Schönheit aus der verwundeten Schöpfung

P. Raphael Statt formt aus dem, was die Natur ihm schenkt, Skulpturen – wie hier einen Dinosaurier. © ÖOK/emw
Das Maul weit aufgerissen, der Schwanz majestätisch nach oben gestreckt, das linke Bein tritt kräftig nach vorne – beeindruckt stehe ich vor einer Bronzestatue im Atelier von P. Raphael Statt, dem Künstlermönch des Stiftes Heiligenkreuz. Die Figur – ein Dinosaurier – wirkt kräftig und fragil zugleich. Ich ertaste einen kühlen, glatten Hals, den rauen Körper und erkenne mit der Berührung, was mein Auge zunächst nicht sieht: Unter der Bronze versteckt sich ein Baum, genauer gesagt seine Rinde.
P. Raphael, der neben mir steht, hält das ausgestreckte Bein des Sauriers in seinen Händen. Es ist eine Geste der Vertrautheit – seine Skulpturen sind wie seine Kinder, verrät er mir. Auch der Saurier stammt aus seiner Hand. Und doch hat P. Raphael ihn nicht „gemacht“, sagt er, sondern „nur“ zusammengesetzt und bearbeitet.
Schönheit in der Verwundung
P. Raphael arbeitet mit dem, was die Natur ihm schenkt. Er streift durch die ans Stift angrenzenden Wälder und nimmt mit, was auf dem Boden liegt: Abgefallenes, Weggeworfenes, vermeintlich Unschönes. „Mein Weg zur Schönheit geht über die verwundete Schöpfung“, sagt P. Raphael.
Eine schwarze Rinde, über und über mit Holzwurmgängen versehen – „was ist das für ein schönes Muster!“ –, wird zum Gefieder eines Paradiesvogels. Ein ausgedienter Baumschwamm verwandelt sich in einen Rochen, und ein krummer Ast wird als Dinosaurierbein eingesetzt. „Ich lasse mich darauf ein, was die Natur mir vorgibt – ohne fertige Bilder im Kopf zu haben.“ P. Raphaels Führer, Assistent und Ideengeber ist Gott. Die Skulpturen bezeichnet der Künstlermönch konsequent als „ein zur Form gewordenes Gebet“.
Original und Guss: Links die Skulptur aus Baumrinde, rechts der Bronzeguss. Die Holzwurmgänge zeichnen ein faszinierendes Muster. © ÖOK/Elisabeth Mayr-Wimmer
Gott als Ideengeber
Mit 45 Jahren führte ein Berufungserlebnis P. Raphael ins Stift Heiligenkreuz. Nun rückten Gott, das Gebet und sein Leben als Mönch ins Zentrum. Künstlerkollegen warnten, dass der Klostereintritt das Ende seines künstlerischen Schaffens bedeuten könnte – P. Raphael hatte sich davor als Künstler schon einen Namen gemacht.
Das Gegenteil trat ein. Die Einbindung in die Gemeinschaft, das Gebet und die tägliche Liturgie gaben seiner Kunst eine neue, noch stärkere Dimension.
Das zeigt sich nicht nur im Stift, wo er seit drei Jahren einen kleinen Galerieraum hat, sondern auch in den Anfragen von Galerien, die ihn immer wieder um Ausstellungen bitten. P. Raphael lehnt meistens ab: In erster Linie ist er Mönch.
Außerdem braucht der heute 68-Jährige das alles nicht mehr: „Ich muss mich nicht mehr profilieren.“ Dieses Gefühl, gepaart mit einem großen Vertrauen auf Gott, schenkt ihm eine schöpferische Freiheit, die er auskostet: „Gott führt meine Hände.“
„Chirurgische“ Kleinarbeit
Bei der Arbeit mit den Rinden-Stücken kommt er sich oft vor wie ein Chirurg, der Haut verpflanzt. Schritt für Schritt fügt er die Segmente zu einer neuen Figur zusammen. Gleichsam, wie durch Kinderaugen, verfolgt er dabei das Entstehen der Figur – frei von intellektuellen Schranken, offen für das, was entsteht.
Ist die Skulptur fertig, folgt das dreistufige Bronzegussverfahren: Kautschukform, Wachsguss, Bronzeguss. Mit letzterem „bekommt die Skulptur eine unglaubliche Übersteigerung“, erzählt P. Raphael.

Bei der Arbeit lässt er Gott seine Hände führen. © ÖOK/emw
Transformation zum Leben
In der Galerie stehen etwa 25 Bronzeskulpturen: große, kleine, starke, filigrane, zarte und kräftige Wesen. Die Figuren erzählen von Lebendigkeit und Freude – aus vormals Abgefallenem erstrahlt neue Schönheit.
Diese Transformation bewegt die Menschen, die in seine Galerie kommen. P. Raphael erzählt von einer Frau, die beim Anblick seines Käuzchens in Entzücken ausgebrochen ist. Ein Mann, der zuerst mit forschen Schritten in die Galerie kam, blieb später ganz nachdenklich vor der einst verwundeten Natur stehen, die jetzt in neuer Schönheit erstrahlte.
Das sind dann die Momente, die den Mönch zutiefst bewegen: wenn seine Botschaft ankommt, nämlich dass dort, „wo scheinbar Hopfen und Malz verloren sind und die Existenz zerbrochen scheint, Schätze verborgen liegen, die darauf warten, gehoben zu werden.“
Ein neuer Blick
Ich blicke noch einmal auf die Skulpturen – sehe in Augen, die eigentlich Astlöcher sind, sehe feine Risse, sehe kecke Farbtupfer und staune über das Leben, das aus totem Holz geworden ist. Vielleicht ist das der eigentliche Schatz: dass man plötzlich anders schaut. Und ins Staunen kommt.
Biografisches:
P. Raphael Statt wurde 1958 südlich von Berlin geboren. Er besuchte die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee und war ab 1989 als freischaffender Bildhauer tätig. 2005 trat er in das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz ein und übernahm als Künstler immer wieder Auftragsarbeiten, wie etwa die Neugestaltung des Chorraumes des Klosters Stiepel. Seine Bronzearbeiten bilden zurzeit den Kern seiner Arbeit. Seine Galerie im Stift Heiligenkreuz kann täglich besucht werden. Mehr: www.kuenstler-moench.com
Dieser Artikel erschien in der ON-Ordensnachrichten 2/2026.