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28. Mai 2026

Kloster Wernberg: Ein Fotoessay über Ordensfrauen, Altern und Care-Arbeit

„SCHWESTER“ ist ein fotografischer Essay über Frauen, Care-Arbeit und Unsichtbarkeit von der Wiener Fotografin Teresa Novotny. Die Arbeit macht sichtbar, was sonst gesellschaftlich oft im Schatten liegt. Teresa Novotny verbrachte im Sommer 2024 eine Woche im Kloster Wernberg bei den Missionsschwestern vom Kostbaren Blut. Sie dokumentierte das Leben, Arbeiten und die Care-Arbeit der Ordensfrauen. Mit Hilfe von Crowdfunding soll ein Buch über das Fotoprojekt entstehen. Im Interview mit dem Medienbüro gibt Teresa Novotny Einblicke in ihre Beweggründe, die Arbeit vor Ort und was das Projekt auch mit ihr gemacht hat.

Kloster Wernberg: Ein Fotoessay über Ordensfrauen, Altern und Care

„Pflege ist hier kein Vorgang, sondern Beziehung. Sie hört nicht auf. Sie verwandelt sich“, sagt Fotografin Teresa Novotny. Hier im Bild Sr. Paulis (✝ 2025) und Sr. Monika (✝ 2024), die für das Shooting in die alten Novizinnentracht geschlüpft ist. © Teresa Novotny/Bildrecht

 

Ihr Fotoprojekt „SCHWESTER“ beschäftigt sich mit Care-Arbeit, Frauen und gesellschaftlicher Unsichtbarkeit. Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?

An dem Ort selbst, tatsächlich, als Urlaubsgast – ich wurde damals quasi hingelockt, als meine Eltern, die schon jahrelang dort mit Freunden begeistert Urlaub gemacht hatten, meinen kleinen Sohn mitnahmen, als ich mal arbeiten musste. Ich hatte mich davor immer dagegen gewehrt, als Feministin und Agnostikerin, in ein Frauenkloster zu fahren um dort Urlaub zu machen, das ging in meinem Kopf einfach nicht zusammen. Als ich dann dort war, hab ich drei Tage lang fast durchgeschlafen, weil ich so erschöpft war nach einer fürchterlichen Trennung, anspruchsvollen Jobs und dem Alltag als Mutter. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass ich mit nur wenigen der Ordensfrauen direkten Kontakt hatte. Wo waren also diese Frauen? Ich wurde neugierig. Als jemand, der auch eine prägende Zeit ihres Lebens im NGO-Kontext gearbeitet hat und auch als Mutter habe ich mich dann auf die Suche nach verbindenden Momenten, nach den Lebensrealitäten der Frauen gemacht. Und da haben sich dann die Themen wie von selbst sehr schnell miteinander verknüpft – Frauen, Alter, Care-Arbeit.

 

Sr. Paulis sitzt oft still im Rollstuhl, mit  Blick in den Garten, oder auf eine Marienstatue. Wenn Sr. Jacobe sie in den Arm nimmt, ist das keine Geste, es ist Sprache.
„Sr. Paulis sitzt oft still im Rollstuhl, mit Blick in den Garten, oder auf eine Marienstatue. Wenn Sr. Jacobe sie in den Arm nimmt, ist das keine Geste, es ist Sprache“ – beschreibt Fotografin Teresa Novotny was sie erlebt hat. © Teresa Novotny/Bildrecht

 

Warum haben Sie als Schauplatz gerade ein Kloster gewählt – und nicht etwa ein Pflegeheim oder eine andere soziale Einrichtung?

Weil sich gerade an diesem einen Ort bereits mehrere soziale Einrichtungen befinden, die miteinander verbunden sind, und wo es um nichts anderes als Fürsorge geht: der Gästebetrieb, der Menschen versorgt, sie im wahrsten Sinne des Wortes nährt, wo man zur Ruhe kommen kann. Die Pflegestation, wo sich externes Pflegepersonal um die Frauen kümmert, die mittlerweile versorgt werden müssen, weil die Ordensfrauen selbst schon zu alt sind, diese Aufgaben noch zu übernehmen. Dann gibt es natürlich auch noch Reinigungspersonal, was ich auch sehr wichtig finde mitzunehmen. Eine der essentiellsten Arbeiten unserer Gesellschaft und sie wird so wenig anerkannt und schlecht entgolten.

