20. August 2026

P. Gerald Baumgartner in Syrien: „Mehr Freiheit, zugleich mehr Unsicherheit“

Der österreichische Jesuit Gerald Baumgartner lebt seit vielen Jahren in Syrien. In Homs und Aleppo engagiert er sich mit anderen Jesuiten vor allem für die Jugend. Im Interview mit „VaticanNews“ beschrieb er die aktuelle Lage im Land mit den Worten, dass Menschen derzeit mehr Freiheit, aber auch mehr Ungewissheit und Unsicherheit erfahren würden.

Der österreichische Jesuit Gerald Baumgartner sprach mit „VaticanNews“ über die aktuelle Lage in Syrien.

Der österreichische Jesuit Gerald Baumgartner sprach mit „VaticanNews“ über die aktuelle Lage in Syrien. (c) Gerald Baumgartner SJ

 

Die wirtschaftliche Lage sei weiterhin sehr schwierig, die Perspektiven für die Minderheiten im Land nicht klar. Der Wunsch, das Land zu verlassen, sei auch unter den Christen massiv vorhanden. P. Gerald Baumgartner: „Man hat vorher in einer Diktatur gelebt, wo alles bis ins kleinste Detail kontrolliert, aber auch organisiert war. Es hat eine Mangelwirtschaft geherrscht mit wenig Benzin und Strom. Aber alles, was da war, war erschwinglich.“

 

Jetzt sei man in einer neuen Situation, sagte der Jesuit: „Vieles ist unsicher und noch nicht festgefahren. Positiv gewendet: Es gibt mehr Freiheit. Es gibt tatsächlich die Möglichkeit, offen die eigene Meinung auszusprechen, was man vorher nicht machen konnte.“ Das erste Mal in 50 Jahren gebe es politisch eine „Chance auf eine wirkliche Neuerung, wie auch immer die ausschaut“. Mit der Gefahr allerdings – und das sei die andere Seite der Medaille –, „dass es womöglich kippt, dass man nicht weiß, ob es noch andere Gruppen geben wird, die dann die Macht erlangen werden“.

 

„Die Reichen gewinnen“

Die wirtschaftliche Situation habe sich für die überwiegende Mehrheit eher verschlechtert: „Alles ist teurer geworden.“ Strom sei hier ein gutes Beispiel: „Vor dem Regimesturz gab es einen extremen Strommangel. Man hat seinen ganzen Tag danach ausgerichtet, ob Strom kam oder nicht. Jetzt ist mehr Strom da, aber er ist unglaublich teuer. Wir müssen lernen, irgendwie damit hauszuhalten.“ Für die Ärmeren sei es eine bedrohliche Situation. „Die Reichen gewinnen, die Armen, die fallen durch.“ Es gebe auch keine Rechtssicherheit: „Ein Vermieter kann die Mieten um das Fünffache erhöhen, und wer es sich nicht leisten kann, muss ausziehen. Man weiß nicht, an wen man sich wenden soll. Mit der Freiheit geht also auch eine Unsicherheit einher.“

 

Auf die christliche Minderheit im Land angesprochen räumte der Jesuit ein: „Die meisten hält im Land, dass sie keine Möglichkeit haben zu gehen.“ Sehr viele Christen hätten mit Hoffnungslosigkeit zu kämpfen. „Vor allem die Jungen sehen nicht, welche Zukunft ihnen dieses Land bieten kann.“ Die politische Großwetterlage sei nicht nur zum Vorteil der Minderheiten im Land, sagte P. Gerald Baumgartner: „Dass es extreme islamistische Gruppen im Land gibt, kann niemand leugnen. Viele sind gegen den Übergangspräsidenten, weil er ihnen zu moderat ist. Den Moderaten hingegen ist die neue Regierung zu extrem.“

 

Der Jesuit brachte diesbezüglich ein Beispiel aus Aleppo, wo es Gruppen gebe, „die ständig Plakate aufhängen, wo gezeigt wird, wie sich eine Frau zu kleiden hat. Auf einem Feld sieht man eine vollverschleierte Frau mit einem weiten schwarzen Gewand. Das ist das Richtig-Feld. Daneben ist das Falsch-Feld: Es zeigt eine Frau mit Kopftuch, die ein bisschen westlicher angezogen ist.“ Und das sei natürlich auch eine Botschaft für die christlichen Mädchen und Frauen, die sich anders kleiden: „Ihr kommt da gar nicht vor. Ihr seid so nicht gewünscht.“

 

Jesuiten schaffen Räume für Begegnung

Den Auftrag der Jesuiten in Syrien beschrieb P. Gerald Baumgartner u. a. so, dass die Ordensleute versuchten, „Räume zu schaffen, in denen Menschen einander begegnen können. Das tun wir vor allem durch Kunst und durch Bildungsprojekte. Dabei bringen wir unterschiedliche Menschen zusammen: Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime, Alawiten, Kurden und andere.“ Es gehe darum, „im Gegenüber zuerst den Menschen zu sehen“. Das gebe Hoffnung, „dass Ressentiments gegenüber bestimmten Gruppen, aber auch die Entfremdung vom eigenen Land, zumindest ein wenig überwunden werden können“.

 

Mit anderen Worten: „In der pastoralen Arbeit und im Gebet geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen so sein können, wie sie sind. Einen Raum, in dem auch Schmerz, Verzweiflung und negative Gefühle Platz haben dürfen – aber eingebettet in eine Perspektive der Hoffnung.“

 

P. Gerald Baumgartner reist derzeit auf Einladung des Hilfswerks „Kirche in Not“ durch die Schweiz. Die Botschaft, die er in Syrien immer wieder erlebe und nach Europa mitbringe: „Glaube und Hoffnung können über dieses Leid hinausführen.“

 

Quelle: kathpress