Von toten und lebendigen Steinen – Solidaritäts- und Begegnungsreise ins Heilige Land
Die Delegation der Österreichischen Ordenskonferenz mit Blick auf Jerusalem (v.r.): P. Laurentius Resch (ICO und Stift Seitenstetten), ÖOK-Generalsekretärin Sr. Christine Rod, ÖOK-Vorsitzende Sr. Franziska Madl, Abt Reinhold Dessl (Stift Wilhering), Salesianer-Provinzial P. Siegfried Kettner und Presseverantwortliche Renate Magerl. © ÖOK Fotodownload
Gleich zu Beginn wurde deutlich, welche Bedeutung dieser Besuch hatte. „Ihr seid die erste Pilgergruppe seit zweieinhalb Jahren“, sagte Reiseleiterin Marion, sichtlich bewegt. Seit dem 7. Oktober 2023 sind Pilgerinnen und Pilger nahezu ausgeblieben – zuvor hatte bereits die Pandemie den Tourismus schwer getroffen. Für viele Familien ist das existenziell. „Die Menschen leben vom Tourismus – direkt oder indirekt“, wurde mehrfach betont und immer wieder die Bitte: „Sagt den Menschen, sie sind willkommen im Heiligen Land. Es ist möglich, ins Heilige Land zu reisen.“ Die Anwesenheit einer Delegation aus Österreich sei daher „ein Zeichen, dass wir nicht vergessen sind“.
Von toten und lebendigen Steinen
Von der Geburtsgrotte in Bethlehem bis zur Grabeskirche in Jerusalem, von der Verkündigungsbasilika in Nazareth bis zur Todesangstbasilika am Ölberg: Man bewegt sich zwischen 400 Metern unter dem Meeresspiegel am See Genezareth und 800 Metern Höhe in Jerusalem. Orte, deren Namen aus dem Evangelium vertraut sind, werden greifbar. „Meine Erfahrung mit dem Heiligen Land ist tatsächlich, dass es das sprichwörtliche fünfte Evangelium ist. Wer die Orte, an denen Jesus gelebt und gewirkt hat, mit eigenen Augen sieht, hört die Texte der Bibel danach anders“, formuliert es Sr. Franziska Madl, Vorsitzende der Österreichischen Ordenskonferenz.
Und doch sind es nicht nur die alten Steine, die sprechen. „Ganz persönlich war mir der Besuch in der Grabeskirche besonders wichtig. Am beeindruckendsten waren aber die Begegnungen mit den Menschen vor Ort, die von ihrer Lebenssituation erzählten und die ganz aus ihrem Glauben heraus in Solidarität leben und für den Frieden eintreten. Denn das Heilige Land besteht nicht nur aus den ‚toten Steinen‘ der Heiligen Stätten, sondern maßgeblich aus den lebendigen Steinen der Menschen, die dort leben“, sagt die ÖOK-Vorsitzende.
Auf dem Programm stand auch eine Begegnung mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa. Sr. Franziska Madl sagt dazu: „Das Gespräch mit dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem war besonders bewegend. Er hat uns als Botschaft mitgegeben, keine vorschnellen Urteile zu fällen, weil schnelle Urteile der komplexen Situation nicht gerecht werden.“ (siehe auch Artikel: Zu Besuch bei Kardinal Pierbattista Pizzaballa: „Wir brauchen mehr Empathie und weniger Urteile“)
Höhepunkt der Begegnungen war der Besuch beim Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa. © ÖOK Fotodownload
Christliche Schulen: Bildung gibt jungen Menschen Perspektiven
Christinnen und Christen sind im Heiligen Land eine Minderheit – rund 180.000 Menschen, etwa 1,8 Prozent der Bevölkerung, die meisten von ihnen arabische Christen. Bildung gilt als entscheidender Faktor, damit sie bleiben und eine Perspektive haben. In Nazareth betonte Direktor Awni Bathish von der Schule der Salvatorianerinnen: „Wir haben die Chance, die christlichen Kinder im Glauben zu stärken. Ohne unsere Schulen würden viele Familien das Land verlassen.“ Bildung sei der „Schlüssel zum Bleiben“. Exzellente Bildung gebe jungen Menschen Perspektiven – und der christlichen Gemeinschaft Zukunft. Vor Ort leben vier Salvatorianerinnen. Sr. Klara aus Deutschland ist seit 69 Jahren im Land. Sr. Mirjam aus Wien ist seit 2006 im Heiligen Land. Arbeitserlaubnis haben die Schwestern nicht – sie helfen als Freiwillige im Schulbetrieb mit.
