Brief an BM Claudia Bauer: Auslandsfreiwilligendienste als wertvoller Beitrag für Österreich
Der Brief im Wortlaut:
Auslandsfreiwilligendienste als Zivilersatzdienst
Wien, am 17. Juni 2026
Sehr geehrte Frau Ministerin Claudia Bauer,
in einem Interview mit der Kathpress vom 2. Mai 2026 haben Sie die Abschaffung der Anrechnung von Auslandsfreiwilligendiensten als Zivildienstersatz in den Raum gestellt. Nun hat sich – ebenfalls in einem Interview mit der Kathpress - der bislang in der Bischofskonferenz für weltkirchliche Fragen zuständige Bischof Werner Freistetter 12. Juni 2026 „gegen eine Schwächung dieser Programme“ ausgesprochen (zum Artikel). Das ermutigt uns, dass wir uns direkt an Sie wenden. Denn mehrere Ordensgemeinschaften sind als Entsendeorganisationen in diesem Bereich tätig. Diese haben ihre Sorge um eine mögliche Abschaffung dieser Programme geäußert. Dabei ist es ihnen wichtig, folgende Gesichtspunkte zu betonen:
Der Einsatz im Ausland stärkt die Kompetenz zum Dialog mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und fördert das Verantwortungsbewusstsein. Somit dient er auch dem künftigen Leben in Österreich.
Bei einem längeren Dienst in einem fremden Land
- erleben junge Menschen weltweite gesellschaftliche und politische Zusammenhänge hautnah. Sie lernen, was es heißt, mit Diversität und kulturellen Unterschieden zu leben.
- Sie bekommen Einblick in die Lebensumstände und Sichtweisen der Menschen im Globalen Süden.
- Ebenso können sie sich im Bildungsbereich sowie in der Sorge um Menschen am Rand oder die Umwelt ausprobieren und erwerben neue Fähigkeiten.
- Nicht zuletzt sind diese jungen Menschen herausgefordert, selbst „Fremde“ zu sein und mit vollkommen anderen, auch unkomfortablen und konfliktiven Gegebenheiten zurechtzukommen.
All das ist ein Beitrag zur Stärkung der Resilienz und der Konfliktfähigkeit und bereitet auf das spätere Leben vor. Wo internationale Freiwilligendienste von Ordensgemeinschaften angeboten werden, bringen sie zudem in Kontakt mit Religion, Kirche und Engagement für Mensch und Umwelt aus einem lebendigen christlichen Glauben heraus.
Diese Erfahrungen können nach der Rückkehr in Österreich wirksam werden. Im Auslandseinsatz wurden Fähigkeiten erworben, die für das Leben einer Demokratie entscheidend sind. Denn diese lebt von der Solidarität und vom Engagement der Bürger und Bürgerinnen. Die Erweiterung des Horizonts kann aktiv zum weltweiten Zusammenhalt und damit zur Friedenssicherung beitragen. Ebenso wie freiwilliges soziales Jahr oder Zivildienst in Österreich motivieren auch Auslandseinsätze nicht selten dazu, einen sozialen Beruf zu ergreifen. Internationale Freiwilligendienste sind deswegen keine Einsätze „light“, die nur die Interessen der Freiwilligen bedienen wollen. Ebenso wenig sind sie bloß eine Möglichkeit, einem Einsatz in Österreich auszuweichen. Sie sind vielmehr ein wichtiger Beitrag für die Gesellschaft, auch in Österreich.
Deshalb setzen sich die beteiligten Organisationen zusammen mit der Österreichischen Ordenskonferenz und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren dafür ein, dass die Möglichkeit, den Ersatzdienst im Ausland zu leisten, beibehalten wird und allgemein die Auslandseinsätze junger Menschen im Ausland weiterhin die Wertschätzung erfahren, die ihnen zukommt. Wir bitten Sie, unsere Überlegungen und Erfahrungen bei Ihrer Entscheidung zu berücksichtigen und das bisherige Programm nicht zu schwächen.
Mit freundlichen Grüßen
Sr. MMag. Franziska J. Madl OP
Vorsitzende der Österreichischen Ordenskonferenz
Sr. Dr. Anneliese Herzig MSsR
Bereichsleiterin Mission und Soziales