01. September 2026

Zwischen Messe, Choral und Kultur: Neuer Kirchenrektor für die Wiener Bernardikapelle

Mit Pater Eugenius Lersch OCist bekommt die Bernardikapelle im Wiener Heiligenkreuzerhof einen neuen Kirchenrektor. Der 41-jährige Zisterzienser verbindet Kunstgeschichte, Kirchengeschichte und eine besondere Liebe zum gregorianischen Choral. Künftig möchte er die barocke Kapelle stärker als Ort für Gottesdienste, Musik, Kultur und Begegnung öffnen.

Pater Eugenius Lersch OCist

Impulsgeber für die Bernardikapelle: Als neuer Kirchenrektor möchte Pater Eugenius Lersch der versteckten Kapelle im Heiligenkreuzerhof neues Leben einhauchen und sie zu einem Ort der Gottesbegnung machen. © ÖOK/ml

 

Wer durch die Schönlaterngasse oder die Grashofgasse in Wien geht, stößt auf ein Ensemble, das auf den ersten Blick beinahe wie ein verborgenes Stück Klostergeschichte wirkt: den Heiligenkreuzerhof. Seit dem Mittelalter ist er die Stadtresidenz der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz und damit eng mit der Geschichte des Ordens in Wien verbunden. Bereits im frühen 13. Jahrhundert sind wirtschaftliche Aktivitäten der Mönche an diesem Ort belegt. Es wurden Waren verkauft, außerdem fanden Zisterzienser aus Heiligenkreuz hier Unterkunft, wenn sie in Wien studierten oder andere Aufgaben wahrnahmen.

 

Ein Stück Heiligenkreuz mitten in Wien

In der Barockzeit gewann der Hof zusätzlich an Bedeutung. Da sich die Äbte von Heiligenkreuz immer wieder länger in Wien aufhielten, benötigten sie dafür eine entsprechende Residenz. Das Ensemble wurde um eine Prälatur erweitert, die Bernardikapelle erhielt ihre heutige prächtige Ausstattung.

 

Eingang zur Bernardikapelle im Heiligenkreuzer Hof

Verborgenes Stück Klostergeschichte: Die Bernardikapelle befindet sich im Heiligenkreuzerhof, unweit des Stephansdoms im Zentrum Wiens. © ÖOK/ml

 

Die Kapelle selbst ist dem heiligen Bernhard von Clairvaux, einem der bedeutendsten Vertreter des Zisterzienserordens, geweiht und gehört als Rektoratskirche zur Abtei Heiligenkreuz. Ursprünglich diente sie dem Abt als Privatkapelle, wenn er sich in Wien aufhielt. Eine Loggia ermöglichte ihm von den Räumen der Prälatur aus den direkten Zugang zur Kapelle.

 

Barocke Pracht hinter schlichter Fassade

Von außen lässt die Bernardikapelle kaum erahnen, was sich im Inneren verbirgt. Der heutige Bau geht auf Umbauten unter Abt Clemens Schäffer zurück, die im 17. Jahrhundert erfolgten. Im Inneren prägen vergoldete Figuren und Ornamente, zwei Seitenaltäre und das monumentale Hochaltarbild von Martino Altomonte den Raum, das die „Lactatio des heiligen Bernhard“ zeigt.

 

Auch abseits der Kapelle erzählt der Heiligenkreuzerhof von einer bewegten Geschichte. Hier lebten unter anderem der ehemalige Abt des Zisterzienserstiftes Lilienfeld und spätere Patriarch von Venedig, Johann Ladislaus Pyrker, sowie im 20. Jahrhundert der bekannte Schauspieler und Kabarettist Helmut Qualtinger. Der Hof verbindet damit klösterliche Geschichte mit Wiener Stadt- und Kulturgeschichte. Nun soll die Bernardikapelle unter ihrem neuen Rektor wieder stärker als lebendiger geistlicher Ort mitten im Zentrum von Wien wahrgenommen werden.

 

Barocke Pracht im Inneren der Bernardikapelle

Barockes Schmuckstück: Der Innenraum der Bernardikapelle ist von vergoldeten Figuren, kunstvollen Ornamenten, zwei prachtvollen Seitenaltären und einer verglasten Loggia geprägt. © ÖOK/ml

 

Vom Kunsthistoriker zum Zisterzienser

Pater Eugenius bringt dafür eine ungewöhnliche Biografie mit. Der Lebensweg des gebürtigen Rheinländers aus der Nähe von Krefeld schien nach dem Abschluss seines Kunstgeschichtestudiums zunächst in eine andere Richtung zu führen: Er wollte heiraten. Gleichzeitig beschäftigte ihn bereits während des Studiums zunehmend die Frage nach dem Glauben.

 

Eine besondere Rolle spielte dabei die Musik, vor allem der gregorianische Choral. Die schlichten, klaren Mönchsgesänge faszinierten ihn sehr – und schließlich stieß er über eine CD des Heiligenkreuzer Chores auf die Zisterzienserabtei im Wienerwald. Dass Heiligenkreuz nicht nur eine lange monastische Tradition, sondern auch eine Hochschule und eine lebendige Pflege des gregorianischen Chorals besaß, weckte sein Interesse. Mit dem Eintritt in das Kloster und seiner Einkleidung nahm das Leben von Pater Eugenius 2016 eine einschneidende Wende. Es folgte das Theologiestudium, 2023 wurde der sympathische Ordensmann zum Priester geweiht. Heute arbeitet Pater Eugenius an der Universität Wien an einer Dissertation in Kirchengeschichte, in der er sich mit der Exegese der Zisterzienser um das Jahr 1200 beschäftigt. Nach seiner Zeit als Kaplan im Neukloster in Wiener Neustadt übernimmt er nun mit September die Aufgabe des Kirchenrektors der Bernardikapelle.