Diesen Zusammenhang unterstrich auch Direktor Dietrich Bäumer von der Schmidt-Schule in Jerusalem: „Wir wollen unseren Schülerinnen Perspektiven bieten. Ausbildung ist ein Schlüssel, um den Christinnen im Land den Rücken zu stärken.“ Viele Eltern seien durch Krieg und Wirtschaftskrise arbeitslos geworden und könnten das Schulgeld kaum aufbringen. Aktuell kommt noch hinzu, dass Lehrkräfte fehlen, da sie in der Westbank wohnen und durch Checkpoints von Jerusalem abgeschnitten sind.
Zu Besuch in der Schule der Salvatorianerinnen. Sr. Klara (2.v.l.) ist seit 69 Jahren im Heiligen Land tätig. Sr. Mirjam von der Österreichischen Kongregation ist seit 2006 im Land. Rechts im Bild: Direktor Awni Bathish. © ÖOK Fotodownload
Ordensgemeinschaften im Heiligen Land
Rund 47 Männerorden und 70 Frauenorden sind im Heiligen Land präsent und tätig. „Das Ordensleben ist sichtbar und von großer Bedeutung“, betonte auch der Lateinische Patriarch von Jerusalem Pierbattista Pizzaballa bei einem Gespräch mit der Pilgergruppe.
Ordensgemeinschaften verstehen ihr Bleiben als bewusstes Zeichen. Im Kloster Tabgha am See Genezareth sagte P. Elias Pfiffi, der der Benediktinergemeinschaft der Dormitio Abtei in Jerusalem angehört: „Wir machen die Spirale von Hass und Gegenhass nicht mit.“ Trotz des Brandanschlags 2015 und massiver finanzieller Einbußen aufgrund der ausbleibenden Gäste durch die Corona-Pandemie und des jüngsten Krieges halte man die Tore offen. „Die Quantität der Begegnungen hat vielleicht abgenommen, die Qualität dafür zugenommen.“ Für die Gemeinschaft sei klar gewesen: „Wir bleiben solidarisch mit der Bevölkerung.“
Ähnlich äußerte sich Nikodemus Schnabel, Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem: „Wir haben beschlossen zu bleiben. Wir wollen keine Schönwettermenschen sein.“ Die Polarisierung habe seit Oktober 2023 deutlich zugenommen: „Wer Brücken bauen will, ist in der Defensive und steht oft unter Druck.“ Und doch erlebe die Gemeinschaft gerade jetzt geistliche Vertiefung: „Finanziell gehen wir geschwächt, spirituell gestärkt hervor.“ Menschen hätten in dieser Zeit neu nach Gott gesucht. Er berichtete aber auch von Anfeindungen: „Die Hooligans der Religionen greifen mich an. Sie spucken mich an oder versuchen mir das Brustkreuz herunterzureißen.“ Erst letzte Woche habe er zwei Anzeigen zur Polizei gebracht.
Eine andere Art der Hilfe leistet die Bäckerei der Salesianer Don Boscos in Bethlehem. Seit 134 Jahren versorgen sie damit bedürftige Menschen in der Geburtsstadt Jesu. Rund 20 Prozent der gebackenen Brote werden kostenlos an Bedürftige abgegeben.
Ein Stückchen Heimat in der Ferne: Die Pilger:innengruppe im Österreichischen Hospiz in Jerusalem. © ÖOK Fotodownload
Leben und Wirken im Westjordanland
Wie sehr das Bleiben ein Akt des Zeugnisses ist, erleben die Ordensvertreter:innen auch im Westjordanland. In Beit Emmaus in Qubeibeh leitet Sr. Dominika Zelent ein Alten- und Pflegeheim mit 38 Palästinenserinnen christlichen und muslimischen Glaubens, die jüngste 26, die älteste 95 Jahre alt. Sr. Dominika Zelent ist gemeinsam mit drei anderen Salvatorianerinnen und einer Franziskanerin vor Ort. In Qubeibeh selbst lebt nur eine christliche Familie.
Das Heim liegt im Westjordanland und ist nur über Checkpoints erreichbar – Ein- und Ausreise sind auch für die Delegation der Österreichischen Ordenskonferenz nur mit Sondergenehmigung möglich. Die meisten Mitarbeitenden sind Muslime, viele haben ihre Arbeitserlaubnis verloren. Beit Emmaus ist ein stilles, kraftvolles Zeugnis eines wertschätzenden Miteinanders.