 

Es gibt nur mehr sehr vereinzelt Schwestern, die noch Gemeindearbeit leisten, z.B. in Seniorenheimen oder als Bewährungshelferinnen. Und in den Kindergarten, der auch ans Kloster angeschlossen ist, bin ich noch gar nicht zum Fotografieren gekommen. Und dann kümmern sich die Schwestern auch noch umeinander, und übernehmen eine Aufgabe, der sie so lange nachgehen, wie sie können. Kollektives und kooperatives Zusammenleben und -arbeiten. Viele unterschiedliche Lebensrealitäten, von versorgend bis hin zu versorgt werden, sind da nebeneinander. Vor allem ist es auch interessant, die wirtschaftliche Realität des Ortes anzusehen, der auch eine Geschichte hat – früher haben die Frauen, als sie noch konnten, den Gästebetrieb samt Restaurant, den Kindergarten und auch den angeschlossenen Bauernhof zur Gänze selbst betrieben. Mit der Zeit wurde das immer mehr in andere Hände übergeben, und das schlägt sich natürlich auch nieder.

 

Sr. Monika Pfaffenlehner hat für das Shooting die alten Novizinnentracht der Missionsschwestern vom kostbaren Blut angezogen.

Sr. Monika wollte für das Shooting unbedingt die alten Novizinnentracht der Missionsschwestern vom kostbaren Blut herzeigen. © Teresa Novotny/Bildrecht

 

Im Kloster Wernberg dokumentieren Sie einen oft verborgenen Teil unserer Gesellschaft: ältere, pflegebedürftige Frauen und auch Ordensfrauen, deren Gemeinschaften kleiner werden. Warum war es Ihnen wichtig, genau diese Lebensrealität sichtbar zu machen?

Ich fand es spannend zu beobachten, dass dieser Ort, zu dem Zeitpunkt als ich fotografiert habe, an allen Schlüsselpositionen mit Frauen besetzt war. Da fand ich dann nochmal interessanter, mir weiter zu überlegen, dass dieser Ort Teil einer sehr patriarchalen Struktur, die katholische Kirche, ist, in der diese Frauen altern. Auf der einen Seite hat diese Form des Zusammenlebens unmittelbare Vorteile für die Frauen, z.B. gesundheitlich. Da kann man sich vielleicht sogar die Frage stellen, ob da nicht sogar eine gewisse Form der Resilienz und Widerständigkeit gegenüber der patriarchalen Struktur gegeben ist.

 

Gleichzeitig sind auch diese Frauen den gleichen Dynamiken der Gesellschaft ausgesetzt, und das ist mit einer strukturellen Unsichtbarkeit und auch wirtschaftlichen Konsequenzen verbunden – obwohl sie bis ins hohe Alter leistungsfähig sind und das auch leben.

 

Und ein weiterer sehr wichtiger Punkt für mich war, dass diese Form des Zusammenlebens eine komplett andere ist, als wir das gewohnt sind: viele Frauen an einem Ort, möglichst selbstverwaltet, im Idealfall viele Generationen unter einem Dach – nicht miteinander verwandt. Was bedeuten also Kooperation und Kollektiv in diesem Zusammenhang? Welche Bedingungen und Architektur muss vorhanden sein, um sichere Räume für Frauen zu schaffen, auch im Alter? Was kann das wirtschaftlich bedeuten, vor allem auch hinsichtlich einer gesellschaftlichen Wertschätzung von Care-Arbeit? Wie können Leistungen und Ressourcen fairer verteilt werden? Wie hängen Umweltschutz und Frauenschutz zusammen? Im Kloster und in diesem Buchprojekt liegen nicht alle Antworten auf diese Fragen, aber es ist wichtig, dass wir endlich anfangen, sie viel lauter zu stellen, um diese Denkräume aktiver zu öffnen. Und das geht am besten, indem man diese Geschichten sichtbarer macht.

