21. September 2026

Resonanzräume der Menschlichkeit

Orden stehen an der Wiege institutioneller Bildung in Europa und haben deren Entwicklung über Jahrhunderte entscheidend mitgeprägt. Dabei waren Ordensbildungseinrichtungen niemals Selbstzweck. Sie sind aus einer aufmerksamen Wahrnehmung der jeweiligen Zeit entstanden. Ordensleute haben Bildung etwa dort ermöglicht, wo Menschen ausgeschlossen waren, wo Armut Zukunftschancen verwehrte oder gesellschaftliche Umbrüche neue Antworten verlangten. Das Bildungsengagement der Orden war stets Ausdruck einer geistlichen Sensibilität für die Herausforderungen ihrer Zeit. 

Marie-Theres Igrec, Bereichsleiterin Bildung und Ordensschulden der Österreichischen Ordenskonferenz

Marie-Theres Igrec ist Leiterin des Bereichs Bildung und Ordensschulen der Österreichischen Ordenskonferenz. © ÖOK/emw

 

Gerade diese geistliche Sensibilität ist bis heute eine der großen Stärken der Ordensbildungseinrichtungen. Sie wirken heute in einer weitgehend säkularen Gesellschaft, die zugleich von religiöser und kultureller Vielfalt geprägt ist. Viele Orden haben ihre Bildungseinrichtungen mittlerweile;an Schulvereine übergeben, die sich bemühen, das jeweilige Charisma und die pädagogische Vision lebendig zu halten. Die Frage bleibt dieselbe wie vor Jahrhunderten: Welchen Beitrag können Ordensbildungseinrichtungen für die Menschen und die Gesellschaft ihrer Zeit leisten?

 

Menschenbildung 

Betrachtet man die Begriffe, mit denen Lernprozesse im Alltag beschrieben werden, fällt auf, wie stark sie von einer Sprache des Beherrschens geprägt sind. Inhalte sollen begriffen, Wissen erfasst, Lernstoff beherrscht oder angeeignet werden. Diese Begriffe haben ihre Berechtigung. Sie verweisen auf Selbstständigkeit und die Fähigkeit, sich die Welt aktiv zu erschließen.

 

Und doch erzählen sie nur eine Seite von Bildung. Bildung bedeutet ebenso, sich berühren zu lassen. Sie geschieht dort, wo Menschen Erfahrungen machen, die sich nicht planen oder herstellen lassen, wo sie dem Fremden begegnen, Irritationen zulassen, den eigenen Horizont erweitern und sich verändern. Bildung ist nicht ausschließlich Aneignung der Welt. Sie ist ebenso die Bereitschaft, sich von der Welt ansprechen und durch Begegnungen verwandeln zu lassen. Bildung erschöpft sich nicht in Qualifikationen und Wissensvermittlung. Sie bleibt immer auch Menschenbildung.

 

Gerade diese Dimension gewinnt in einer Zeit besonderer Beschleunigung neue Aktualität. Digitalisierung, Innovationsdruck und die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Informationen erzeugen den Eindruck, alles müsse jederzeit erreichbar, messbar und optimierbar sein. Hinzu kommen soziale Medien, die den Druck zur Selbstinszenierung und permanenten Selbstoptimierung verstärken.

 

Lebens- und Resonanzräume 

Hier liegen der besondere Auftrag und die besondere Chance von Ordensschulen und Ordenskindergärten. Schon ein kurzer Besuch der Einrichtungen zeigt: Sie verstehen sich nicht allein als Orte der Wissensvermittlung oder als Kaderschmieden für das Leben, sondern als eigene Lebensräume. Sie eröffnen Räume, in denen junge Menschen in Beziehung treten können: zu anderen Menschen, zur Welt, zu sich selbst und für viele auch zu Gott. Gerade darin können sie Resonanzräume der Menschlichkeit sein.

 

Diese Resonanzräume entstehen nicht zufällig. Sie wachsen aus einer Schulkultur, die Beziehungen ernst nimmt und Gemeinschaft bewusst gestaltet. Sie zeigen sich in gemeinsamen Festzeiten und Ritualen, die den Alltag unterbrechen und verdichten. Sie werden sichtbar in schulpastoralen Angeboten, in der Schulsozialarbeit und überall dort, wo Schüler:innen erfahren, dass ihre Würde ihrem Erfolg vorausgeht. Sie werden auch dort sichtbar, wo Kinder und Jugendliche lernen, mit ihrem Handeln und ihrer Stimme gesellschaftlich, sozial und politisch wirksam zu sein.

 

Damit können Ordensbildungseinrichtungen einen wichtigen Kontrapunkt zu einer gesellschaftlichen Entwicklung setzen, die Bildung zunehmend unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Bildung dient nicht ausschließlich der Verwertbarkeit des Menschen, sondern seiner Entfaltung. Sie eröffnet Räume, in denen Fragen nach Sinn, Verantwortung und Hoffnung ihren Platz haben. Resonanzräume der Menschlichkeit sind schließlich auch Orte, an denen Verletzlichkeit sein darf. Kinder und Jugendliche müssen Fehler machen, scheitern und neu beginnen dürfen. Sie brauchen Erwachsene, die präsent sind, sie begleiten und ihnen Vertrauen schenken, bevor Leistung erbracht wird. Gerade in einer Zeit wachsender Unsicherheit wird diese Erfahrung zu einem
entscheidenden Bildungsfaktor.

 

Ordensschulen und Ordenskindergärten bewahren damit ein Bildungsverständnis, das aktueller kaum sein könnte. Sie verbinden fachliche Qualität mit einer Kultur der Beziehung. Ihr gesellschaftlicher Auftrag besteht nicht allein darin, Wissen zu vermitteln, sondern Menschen in ihrer ganzen Würde wachsen zu lassen.

 

Vielleicht liegt gerade darin ihr wichtigster Beitrag für die Zukunft: Resonanzräume zu schaffen, in denen Menschlichkeit eingeübt werden kann, als Grundlage für ein gelingendes Leben und für eine Gesellschaft, die den Menschen nicht auf seine Leistung reduziert.

 

Der Artikel von Marie-Theres Igrec, Bereichsleiterin Bildung und Ordensschulden der Österreichischen Ordenskonferenz, ist in den OrdensNachrichten 3/26 erschienen.