07. Oktober 2026

Bildung braucht Räume – und Menschen, die etwas ermöglichen

Für P. Jakob Deibl beginnt Bildung nicht mit Lehrplänen und Prüfungen, sondern mit Menschen, die anderen etwas zutrauen. Der Benediktiner aus dem Stift Melk weiß, wovon er spricht: Er besuchte das Stiftsgymnasium, trat nach der Matura in das Kloster ein und lehrt heute als Professor für Theologie an der Universität Wien. Im Gespräch mit den „OrdensNachrichten“ betont er, was Ordensgemeinschaften alles in das Bildungssystem einbringen, berichtet über seine ermutigenden Erfahrungen mit der heutigen Studierendengeneration und blickt kritisch auf die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.

P. Jakob Deibl OSB

P. Jakob Deibl OSB sieht in der Bildung weit mehr als Wissensvermittlung. Für den Benediktiner stehen Begegnung, Vertrauen und die Offenheit für neue Perspektiven im Mittelpunkt. © ÖOK/ml

 

Wenn er auf seine Schulzeit zurückblickt, denkt P. Jakob Deibl weniger an Unterrichtsinhalte als an Freiräume. Gemeinsam mit Freunden gründete er eine Band, schrieb Musik für Jugendkreuzwege und organisierte Projekte im Umfeld des Stiftes. „Ich hatte den Eindruck, dass uns dabei vom Konvent her eher Dinge ermöglicht worden sind, denn verhindert.“ Diese Erfahrung prägt sein Bildungsverständnis bis heute und schlägt sich in einer Haltung nieder, die Entwicklung fördern und Vertrauen schenken möchte.

 

Die Schule des heiligen Benedikt

Dass Bildung zu den Kernaufgaben vieler Orden gehört, ist für P. Jakob Deibl kein Zufall. Bereits die Regel des heiligen Benedikt verweist darauf. „Im Prolog ist von der Gründung einer Schule die Rede und nicht von der Gründung eines Klosters.“ Bildung gehört damit von Anfang an zum geistlichen Selbstverständnis der benediktinischen Tradition.

 

Was bringt ein Ordensmann in die universitäre Lehre ein? Für P. Jakob Deibl liegt die Antwort darauf weniger im Ordensstand selbst als in der konkreten spirituellen Prägung. Seine ist zutiefst benediktinisch. Die „Stabilitas loci“, die Treue zu einem Ort, bedeutet für ihn auch eine Verbundenheit zu Institutionen – mit ein Grund, warum er schon viele Jahre an der Universität Wien lehrt. Ebenso wichtig ist ihm die benediktinische Gastfreundschaft, die auch seinen Umgang mit Studierenden prägt.

 

Von der Kraft des langen Gedächtnisses

Was Orden seiner Ansicht nach in das Bildungssystem einbringen, ist eine besondere Sensibilität für Geschichte, Kultur und Tradition. Klöster denken in langen Zeiträumen und verwahren Erinnerungen in Bibliotheken, Archiven und Sammlungen. Gerade darin erkennt P. Jakob Deibl eine wichtige Aufgabe: „Wir leben in einer Zeit, wo Erinnerung immer mehr zerfällt.“

 

Zugleich beobachtet er mit Sorge eine zunehmende Ökonomisierung des Bildungswesens. Bildungseinrichtungen müssen sich immer stärker über Kennzahlen und Rankings legitimieren. Klöster können hier daran erinnern, dass Bildung einen Eigenwert besitzt und nicht allein nach wirtschaftlichen Kriterien bewertet werden darf.

 

Hoffnung durch neue Offenheit

Äußerst ermutigend erlebt der Theologe die heutige Generation von Studierenden. Viele junge Menschen kommen ohne feste religiöse Bindungen an die Universität. Gleichzeitig begegnen sie theologischen Fragen mit großer Offenheit und Neugier.

 

In seinen Lehrveranstaltungen treffen Studierende der Theologie auf Philosophiestudierende oder Studierende aus kulturwissenschaftlichen Fächern. Gerade diese Vielfalt empfindet er als Bereicherung. Unterschiedliche Sichtweisen kommen miteinander ins Gespräch, Vorurteile werden hinterfragt, neue Perspektiven entstehen. „Das ist für mich eigentlich schon ein großes Hoffnungszeichen.“

 

Die digitale Herausforderung

Natürlich beschäftigt auch ihn die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Er sieht darin eine neue Lebensrealität: „Künstliche Intelligenz ist so in unsere Realität eingedrungen, dass es gar keinen Sinn hätte, das Rad zurückdrehen zu wollen.“

 

Den Chancen dieser neuen Technologien steht P. Jakob Deibl offen gegenüber und nützt sie auch in ausgewählten Fällen. Gleichzeitig hält er es aber für gefährlich, die Schattenseiten auszublenden. Besonders kritisch sieht er den enormen Ressourcenverbrauch der neuen Systeme. „Ich halte es für fahrlässig, wie wenig über die ökologischen Kosten dafür gesprochen wird“, betont er. Wasserverbrauch, Energiebedarf und die ökologischen Folgen riesiger Rechenzentren werden seiner Ansicht nach viel zu selten öffentlich diskutiert. Auch den enormen Datenhunger der Künstlichen Intelligenz kritisiert er scharf: „Auf der einen Seite werden Arbeiten an Universitäten immer genauer nach Plagiaten durchforstet, und auf der anderen Seite beutet die Industrie alle Ressourcen geistigen Eigentums aus, ohne dass das die Regierungen und Gerichte zu kümmern scheint. Ich glaube, so einen großen Diebstahl geistigen Eigentums hat es wahrscheinlich in der gesamten Geschichte noch nicht gegeben.“

 

Zu den negativen Aspekten gehört für P. Deibl auch, dass sich die Menschen immer mehr an die Logik der KI-Instrumente anpassen – und nicht umgekehrt. Als handfestes Beispiel führt er die Webseite der Universität Wien an, die gerade so umgebaut wird, dass sie besser von KI-Tools gefunden werden kann. Sein Fazit: „Ich glaube, dass da jetzt ganz viel an philosophischer Reflexion notwendig ist, was das alles eigentlich bedeutet.“

 

Menschliche Bildung bleibt unverzichtbar

Am Ende des Gesprächs kehrt P. Jakob Deibl wieder zu einem einfachen Gedanken zurück: Bildung lebt von Begegnung. Der Wert echter Begegnungen wird ihm besonders bei Theaterbesuchen bewusst, wo einem auf der Bühne Menschen mit ihrer ganzen Persönlichkeit entgegentreten und sich dadurch exponieren. Gerade in einer zunehmend digitalen Welt gewinnt für ihn die Kraft des Authentischen neue Bedeutung. Oder, wie es der Benediktiner selbst formuliert: Vielleicht braucht es manchmal einfach einen Menschen, „der vorne steht und mit einem Texte diskutiert“.

 

Der Artikel ist in den OrdensNachrichten 3/26 erschienen.