Sr. Dominika Zelent (li.) leitet das Alten- und Pflegeheim Beit Emmaus in Qubeibeh im Westjordanland. © ÖOK Fotodownload
Hilfsorganisationen und Friedensprojekte
Wie sehr sich die Lage im ganzen Land verändert hat, schilderte Anton Asfar, Generalsekretär von Caritas Jerusalem: „Am 7. Oktober hat sich alles geändert.“ 180.000 Palästinenser haben ihre Arbeit verloren, die Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt. Zwei Mitarbeiter der Caritas Jerusalem sind getötet worden. Hilfe in Gaza und der Westbank sei schwierig, aber unerlässlich. Von den 177 Ehrenamtlichen sind 117 in Gaza stationiert. „Es ist immer ein Mensch, ein Gesicht, ein Schicksal“, sagt Asfar. Der Glaube gebe Kraft. Und er bittet: „Trauen Sie sich, für das Heilige Land zu beten.“
Dass Religion nicht trennen muss, sondern verbinden kann, zeigen Initiativen wie Tag Meir – auf Deutsch „Lichtzeichen“. Rund 100 Engagierte aus einem Netzwerk von fast 50 Organisationen gehen dorthin, wo im Namen Gottes Hass geschürt wird. Sie besuchen Opfer von Übergriffen, übermalen rassistische Schmierereien, organisieren Mahnwachen, bringen im Ramadan Wasser und Datteln zum Fastenbrechen. „Im Gegensatz zur Dunkelheit wollen wir Licht bringen. Wo jemand im Namen Gottes Hass verübt, setzen wir im Namen Gottes ein Gegenzeichen“, erklärten Vertreter:innen von Tag Meir bei einem Gespräch in der Dormitio Abtei in Jerusalem. Man wolle „eine andere Stimme“ sein und deutlich machen: „Wir Juden sind nicht so.“ Wichtig sei die unmittelbare Solidarität nach Übergriffen: „Wir müssen schnell vor Ort sein und den Menschen in die Augen schauen und ins Gespräch kommen.“ Eine Aktivistin sagte: „Ich will mir mein Judentum nicht von Extremisten nehmen lassen.“
Ein spannender Gesprächsabend mit Abt Nikodemus Schnabel von der Dormitio Abtei in Jerusalem und Vertreter:innen der Initiative „Tag Meir“. © ÖOK Fotodownload
Auch die jüdische Religionswissenschaftlerin Yisca Harani setzt sich mit ihrem Religious Freedom Data Center für Christen ein, dokumentiert Übergriffe und ermutigt, Anzeige zu erstatten. „Jerusalem ist wie ein Orchester mit drei Instrumenten. Nimmt man eines weg, funktioniert das Ganze nicht mehr“, sagte sie. Sie selbst beschreibt ihre Arbeit als „pick up the garbage“ – den Dreck auseinander sortieren. Allein im Jahr 2025 sind 181 Vorfälle von ihrer Organisation registriert worden, die meisten davon in Jerusalem. „Wir sind wie Moskitos, wir bleiben kontinuierlich dran. Solange wir hier sind, haben wir etwas zu tun“, sagt sie.
Die Religionswissenschaftlerin Yisca Harani setzt sich mit ihrem Religious Freedom Data Center für Christen ein. © ÖOK Fotodownload
„Die Welt hat keine Ahnung, dass es uns gibt“, sagte P. Piotr Zelazko, Patriarchalvikar für die Hebräisch-sprachigen Katholiken im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Innerhalb der lateinischen Katholiken sprechen 98 Prozent arabisch und nur zwei Prozent hebräisch. Die Gemeinschaft der Hebräisch-sprachigen Katholiken umfasst rund 1.200 Menschen. „Wir sind vielleicht klein, aber gerade deshalb können wir mutig sein.“ Er beschrieb die Mission seiner Gemeinde als Brücke zwischen katholischer Kirche und israelischer Gesellschaft – wissend, dass Brücken von beiden Seiten betreten und manchmal auch belastet werden.
Bei den Holzschnitzern von Bethlehem, die von der Initiative Christlicher Orient unterstützt werden. © ÖOK Fotodownload
Jerusalem – Sehnsuchtsort dreier Weltreligionen
Jerusalem selbst erschien als Brennpunkt und Symbol zugleich. Ost und West, Altstadt und Neustadt treffen hier aufeinander. Auf der Via Dolorosa begegnen einem muslimische Gläubige auf dem Weg zum Mittagsgebet im Ramadan; am Freitagabend strömen jüdische Familien in traditioneller Kleidung zum Sabbat in die Synagogen. Dazwischen die Pilgergruppe aus Österreich auf den Spuren Jesu. Ein dichtes, manchmal spannungsreiches Nebeneinander. Eine impulsive und laute Stadt, die einen in seinen Bann zieht. In keiner Stadt der Welt sind wohl die verschiedenen Religionszugehörigkeiten und ihr Gebetsrhythmus so sichtbar und spürbar wie in Jerusalem. Ein Ort, der für drei Weltreligionen Sehnsuchtsort ist.
Die Reise machte deutlich: Die Herausforderungen sind enorm – wirtschaftlich, gesellschaftlich, religiös. Doch ebenso spürbar ist die Entschlossenheit vieler, zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen – in Schulen, Klöstern, Pflegeheimen, sozialen Einrichtungen und Friedensinitiativen. Ihre zentrale Botschaft lautet: Das Heilige Land braucht internationale Aufmerksamkeit, verlässliche Partnerschaft, konkrete Unterstützung – und beharrliches Gebet.