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19. Mai 2026

Podiumsdiskussion: Religion formt Kultur. Kultur formt Religion.

Beim zweiten Abend der Klosterneuburger Diskurse 2026 brachten Sr. Brigitta Raith MC, P. Antony Arockiam MSFS und Professor Aho Shemunkasho ihre Welterfahrung ins Gespräch. Alle drei sind überzeugt, dass Kultur und Religion untrennbar zueinander gehören und in ständiger Interaktion sind. Die drei Gesprächspartner legten das Miteinander von Kultur und Religion aus drei verschiedenen Perspektiven dar – Kongo/Österreich, Indien/Österreich und Tur Abdin/Österreich.

Podiumsdiskussion im Stift Klosterneuburg

(v.l.) Aho Shemunkasho, Sr. Brigitta Raith und P. Antony Arockiam diskutierten mit Moderatorin Monika Slouk über die Frage „Prägen Religionen Kulturen?“. © Stift Klosterneuburg / Walter Hanzmann

 

Im Stift Klosterneuburg trafen am Montagabend Menschen zusammen, deren Lebensgeschichten unterschiedlicher kaum sein könnten – und die sich genau deshalb so viel zu sagen hatten. Unter dem Titel „Prägen Religionen Kulturen? Die Macht sozialer und religiöser Hierarchien“ diskutierten Sr. Brigitta Raith MC, P. Antony Arockiam MSFS und der syrisch-orthodoxe Theologe Aho Shemunkasho über das Verhältnis von Glaube, Kultur und Identität. Moderiert wurde der Abend von Journalistin Monika Slouk.

 

„Zwei Schuhe in zwei verschiedenen Größen“

P. Antony Arockiam kommt ursprünglich aus Indien, ist Ordenspriester der Missionare des heiligen Franz von Sales und heute Associate Professor für Dogmatik am Pontifical Institute in Bangalore. Er kennt das Gefühl der doppelten Zugehörigkeit aus seinem eigenen Leben: „In Indien ist meine Identität über die Religion geprägt – Christen sind dort eine Minderheit. In Österreich hingegen werde ich als Inder wahrgenommen“, erzählte er. „Manchmal fühlt es sich so an, als ob ich zwei Schuhe mit zwei unterschiedlichen Größen anhabe. “

 

Aho Shemunkasho, aufgewachsen in Tur Abdin im Südosten der Türkei – einer historischen Kernregion des syrischen Christentums –, kennt diese Erfahrung der Fremdheit aus einer anderen Richtung. Als er zum ersten Mal einer Liturgie in Deutschland beiwohnte, war er zunächst ratlos: Die Liturgie war vollkommen anders, Musik und Sprache fremd. Erst im Moment der Konsekration von Brot und Wein dämmerte es ihm: „Aha, es ist also doch dasselbe.“ Für ihn ist das mehr als eine Anekdote – es ist ein Schlüssel zum Verständnis des Christentums: Es stellt sich je nach den kulturellen Möglichkeiten dar, geprägt durch Kultur, Architektur, Geografie, Klima, Sprache. Die Form variiert, der Kern bleibt.

 

Sr. Brigitta Raith und P. Antony Arockiam

Unter den Diskutant:innen waren zwei Ordensleute: Sr. Brigitta Raith, Ordensfrau der Missionarinnen Christi, und P. Antony Arockiam, Ordensmann der Missionare des heiligen Franz von Sales. © Stift Klosterneuburg / Walter Hanzmman

 

30 Jahre Kongo: Glaube je nach Kultur feiern

Sr. Brigitta Raith, Missionarin Christi aus der Oststeiermark, verbrachte mehr als drei Jahrzehnte in der Demokratischen Republik Kongo, bevor sie im letzten Jahr wieder ganz nach Österreich zurückkehrte. Sie trug an diesem Abend das kongolesische Ordenskleid – ein sichtbares Zeichen dessen, was sie Inkulturation nennt: „Glaube wird so gelebt, wie es den kulturellen Gegebenheiten entspricht.“ Und sie bringt noch ein anderes Wort ins Spiel – Akkulturation: „Ich bin hineingenommen worden in die Kultur. Ich lernte im Kongo, den Glauben zu leben und zu feiern, wie es dort vor Ort üblich ist, wie es den kulturellen Gegebenheiten entspricht.“ Heute vermisst sie in Österreich das Singen, die Lebendigkeit der Liturgie.

 

Sie sprach auch offen über die Widersprüche eines mehrheitlich christlich geprägten Landes, dessen Eliten – viele davon Absolventen von Ordensschulen – tief in Korruption verstrickt sind. „Wie können sie nur so korrupt sein? “, fragte sie und gab selbst die Antwort: Geopolitische Kräfte, Stellvertreterkriege, der Kampf um Bodenschätze – all das lässt sich nicht ausblenden. Dennoch: Der Kirche wird im Kongo großes Vertrauen entgegengebracht, Bischöfe bieten den Mächtigen die Stirn. Soziale Einrichtungen liegen weitgehend in der Hand von Orden und Diözesen.