 

Sr. Anaclet, fast 80, besucht regelmäßig das nahegelegene Altersheim in Villach.

Sr. Anaclet, fast 80, besucht regelmäßig das nahegelegene Altersheim in Villach.  © Teresa Novotny/Bildrecht

 

Ihre Bilder zeigen nicht nur Pflege und Alltag, sondern auch ein sehr würdevolles Altern von Frauen, die ihr Leben lang für andere da waren - meist ohne große öffentliche Aufmerksamkeit. Hatten Sie beim Fotografieren das Gefühl, auch ein Zeitdokument zu schaffen?

Ja, durchaus. Einige der Schwestern sind ja mittlerweile leider schon gestorben, unter anderem auch die Mitinitiatorin des Projekts, Sr. Monika (Pfaffenlehner; ✝ Juli 2024 - Anm. d. Redaktion). Ohne ihre Hilfe hätte ich gar keinen Zugang zu den anderen Schwestern bekommen, und das Vertrauen aufbauen können, das für dieses Projekt notwendig ist. Sie war eine sehr treibende Kraft vor Ort. Ich habe ja im Sommer 2024 die Schwestern fotografisch begleitet, seitdem hat sich einiges verändert. Und das würde ich eben auch noch gerne für das Buch mit aufnehmen.

 

Eines der Wesensmerkmale der Fotografie ist ja, die sprichwörtliche Momentaufnahme zu sein – insofern sind Langzeitdokumentationen sehr spannend, weil eine andere Form von Prozess sichtbar werden kann, und die Geschichte umfassender und tiefer erzählt. Die beste Art, so eine Geschichte in eine schöne Form zu gießen, ist für mich einfach das Buch. Was für ein großartiges Medium! Es ist mobil, lässt sich ausleihen, verschenken, transportieren, und ist ein haptisches Objekt im Raum. Um das aber zu einer Realität werden zu lassen, braucht es die finanziellen Mittel – deshalb eben auch das Crowdfunding.

 

Die Fotos wirken sehr nahbar und persönlich. Man spürt großes Vertrauen zwischen Ihnen und den Schwestern. Wie haben die Ordensfrauen auf Ihre Anwesenheit reagiert? Und wie entsteht eine fotografische Nähe, ohne intime Momente zu verletzen?

Ich freue mich sehr, dass das so durch die Bilder spricht. Tatsächlich haben am Anfang nur wenige Schwestern eingewilligt, mit mir zu sprechen, und ich wurde von einigen sehr genau geprüft, wie ernst es mir überhaupt mit meinem Anliegen ist, oder was meine eigentlichen Motive dahinter sind. Andere wollen sich bis heute nicht von mir fotografieren lassen. Im Zuge meiner Arbeit vor Ort wurde ich auch sehr genau beobachtet. Aber das war okay, es beruhte ja ohnehin auf Gegenseitigkeit. Und Vertrauen braucht einfach Zeit, auch von meiner Seite aus; auch ich muss Menschen erst besser kennenlernen, bevor ich sie gut mit der Kamera begleiten kann. Und da waren die vorangehenden Interviews einfach essentiell, für alle Beteiligten.

 

Tatsächlich hadere ich selbst immer wieder mit der fotografischen Nähe, weil ich meinen Blick oder meine Bilder niemandem aufdrängen möchte, weil ich die Arbeit mit der Kamera oft als invasiv empfinde. Gleichzeitig mach ich so wahnsinnig gerne Bilder – ein Dilemma! Aber wenn mir Menschen erlauben, sie mit der Kamera zu begleiten, werde nicht nur ich bei der Dokumentation offener und mutiger, sondern auch die Leute, die sich fotografieren lassen. Man lernt sich noch besser kennen, und auch das festigt das Vertrauen. Dann kommen plötzlich noch mehr Ideen und Vorschläge, was man als nächstes machen könnte, wessen Geschichte ich noch erzählen müsste. So fällt eins ins andere, es multipliziert sich. Wir dürfen einander näher kommen.

