„Wir wissen nicht, was wir erwarten sollen“

Awni Bathish ist Schulleiter der Salvatorschule in Nazareth. Gemeinsam mit den Lehrkräften und den Salvatorianerinnen hält er auch in diesen schwierigen Zeiten den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern aufrecht. © Salvatorianerinnen weltweit
Wie erleben Sie die aktuelle Situation in Nazareth?
Bathish: Wenn ich abends ins Bett gehe, weiß ich, dass die Nacht kurz wird. Man liegt da, hört plötzlich die Sirenen, sucht, wenn möglich, einen Schutzraum auf, dann hört man die Raketen. Manchmal hört man auch Einschläge. Am nächsten Morgen sind die Straßen leer. Früher war in den Straßen von Nazareth Leben, jetzt bleiben die meisten zu Hause. Man schaut aus dem Fenster und merkt: Alle warten, aber keiner weiß, worauf. Dieses Gefühl begleitet uns jeden Tag. Leider ist uns dieses Gefühl nicht fremd: Wir leben wieder wie in einem Kriegszustand.
Was bedeutet das konkret für Ihren Alltag?
Bathish: Früher habe ich den Tag geplant. Termine, Gespräche, Unterricht. Heute beginnt jeder Tag damit, dass wir uns fragen, was heute überhaupt möglich ist. Man bleibt viel in den eigenen vier Wänden. Selbst kleine Wege überlegt man sich zweimal. Das Leben wird enger. Es spielt sich zwischen wenigen Räumen ab. Und man merkt, wie sich diese Unsicherheit langsam festsetzt.
[Das Gespräch wird unterbrochen. Ein Raketenalarm ertönt. Der Schulleiter geht in den Schutzraum. Nach etwa fünf Minuten kehrt er zurück.]
Sie mussten gerade in den Schutzraum. Ist das inzwischen Routine?
Bathish: Ja. Sobald die Sirene kommt, greife ich automatisch zum Handy. Auf dem Weg in den Schutzraum, den wir hier in der Schule haben, rufe ich meine Familie an. Ich frage nicht viel, nur: „Seid ihr an einem sicheren Ort?“ Erst wenn ich von allen ein Ja höre, kann ich in Ruhe abwarten, bis es hoffentlich ohne Treffer vorbeigeht. Danach geht man wieder raus und macht weiter, als wäre nichts gewesen. Und ein paar Stunden später passiert es wieder. Dazu muss man wissen, dass Schutzräume im arabischen Nazareth nicht so zahlreich sind wie zum Beidpiel im jüdischen Teil der Stadt Nazareth Illit.
Wie wirkt sich die Lage auf die Schule aus?
Bathish: Wenn ich morgens den Computer einschalte, sehe ich die Gesichter der Schüler in kleinen Fenstern. Früher standen sie auf dem Schulhof, haben gelacht, sich bewegt. Jetzt sitzen sie still vor dem Bildschirm. Wir versuchen, ihnen mehr zu geben als nur Unterricht. Ein Gespräch, ein Gebet, ein kurzer Austausch. Alles läuft über das gleiche Medium. Man merkt, wie wichtig diese Momente sind, auch wenn sie digital sind.
Welche Folgen sehen Sie langfristig?
Bathish: Ich denke oft an einen Schüler, der mir sagte: „Ich kenne Zoom besser als mein Klassenzimmer.“ Das macht mich sehr nachdenklich. Diese Kinder wachsen mit ständigen Unterbrechungen auf. Corona, Konflikte, immer wieder Onlineunterricht. Sie verlieren das Gefühl für einen normalen Schulalltag, für das Miteinander und für ihre Mitmenschen. Und wenn sie fragen, warum sie lernen sollen, dann merkt man, wie schwer die Antwort geworden ist.
Begegnung kurz vor Beginn des Iran-Kriegs: Anfang Februar 2026 waren Vertreter:innen der Österreichischen Ordenskonferenz, darunter auch die Vorsitzende Sr. Franziska Madl OP (2.v.r.), bei den Salvatorianerinnen in Nazareth und bei Schulleiter Awni Bathish (ganz re.) zu Besuch. © ÖOK/rm
Wie ist die Stimmung unter den Menschen in der Stadt?
Bathish: Die Athmosphäre ist sehr angespannt, denn die Gewalt innerhalb der arabischen Gesellschaft nimmt zu. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Menschen überfallen, zusammengeschlagen oder erschossen werden. Es wirkt so, als ob kriminelle Gruppen mit Mafia-Methoden die Oberhand gewinnen wollen und ihre Bereiche abstecken. Es ist furchtbar. Und viele haben den Eindruck, dass die Polizei nichts dagegen unternimmt. Jeder überlegt sich, wo es noch sicher für ihn und seine Familie ist. Nazareth ist es zurzeit nicht mehr.
Wie nehmen Sie die politische Entwicklung wahr?
Bathish: In Gesprächen spürt man eine neue Vorsicht. Früher wurde offener diskutiert. Heute überlegt man, was man sagt und wo man es sagt. Nicht aus Angst, sondern aus Vorsicht. Wir wissen nicht, was wir erwarten sollen.
Welche Rolle spielen wirtschaftliche Faktoren?
Bathish: Wenn ich einkaufen gehe, sehe ich es direkt. Produkte, die früher selbstverständlich waren, kosten deutlich mehr. Familien sprechen darüber, wie sie sparen können. Man verzichtet, wo es geht. Diese alltäglichen Dinge verstärken das Gefühl, dass es enger wird.
Was gibt Ihnen in dieser Lage Halt?
Bathish: Wenn ich an unsere Schule denke, sehe ich mehr als nur ein Gebäude. Ich sehe eine Gemeinschaft aus Christen und Muslimen, aus arabischen Israelis und Menschen in Europa, die uns immer wieder unterstützen. Wir haben über Jahre etwas aufgebaut. Wir werden immer wieder als eine der besten Schulen des ganzen Landes ausgezeichnet. Unsere Absolventinnen und Absolventen gehen ihren Weg, leisten einen Beitrag für die Wirtschaft des Landes und tragen zum Aufbau einer Gesellschaft bei, in der Menschen in Frieden leben können – an allen Orten in Israel und in Palästina. Das gibt mir Kraft. Auch die Geschichte unserer christlichen Gemeinschaft hier in Nazareth spielt für mich eine große Rolle. Wir leben seit Jahrhunderten an den heiligen Orten der Bibel. Wir haben in dieser Tradition schon viele Krisen erlebt und ausgestanden.
Das Interview führten Vertreter:innen von „Salvatorianerinnen weltweit“ via Videotelefonat mit Awni Bathish. Vielen Dank für die Möglichkeit, es hier zu übernehmen.

Nichts ist mehr wie früher: Die Salvatorschule in Nazareth zu Zeiten, als der Schulhof noch voller Leben war. © Salvatorianerinnen weltweit
Die Salvatorschule in Nazareth gehört zu den angesehensten Bildungseinrichtungen Israels. Mehrfach wurde sie als eine der besten Schulen des Landes ausgezeichnet. Ihr Profil verbindet höchste schulische Leistungen mit einem klaren Schwerpunkt auf Hightech und Zukunftskompetenzen. Durch die Arbeit der Salvatorianerinnen ist die Schule auch ein Ort der Verständigung und des Austauschs: Hier lernen junge Menschen, Verantwortung zu übernehmen und Brücken zwischen Kulturen und Religionen zu bauen.