 

Mission im Wandel der Zeit

Alle drei Podiumsgäste griffen das Thema Mission auf – und alle drei machten deutlich, wie sehr sich das Verständnis davon gewandelt hat. P. Antony Arockiam verdankt seinen Glauben spanischen Missionaren, die einst in seinem Heimatort wirkten – das Dorf trägt noch heute den Namen eines Missionars. Heute ist Mission in Indien aus politischen Gründen kaum mehr möglich.

 

Aho Shemunkasho ergänzte die historische Tiefendimension: Auch das syrische Christentum war über Jahrhunderte missionarisch tätig, gründete Klöster, breitete sich aus. Im 11. und 12. Jahrhundert begann sich das unter dem Einfluss des Islam zu verändern – viele Christen konvertierten, unter Druck oder aus Kalkül. 1915 dann der Höhepunkt der Katastrophe: Fast zwei Drittel der Christen im Tur Abdin kamen im Völkermord ums Leben. „Unser Leben als Christen hat unser Christentum geprägt“, sagte er. Die spirituelle Dimension des syrischen Christentums ist dabei nie nur monastisch gewesen – sie beseelt und strukturiert den gesamten Alltag.

 

Sr. Brigitta formulierte das gewandelte Selbstverständnis ihres Ordens von Mission so: „Wir verstehen das so, dass wir dort, wo wir sind, missionarisch sind – mitten in der Welt leben, dem Glauben zugewandt.“ Nicht Bekehrung, sondern Präsenz und Zeugnis.

 

Aho Shemunkasho, Monika Slouk, Sr. Brigitta Raith, P. Antony Arockiam und Augustiner Chorherr Elias Car

Die Gesprächspartner legten das Miteinander von Kultur und Religion aus drei verschiedenen Perspektiven dar. V.l.: Aho Shemunkasho, Moderatorin Monika Slouk, Sr. Brigitta Raith, P. Antony Arockiam mit Augustiner Chorherr H. Elias Car, Kämmerer des Stiftes Klosterneuburg. © Stift Klosterneuburg / Walter Hanzmann

 

Resilienz durch Minderheitsstatus?

Eine der provokantesten Fragen des Abends: Macht der Status als Minderheit christliche Gemeinschaften widerstandsfähiger gegen Säkularisierung? P. Antony Arockiam bejahte das indirekt: Als Minderheit investieren Christen in Schulen, Krankenhäuser, Kinderheime – und schaffen so Glaubwürdigkeit. Für Österreich zeigte er sich langfristig optimistisch, kurzfristig aber realistisch: Zunächst wird es wohl „noch weiter nach unten gehen“, doch in zehn bis fünfzehn Jahren rechnet er mit einer Erstarkung. Seine Botschaft: Wichtig ist, dass die Werte des Christentums gelebt werden – bewusst oder unbewusst.

 

Sr. Brigitta ergänzte aus ihrer Beobachtung: „Entschiedenes Christentum ist stärker als Oberflächenchristentum.“ Im Kongo entscheiden sich immer wieder Einzelne gegen den Widerstand ihrer Familien zum katholischen Christentum. Sie ist überzeugt, dass das entschiedene Christentum stärker ist als das „Oberflächenchristentum“. Aho Shemunkasho erklärte, dass die jungen Christen mit Wurzeln im Tur Abdin im Schnitt deutlich religiöser sind als ihre Altersgenossen in Österreich. Auch er unterstrich die Hoffnung, dass die Werte des Christentums in Österreich trotz Säkularisierung erhalten bleiben, ohne Unterdrückung und Verfolgung.

 

Religion und Kultur: untrennbar

Prägen also Religionen Kulturen und umgekehrt? Für Sr. Brigitta Raith gehören sie untrennbar zusammen und sind ständig in Interaktion. P. Antony Arockiam brachte zum Ausdruck, dass kulturelles Christentum allein nicht reicht, wenn andere Religionen zur Mehrheit werden. „Wir müssen zur Seele des Christentums zurückkommen. Die Frage ist, ob wir es gerne und freiwillig machen – oder ob wir es machen müssen.“ Aho Shemunkasho ist überzeugt, dass christliches Leben nicht nur Teilleben sein kann – es umfasst unseren gesamten Alltag.

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Weiterlesen:

Sr. Brigitta Raith und ihr mutiges Herz im Kongo

Die vergessenen Christen im Tur Abdin

 

[renate magerl]


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