 

 Im Sommer 2024, zum Zeitpunkt Gespräche mit den Schwestern, ist das Haus an allen Schlüsselpositionen mit Frauen besetzt. In der Küche, der Rezeption, der Krankenpflege, der Gaststube, der Reinigung, im Kindergarten.

 Im Sommer 2024, zum Zeitpunkt Gespräche mit den Schwestern, ist das Haus an allen Schlüsselpositionen mit Frauen besetzt. In der Küche, der Rezeption, der Krankenpflege, der Gaststube, der Reinigung, im Kindergarten.  © Teresa Novotny/Bildrecht

 

Sie haben selbst eine Woche im Kloster Wernberg verbracht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Welche Eindrücke konnten Sie auch persönlich mitnehmen?

Ich war ja immer im Gästehaus untergebracht, da ist man nicht so direkt in den Klosteralltag der Ordensfrauen selbst eingebunden – und das war auch gut so, für mich, weil ich mich dann schon auf meine Arbeit, also Interviews halten und fotografieren, konzentrieren musste. Ich habe es als ,Pendeln‘ empfunden – zwischen Klausur, den unterschiedlichen Arbeitsplätzen der Frauen, der Pflegestation und meinem Zimmer oder anderen Rückzugsorten. Weil ich mich auch immer wieder zurückziehen muss, um die Gespräche und Begegnungen zu verarbeiten oder mich auf den nächsten Tag, die nächsten Gespräche vorzubereiten.

 

Was ich an mir selbst auch noch beobachten konnte, war, dass eine gewisse Konstanz und Ruhe sich einfach durch den Klostertagesrhythmus damit auch in meinen Arbeitsrhythmus eingewebt hat. Und als Selbstständige bin ich es eigentlich ja durchaus gewohnt, über bestimmte Zeiträume auf Höchstleistung und unter Druck zu arbeiten, gerade an Shooting-Tagen. Das gab es dort nicht, weil es einfach nicht möglich war. Ich konnte nur fotografieren, wenn jemand für mich Zeit hatte. Und da gab es zwischen den Terminen oft längere Pausen. Nach 17 Uhr hab ich kaum mehr fotografiert. Und auf einmal war da plötzlich Zeit und Ruhe. Das hat entspannt, was mich in weiterer Folge auch wieder ruhiger in die nächste Fotobegleitung oder das nächste Interview hat gehen lassen. Und das bringt wieder eine andere Form der Stabilität in den Arbeitsalltag.

 

Das Buchprojekt wird derzeit über Crowdfunding finanziert. Wann und wo wird das Buch erhältlich sein?

Wenn das Funding-Ziel bis Mitte Juli erreicht wird, kann das Buch vor Weihnachten 2026 erscheinen. Es ist eine Alles-oder-Nichts-Kampagne, das heißt das Buch wird nur erscheinen, wenn genug Leute vorbestellen und unterstützen. (Link zur Unterstützung siehe unten)

 

Was nehmen Sie selbst von diesem Foto-/Buchprojekt mit?

Viele überraschende Begegnungen und Geschichten. Mehr Ideen und Impulse für kommende Projekte. Ganz viel Kraft und Erfahrung.

 

Teresa Novotny

Teresa Novotny ist Fotografin und Medienkünstlerin in Wien. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Kommerz, mit konzeptuellen Schwerpunkten auf unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Themen. Ihre künstlerischen Projekte wurden international ausgestellt; kommerziell fotografiert sie Architektur, Interior und Portraits. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und arbeitete als Foto- und Videoredakteurin bei Greenpeace.

 

Das Interview führte Renate Magerl.

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Mehr Infos zum Projekt SCHWESTER

Mehr Infos Teresa Novotny

SCHWESTER Crowdfunding

Kloster Wernberg

Kloster Wernberg (Ordens-Wiki)

 

[renate magerl]

 


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