 

„Eine schöne Lebensform“

Den Wechsel vom geplanten Familienleben zum klösterlichen und priesterlichen Leben beschreibt Pater Eugenius nicht als einfachen Verzicht, sondern als Erfahrung, in der ihm viel geschenkt worden sei. Gerade seit seiner Priesterweihe habe er noch einmal neu wahrgenommen, wie viel er aus Gebet und Spiritualität empfange – und wie schön es sei, davon etwas weiterzugeben. Seine Entscheidung für das Priestertum bereut er nicht – ganz im Gegenteil. Mit einem Strahlen im Gesicht sagt er: „Das ist wirklich eine schöne Lebensform!“

 

Pater Eugenius Lersch OCist

Ein Rheinländer in Wien: Pater Eugenius schätzt die österreichische Gelassenheit und die Mentalität, die Dinge unaufgeregt auf sich zukommen zu lassen. © ÖOK/ml

 

Als Rheinländer in Österreich fühlt sich Pater Eugenius mittlerweile gut angekommen. Die Unterschiede zwischen deutscher und österreichischer Mentalität nimmt er durchaus wahr – etwa die österreichische Fähigkeit, Dinge etwas gelassener auf sich zukommen zu lassen. Gerade diese weniger hektische Art schätzt er sehr. Und beim gemeinsamen Kaffee sei man sich dann ohnehin wieder ziemlich nahe, meint der Zisterziensermönch.

 

Zisterziensische Spiritualität für die Gegenwart

Was Pater Eugenius in die Bernardikapelle einbringen möchte, hat viel mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Im Zentrum steht für ihn die zisterziensische Spiritualität, ganz besonders die Frage nach der Nähe Gottes. Der heilige Bernhard von Clairvaux habe die Liebe Gottes zu den Menschen in besonderer Weise betont. Gott sei nicht fern und unberührbar, sondern habe sich in der Menschwerdung selbst verletzlich und erfahrbar gemacht, betont Pater Eugenius. Diese Botschaft hält er für erstaunlich aktuell. Die Bernardikapelle soll deshalb kein abgeschlossener historischer Raum sein, sondern ein Ort, an dem Menschen auch heute mit dieser Spiritualität in Berührung kommen können.

 

Ein Ort, der zum Klingen kommt

Ein wichtiger Schlüssel dafür ist für Pater Eugenius die Musik. Zum Zisterziensertum fand er selbst über den gregorianischen Choral. Dessen Einfachheit, Schlichtheit und Klarheit möchte er auch in der Bernardikapelle erfahrbar machen. Beginnend mit September plant der neue Kirchenrektor deshalb regelmäßige Gottesdienste, bei denen er etwas von seiner Spiritualität weitergeben möchte. Jeden Samstag um 19.30 Uhr soll eine Vorabendmesse gefeiert werden, donnerstags um 19.30 Uhr zusätzlich eine Messe in lateinischer Sprache. Daneben möchte Pater Eugenius die bereits bestehende Nutzung der Kapelle für Konzerte und Lesungen fortführen und nach Möglichkeit ausbauen. Auch Vorträge kann er sich vorstellen.

 

Ein Fixpunkt im Jahresprogramm wird auch weiterhin die Lange Nacht der Kirchen sein. Zu diesem Anlass wurden bereits in der Vergangenheit Texte des heiligen Bernhard gelesen und mit gregorianischem Choral verbunden. Dieses Format möchte er weiterentwickeln.

 

Deckenfresko (Bernardikapelle)

Kultur als „Berührungspunkt Gottes“: Pater Eugenius sieht in der Schönheit der Bernardikapelle eine Chance, um auch Menschen, die der Kirche fernstehen, anzusprechen. © ÖOK/ml

 

Gottesbegegnungen im Herzen Wiens

Gerade die Lage der Bernardikapelle mitten im Herzen Wiens sieht Pater Eugenius als Chance, um Tourist:innen, Kulturinteressierte, Passant:innen oder Menschen, die der Kirche fernstehen, anzusprechen. Sie sollen den Kirchenraum betreten können, ohne bereits eine bestimmte religiöse Nähe mitbringen zu müssen. „Die Türen stehen offen – und vielleicht wird der eine von der Architektur, die andere von einem Konzert oder jemand dritter von einem Moment der Ruhe mitten in der Stadt berührt“, will der neue Kirchenrektor die Bernardikapelle zu einem Ort der Gottesbegegnung machen. Ob das gelingt, lässt Pater Eugenius auf sich zukommen. Fest steht für ihn vorerst nur eines: Er möchte etwas von dem weitergeben, was ihn selbst vor vielen Jahren auf den Weg nach Heiligenkreuz gebracht hat: die Verbindung von Glauben, Schönheit, Musik und der Suche nach Gott.


Auf einen Blick:

 

Ab 10. September 2026 wird Pater Eugenius Lersch zu folgenden Zeiten Gottesdienste in der Bernardikapelle im Heiligenkreuzerhof in Wien feiern:

  • Donnerstag, 19.30 Uhr: hl. Messe in lateinischer Sprache
  • Samstag, 19.30 Uhr: Sonntagvorabendmesse