösen Gemeinschaften kommt Kleidung eine besondere Bedeutung zu: Das Ordensgewand kann Gemeinschaft und Zugehörigkeit nach außen und nach innen sichtbar machen, gleichzeitig unterlag Kleidung aber auch immer bestimmten Normen und Vorschriften.

 

Kleidung als Teil der religiösen, sozialen und institutionellen Ordnung

Die Frage, wie sich Geistliche und Ordensangehörige kleiden sollten, hat eine lange Geschichte. So erneuerte beispielsweise das Konzil von Konstanz zu Beginn des 15. Jahrhunderts bestehende Vorschriften zur geistlichen Kleidung. Mehr als fünf Jahrhunderte später befasste sich auch das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Ordensgewand und seiner Bedeutung. Kleidung war und ist somit nicht bloß ein Gegenstand des täglichen Lebens, sondern auch Teil der religiösen, sozialen und institutionellen Ordnung.

 

Genau hier setzt das Dissertationsprojekt an: Es untersucht, welche Bedeutung Kleidung und Textilien für das Zusammenleben in religiösen Gemeinschaften hatten und wie sich soziale Ordnung, Zugehörigkeit und Geschlecht in ihnen ausdrückten.

 

Das Projekt

Die Dissertation wird von der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich (GFF NÖ) im Rahmen der Förderlinie FTI-Dissertationen gefördert und ist am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) in Krems an der Donau und der Forschungsstelle für Kulturwissenschaftliche Studien (FoKuS) des Stiftes Klosterneuburg angesiedelt. Anna Vierlinger untersucht in ihrer Dissertation, wie Kleidung und Textilien in Doppelklöstern des frühen 16. Jahrhunderts Zugehörigkeit, Hierarchie und Geschlecht markieren und wie sich normative Vorgaben und gelebte Praxis zueinander verhielten. Im Mittelpunkt stehen Kleidung, Accessoires und andere am Körper getragene Objekte (sogenannte Wearables) sowie weitere Textilien.

 

Als Quellen dienen insbesondere Rechnungsbücher und normative Texte, die Einblick in die Anschaffung, Herstellung und Verwendung der Objekte geben. Die Dissertation konzentriert sich dabei auf drei Doppelklöster. Darunter werden institutionell miteinander verbundene Männer- und Frauenkonvente verstanden, die in enger räumlicher Nähe und unter derselben übergeordneten Autorität (Propst oder Abt) lebten, gleichzeitig aber eigene Konvente bildeten. Im Zentrum der Untersuchung stehen das Stift Klosterneuburg, das Benediktinerstift Göttweig und das Benediktinerstift Salzburg, die heutige Erzabtei St. Peter in Salzburg.

 

Warum Rechnungsbücher?

Eine zentrale Quellengrundlage bilden Rechnungsbücher. Auf den ersten Blick dokumentieren sie vor allem Einnahmen und Ausgaben. Bei genauerem Hinsehen eröffnen sie jedoch einen unmittelbaren Zugang zu vergangenen Lebenswelten, indem sie die Anschaffung von Materialien und Objekten ebenso wie deren Herstellung, Pflege, Reparatur und Verteilung verzeichnen. Für die Untersuchung von Kleidung und Textilien sind solche Aufzeichnungen besonders aufschlussreich. Sie machen sichtbar, welche Materialien und Kleidungsstücke benötigt wurden, welche Arbeiten damit verbunden waren und für wen bestimmte Ausgaben getätigt wurden. Dadurch lassen sich nicht nur wirtschaftliche Abläufe, sondern auch soziale Beziehungen, Zuständigkeiten und Unterschiede innerhalb einer Gemeinschaft untersuchen.

 

Ausschnitt aus Stiftsarchiv Klosterneuburg

Rechnungsbücher sind weit mehr sind als vermeintlich trockene Wirtschaftsdokumente. Sie sind Träger wirtschaftlicher Informationen, Instrumente institutioneller Verwaltung, Produkte konkreter Schreib-, Rechen- und Kontrollpraktiken sowie materielle historische Objekte. Hier ein Ausschnitt aus dem Stiftsarchiv Klosterneuburg. © Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg

 

Das Projekt knüpft damit an eine lange Forschungstradition am IMAREAL an, Rechnungsbücher nicht ausschließlich als wirtschafts- oder verwaltungsgeschichtliche Quellen zu lesen, sondern sie als zentrale Zeugnisse materieller Kultur ernst zu nehmen.

 

Warum Doppelklöster?

Männer- und Frauenkonvente werden in der Forschung häufig getrennt voneinander betrachtet. Doppelklöster bieten die Möglichkeit, beide Gemeinschaften innerhalb eines eng miteinander verflochtenen institutionellen und wirtschaftlichen Rahmens zu untersuchen. Dadurch lässt sich beispielsweise fragen, wie Ressourcen zwischen Männer- und Frauenkonvent verteilt wurden, wer für Anschaffung und Verwaltung von Kleidung und Textilien zuständig war oder ob sich unterschiedliche Normen und Praktiken erkennen lassen. Zugleich wird sichtbar, wann und auf welche Weise Geschlecht in den Quellen überhaupt eine Rolle spielt – und wann es gerade nicht ausdrücklich benannt wird.

 

Doppelklöster ermöglichen es somit, männliche und weibliche religiöse Gemeinschaften nicht isoliert, sondern in ihrer strukturellen Verschränkung zu untersuchen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur Unterschiede, sondern auch Zuständigkeiten, Handlungsspielräume, Ressourcenteilung und die vielfältigen Interaktionen zwischen den beiden Gemeinschaften.

 

Text: Helene Kratky, Stift Klosterneuburg