Bildung beginnt nicht erst mit der Schule

Maria Habersack ist Vorstandsvorsitzende der Vereinigung Katholischer Kindertagesheime (KKTH) und der Vereinigung von Ordensschulen Österreichs (VOSÖ). © ÖOK/Elisabeth Mayr-Wimmer
Der Kindergarten wird oft als Betreuungsort gesehen. Was wird dabei übersehen?
Maria Habersack: Elementare Bildung ist weit mehr als Vorbereitung auf die Schule. Sie unterstützt Kinder ganzheitlich in ihrer kognitiven, sprachlichen, sozialen, emotionalen und motorischen Entwicklung und schafft Voraussetzungen für ein selbstständiges, erfolgreiches Leben. Entscheidend ist die Bildungspartnerschaft zwischen Einrichtung und Elternhaus. Kindergärten sind längst keine bloßen Betreuungseinrichtungen mehr, sondern Bildungseinrichtungen, die ihre Arbeit auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse planen.
Elementarpädagog:innen leisten anspruchsvolle Beziehungsarbeit. Was macht den Beruf heute besonders herausfordernd?
Maria Habersack: Die Individualisierung unserer Gesellschaft führt dazu, dass viele Eltern von den Elementarpädagog:innen eine ausschließlich individualisierte Förderung ihres Kindes fordern – bei 20 bis 25 Kindern in der Gruppe eine Anforderung, die nicht erfüllbar ist. Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungswelten in die Einrichtung: Während manche schon selbstständig agieren, brauchen andere bei basalen Tätigkeiten noch besondere Unterstützung. Diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, ist innerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen nur bedingt möglich.
Hinzu kommt die religiöse, kulturelle und sprachliche Diversität, die vor allem im städtischen Bereich zunimmt und mit den bestehenden Rahmenbedingungen nicht professionell zu bewältigen ist. Den politisch Verantwortlichen kann ich den Vorwurf nicht ersparen, dass sie die Elementarpädagog:innen hier allein lassen – wider besseres Wissen, wie zahlreiche Aussagen zur Wichtigkeit der elementarpädagogischen Bildungsarbeit zeigen.
Der Personalmangel ist eine der großen Herausforderungen. Wie erlebst du das in der KKTH?
Maria Habersack: Er hängt mit den Arbeitsbedingungen zusammen: eine Pädagog:in und ein:e Assistent:in pro Gruppe, 36 bis 38 Stunden Kinderdienst pro Woche, kaum Unterstützungspersonal wie Sonderkindergartenpädagog:innen oder Psycholog:innen, kaum administrative Entlastung für Leiter:innen. Auch die mangelnde Anerkennung wirkt oft demotivierend. In der KKTH unterstützen wir unsere Einrichtungen deshalb mit einem Pool an Unterstützungspersonal, mit Springer:innen in größeren Häusern, mit Supervision und Mentoring. Gegenüber politisch Verantwortlichen weisen wir immer wieder auf die Dringlichkeit hin, die Rahmenbedingungen zu reformieren.
Wenn du einen Wunsch an die Bildungspolitik frei hättest: Was müsste sich dringend verändern?
Maria Habersack: Dass Worten auch Taten folgen. Die Bedeutung der Elementarpädagogik wird immer wieder betont, aber die Rahmenbedingungen – mehr Personal, kleinere Gruppen, Sprachpädagog:innen – ändern sich schleppend. Ich halte es für grob fahrlässig, angesichts der bekannten Auswirkungen ungenügender Förderung nicht mehr zu investieren. So verwehren wir Kindern die Voraussetzung für einen gelingenden Bildungsweg und gesellschaftliche Teilhabe.
Was zeichnet katholische Elementarpädagogik aus?
Maria Habersack: Die Grundlage unserer Arbeit ist das christliche Menschenbild, das jedem Menschen die unantastbare Würde seiner selbst zuspricht. Das bedeutet eine offene Haltung zu Vielfalt und Einzigartigkeit, wie es einer unserer Leitsätze formuliert: In einer offenen und toleranten Atmosphäre begegnen wir jedem Menschen als Ebenbild Gottes. Christliche Werte prägen unser pädagogisches Wirken ebenso wie bildungswissenschaftliche Erkenntnisse. Der christliche Jahreskreis bildet die Basis, wir sind aber auch offen für andere Religionen und ihre Rituale – so entsteht ein Raum der Begegnung, getragen von gegenseitigem Respekt.
Was kann das Charisma einer Ordensgemeinschaft heute in den Alltag eines Kindergartens einbringen?
Maria Habersack: Orden waren im 19. Jahrhundert die Vorreiter:innen im Bereich des Kindergartens. Vor allem Frauenorden kümmerten sich um benachteiligte Kinder und gaben ihnen einen Raum der Sicherheit. Deshalb ist es uns in der KKTH wichtig, dass Ordenskindergärten und -horte eine Zukunft haben. Gerade die Vielfalt an Charismen macht jede Einrichtung zu etwas Besonderem.
Wie kann das gelingen, wenn die pädagogische Arbeit zunehmend von weltlichen Mitarbeiter:innen getragen wird?
Maria Habersack: Das Charisma ist nicht an das geweihte Leben gebunden, sondern kann auch von Menschen ohne Ordenskleid gelebt werden. Damit das gelingt, braucht es Menschen, die ihre Arbeit in der Nachfolge der Orden daran orientieren und sichtbar machen. Als KKTH tragen wir Verantwortung für diese Weitergabe.
Was ist deine persönliche Motivation?
Maria Habersack: Meine Motivation, mich seit mehr als 40 Jahren zu engagieren, ist die Überzeugung, dass professionelle elementarpädagogische Bildungsarbeit essenziell für ein gelingendes Leben von Kindern und Jugendlichen ist. Sie betrifft nicht nur das einzelne Kind, sondern auch Chancengerechtigkeit, soziale Integration, Familienpolitik und gesellschaftliche Teilhabe. Gründe genug, um sich für diesen Bildungsbereich zu engagieren.
Die KKTH
Die Vereinigung Katholischer Kindertagesheime (KKTH) ist der viertgrößte private Träger in Wien mit 38 Kindergärten und 21 Horten bzw. betreut 7.400 Kinder und Jugendliche. Zu den Erhaltern der Einrichtungen gehören christliche Orden, die Casa Leben, das Institut Neulandschulen sowie die Caritas Socialis Kinderbetreuung.