15. September 2025

Wenn Vielfalt zum Alltag wird

Die Schulschwestern in Pfaffenhofen sind nicht nur als Ordensgemeinschaft zusammen unterwegs – sie sind auch Gastgeberinnen für Menschen, die unterwegs sind: Für eine Familie aus Syrien und für eine Ordensfrau aus Indien.

Sr. Snehal aus Indien promoviert derzeit in Innsbruck. Dabei lebt sie bei den Schulschwestern, in Pfaffenhofen rund um Oberin Sr. Judit Nötstaller.

Sr. Snehal aus Indien promoviert derzeit in Innsbruck. Dabei lebt sie bei den Schulschwestern, in Pfaffenhofen rund um Oberin Sr. Judit Nötstaller. (c) ÖOK/tb

 

Die Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau in Pfaffenhofen sind es mittlerweile gewöhnt, Gastgeberinnen zu sein. Vor zehn Jahren haben sie eine Familie aus Syrien aufgenommen, und seit beinahe vier Jahren lebt auch eine Ordensfrau aus einer indischen Ordensgemeinschaft bei den drei Schulschwestern in Tirol.

 

Die Ordensgemeinschaft betreibt in Pfaffenhofen zwar heute keine Schule mehr, ihrem Auftrag, mit Bildung und Gebet die Welt zu gestalten und Not zu lindern, kommen die Schulschwestern aber noch immer nach. „Der Auftrag Schule war bei uns erfüllt. Ich bin überzeugt, dass diese formale Bildung der Staat übernommen hat“, erklärt Oberin Sr. M. Judit Nötstaller. Das beste Mittel gegen Armut ist für sie aber nach wie vor Bildung – heute sieht sie den Bedarf nicht mehr so sehr in der Schule, sondern in der Unterstützung von Kindern mit Migrationshintergrund oder aus Familien, in denen die Eltern ihren Kindern nicht die Unterstützung bieten können, die sie brauchen.

 

So nahm sie mit ihren Mitschwestern während der Flüchtlingskrise 2015 eine syrische Familie auf. „Wir wollten eine Familie nehmen, bei der wir etwas für die Kinder tun können“, erzählt Sr. Judit. Zehn Jahre sind seitdem vergangen – zehn Jahre, in denen die Schulschwestern auch selbst viel lernen konnten und in eine andere Kultur eintauchten, mit allen Herausforderungen, die ein solches interkulturelles Zusammenleben bereithält. „Wir haben hautnah erlebt, dass andere Kulturen anders sind. Und trotzdem haben wir so einen Reichtum an Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erlebt. Es ist ein gegenseitiges Miteinander“, sagt die Ordensfrau.

 

Respekt vor dem Anderssein

Doch was ist wichtig, wenn solch verschiedene Kulturen – katholische Ordensfrauen und eine muslimische Familie – zusammenleben? „Was ich zum Beispiel sicher gelernt habe, ist, mich vorher noch mehr über diese Kultur zu informieren. Es war eher unser Engagement, das wir anbieten wollten, aber wir hatten wenig Informationen. Das zweite ist, finde ich, absoluter Respekt vor dem Anderssein“, das ist für Sr. Judit klar. Wichtig ist ihr auch, zuzuhören, zu begleiten und gemeinsam zu lernen.

 

Das gilt aber nicht nur für das Zusammenleben mit der syrischen Familie. Seit beinahe vier Jahren lebt auch Sr. Snehal Marcus D’Souza bei den drei Schulschwestern in Pfaffenhofen. Sie stammt aus Indien und gehört einer indischen katholischen Ordensgemeinschaft – den Fatima-Schwestern – an. Sr. Snehal kam im Dezember 2021 nach Österreich, um dank einer Kooperation der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck mit der Universität Pune in Indien in Innsbruck zu promovieren. „Das ist auch ein Auftrag für uns – Menschen zu unterstützen, die Bildung möchten. Sr. Snehal kann jetzt mit uns leben und ihr Doktoratsstudium machen, das ist für uns ein Beitrag zur Bildung“, erklärt Sr. Judit.

 

„Ganz andere Welt“

Von Anfang an lebte Sr. Snehal sich gut in Tirol ein. Hilfreich war dabei sicher, dass sie bereits in Indien Deutsch gelernt hatte und daher weder große Probleme mit der Sprache noch mit der fremden Kultur hatte. „Aber dafür braucht man auch jemanden, der einen begleitet. Wenn sich niemand um einen kümmert oder niemand auf einen achtet, wird es schwer. Wenn man jemanden zum Reden und zum Erzählen hat, ist es gut. Es ist schon eine ganz andere Welt“, sagt Sr. Snehal.

 

Fremd war für sie zu Beginn vor allem die Kälte, kam sie doch wenige Tage vor Weihnachten in Tirol an. So stellte sich auch schnell die Frage nach der Kleidung: In Indien war sie gewohnt, als Ordenskleidung einen Sari – ein traditionelles Kleidungsstück – zu tragen. Warme Kleidung besaß sie bei ihrer Ankunft nicht, in ihrer Heimat in der Nähe von Mumbai herrscht schließlich tropisches Klima. „Ich musste selber eine Entscheidung treffen, ob ich hier in Zivil gehe. Wenn ich in Indien zurück bin, kann ich wieder zu meinem Sari zurückkehren, aber hier würde mich im Sari niemand einordnen können – es wäre total fremd. Das ist nicht praktisch hier“, erklärt Sr. Snehal.

 

Mittlerweile steht die indische Ordensfrau am Ende ihres Doktoratsstudiums. Nach ihrem Abschluss wird sie die Schulschwestern in Pfaffenhofen wieder verlassen und nach Indien zurückkehren. An der dortigen vom Jesuitenorden getragenen Hochschule in Pune erhält sie einen Lehrauftrag. Sie ist den Schulschwestern rund um Sr. Judit dankbar: „Wenn die Menschen offene Herzen haben, geht alles. Wenn die Herzen zu sind, ist es schwer.“

 

Damit erfüllen die Schulschwestern in Pfaffenhofen auch in der heutigen Zeit ihren Auftrag in Bildung und Erziehung. Unterwegs sind sie dabei im Vertrauen, dass hinter allem, so unverständlich es auch ist, Sinn steckt. „Ich vertraue darauf, dass Gott aufrichten und vollenden wird, was in dieser Welt trotz allen Einsatzes nicht aufgeht und doch heil werden kann“, ist Sr. Judit überzeugt.

 

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/2025 der OrdensNachrichten (ON).