Barbara Neuhold: Missbrauch verhindern, bevor es dazu kommt

Seit 1. September 2026 leitet Barbara Neuhold den Bereich Prävention der Österreichischen Ordenskonferenz. Im Interview mit der „Furche“ sprach sie über ihre Aufgabe. (c) ÖOK/Elisabeth Mayr-Wimmer
In ihren ersten Gesprächen habe sie schon feststellen können, dass sich viele Ordensgemeinschaften mit Prävention intensiv beschäftigen, erklärte Barbara Neuhold. Was fehlt, seien oftmals institutionelle Strukturen: „Wir müssen also den eingeschlagenen Weg weitergehen und gleichzeitig für alle Gemeinschaften institutionelle Schutzkonzepte auf den Weg bringen sowie diesen Schutz institutionalisieren“ – damit es erst gar nicht mehr zu Missbrauch komme.
Als eine herausfordernde Vorgabe in der Kirche kam Neuhold auf das Machtgefälle zu sprechen: „Es gibt in der Kirche oft ein Machtgefälle, nehmen wir nur den Bereich der spirituellen Begleitung. Das ist per se ein Rahmen, in dem man sich sehr öffnet und dadurch auch verletzlich macht.“ Mit diesem Machtgefälle, das mit einem Begleiter oder Begleiterin und zwischen der begleitenden Person besteht, gelte es achtsam umzugehen. Dafür bedürfe es Kompetenzen und Fortbildungen und einem Bewusstsein für dieses Gefälle, „damit es da nicht zu Gewalt, oder spirituellem Missbrauch kommt“.
Alleinstellungsmerkmale von Ordensgemeinschaften
Neuhold unterstrich, dass auch innerhalb der Kirche die Ordensgemeinschaften Alleinstellungsmerkmale hätten, etwa in der Struktur ihres Zusammenlebens. „Aber auch, wenn man sich die evangelischen Räte, also Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut, anschaut, die für alle Ordensleute gelten, haben wir besondere Herausforderungen“, erklärte die Expertin: „Hier wollen wir hinschauen, unterstützen und den Blick für Präventionsarbeit schärfen.“
Wenig Freude hat Neuhold damit, wenn Missbrauch spiritualisiert wird, wie sie sagte: „In erster Linie ist Missbrauch eine Verletzung der menschlichen Würde, und als solche muss er auch immer gesehen werden.“ Natürlich sei Missbrauch auch „böse“, doch das sei zugleich auch eine spirituelle Bewertung „und ich halte es für sehr problematisch, wenn Missbrauch spiritualisiert wird“. Es sei eine Tatsache, „dass es Missbrauch gibt, und wir alles daran setzen müssen, ihn zu verhindern. Und ich sehe eine Spiritualisierung des Begriffs als hinderlich und nicht als förderlich in der Diskussion.“ Das Wichtigste sei, „dass wir uns als Ordensgemeinschaften dem Missbrauchsproblem auf einer institutionellen Ebene widmen, nur so können wir proaktiv und präventiv wirken“. Darin sehe sie ihre Aufgabe.
Ausbildung in Rom
Neuhold absolvierte mit einem Stipendium der Ordenskonferenz an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom das zweijährige Lizenziatsstudium „Safeguarding“, das u. a. Kompetenzen zu Themen wie unterschiedlichen Missbrauchsformen, Opferschutz, institutionellen Interventions- und Präventionsmaßnahmen, Kinderschutzrichtlinien sowie Verhaltensleitlinien umfasst. Die Theologin berichtete im „Furche“-Interview auch von ihren internationalen Erfahrungen in Rom: „Wir hatten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus vielen Kontinenten. Das war natürlich sehr interessant, um andere Perspektiven kennenzulernen. Gleichzeitig hat es gezeigt, dass es den Ansatz, der für alle gleichermaßen gilt, eben nicht gibt und die unterschiedlichen Kulturen es auch aus weltkirchlicher Perspektive nicht unbedingt einfacher machen.“
Sr. Christine Rod räumte in diesem Zusammenhang ergänzend ein, „dass es in anderen Regionen der Weltkirche einfach ein mangelndes Bewusstsein von Hierarchien und Macht gibt – auch wenn man das natürlich nicht pauschalisieren darf“. Aber es gebe Länder, in denen zum Beispiel Ordensfrauen auffällig oft Opfer von sexualisierter Gewalt seien. Das könne man von Österreich aus natürlich nicht verhindern, es sei aber enorm wichtig, „dass man sich im Vatikan darüber Gedanken macht“.
Hoffnung auf größere Offenheit
Neuhold zeigte sich zuversichtlich, dass es in Zukunft eine noch größere Offenheit darüber gibt, sich über dieses belastende Thema auszutauschen. Und sie hoffe natürlich, „dass die institutionellen Maßnahmen, die wir setzen, greifen und es so auch weniger Missbrauch insgesamt gibt“. Allerdings gelte es, damit zu leben, „dass es einen hundertprozentigen Schutz nicht geben kann“. Deswegen sei es umso wichtiger, „dass – wenn Missbrauch passiert – damit gut umgegangen wird und vor allem, dass man den Betroffenen glaubt, ihnen zuhört und sie unterstützt“.
Quelle: kathpress