Zu Besuch bei Kardinal Pizzaballa: „Wir brauchen mehr Empathie und weniger Urteile“

Vertreter:innen der Ordenskonferenz und der Initiative Christlicher Orient zu Besuch beim Lateinischen Patriarchen von Jerusalem (v.l.): Abt Reinhold Dessl (Stift Wilhering), ÖOK-Generalsekretärin Sr. Christine Rod, P. Laurentius Resch (ICO und Stift Seitenstetten), Kardinal Pierbattist Pizzaballa, ÖOK-Vorsitzende Sr. Franziska Madl und Salesianer-Provinzial P. Siegfried Kettner. © ÖOK/rm Fotodownload
Eine der komplexesten Diözesen der Welt
„Unsere Diözese ist die komplizierteste auf der ganzen Welt“, sagte Kardinal Pierbattista Pizzaballa. Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem betreut rund 340.000 katholische Christen, die in Israel, Jordanien, Zypern und den Palästinensischen Gebieten leben. Geschlossene Grenzen erschweren die seelsorgliche Betreuung in manchen Regionen erheblich, erzählte der Patriarch im Gespräch.
Der anhaltende Konflikt im Land sei für ihn persönlich äußerst schmerzhaft. Rund 70.000 Menschen seien in Gaza getötet worden, drei Viertel der Häuser zerstört. Sein Hauptanliegen sei es stets gewesen, „aus einer Glaubensperspektive auf die Wirklichkeit zu schauen: Wie können wir als Christen in diesem Schmerz leben?“
Dramatische Lage in Gaza
Derzeit leben in Gaza 541 Christinnen und Christen – vor dem 7. Oktober 2023 waren es etwa doppelt so viele. Rund 60 Christ:innen sind im Krieg ums Leben gekommen, einige konnten das Gebiet verlassen. Trotz eines aktuellen Waffenstillstands sterben weiterhin Menschen in Gaza an den Folgen des Krieges.
Der Wiederaufbau habe noch nicht begonnen. Das Bild in Gaza sei geprägt von Ruinen und Zelten und es fehle an grundlegender Infrastruktur, erzählte Kardinal Pizzaballa, der seit dem 7. Oktober 2023 vier Mal die Möglichkeit hatte, den Gazastreifen zu besuchen: „Kein Wasser, kein Strom, keine Kanalisation. Seit drei Jahren findet kein regulärer Schulbetrieb statt. Zwar gibt es derzeit Lebensmittel, doch es mangelt an Medikamenten, Antibiotika und Hygieneartikeln.“ Besonders dringend werden Babywindeln benötigt. Die Diözese bemühe sich, Hilfsgüter ins Land zu bringen, doch die notwendigen Genehmigungen zu erhalten, sei schwierig. Die Situation sei äußerst komplex und chaotisch, so der Patriarch.
Großen Dank sprach er allen katholischen Diözesen weltweit aus – für finanzielle Unterstützung, Solidarität und Gebet.

Eine Delegation der Österreichische Ordenskonferenz und der Initiative Christlicher Orient (ICO) hielt sich vom 14. bis 21. Februar 2026 im Heiligen Land auf. Ziel der Reise waren vor allem Begegnungen mit Christinnen und Christen vor Ort sowie mit jüdischen Persönlichkeiten und Bewegungen, die sich für Versöhnung und Gerechtigkeit einsetzen. (c) ÖOK Fotodownload
Religion darf nicht politisch instrumentalisiert werden
„Religion wird für politische Zwecke benutzt und radikalisiert sich – dieses Phänomen gibt es weltweit“, warnte Kardinal Pizzaballa. „Wir dürfen das Narrativ des Krieges nicht den Radikalen überlassen.“
Die Stimme der Kirchen sei derzeit nicht besonders laut und finde wenig Gehör. Umso wichtiger sei es, weiter das Gespräch zu suchen, den interreligiösen Dialog zu fördern und alles zu tun, um keine neuen Grenzen und Barrieren zwischen den Menschen entstehen zu lassen. „Wir dürfen keine Floskeln benutzen, sondern müssen ganz konkret sein.“
Drei Bitten an Europa
Auf die Frage, wie Christinnen und Christen in Europa konkret helfen können, formulierte der Patriarch drei Wünsche:
- Sagt den Menschen, dass sie willkommen sind. Es ist möglich, ins Heilige Land zu reisen.
- Betet für die Christen im Heiligen Land und für den Frieden. Wer glaubt, weiß um die Kraft des Gebets.
- Wir brauchen Empathie, statt vorschneller Urteile. „Bitte urteilen Sie nicht zu schnell.“
Sr. Franziska Madl überreichte dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem einen „süßen Gruß“ aus der Heimat Österreich. © ÖOK Fotodownload
Ordensleben im Heiligen Land
Im Heiligen Land sind 47 Männerorden und über 70 Frauenorden präsent. „Das Ordensleben ist sehr sichtbar und von großer Bedeutung“, betonte Kardinal Pizzaballa. Zugleich äußerte er große Sorge angesichts der Entwicklungen: Rund 90 Prozent der Häuser von Schwesterngemeinschaften bestehen nur noch aus zwei Schwestern; bei den Männerorden sei die Situation ähnlich. Das Durchschnittsalter der Ordensleute liege bei über 70 Jahren.
„Wenn Klöster geschlossen werden, verkleinert sich automatisch der Lebensraum der Christen“, warnte der Patriarch. Deshalb habe er auch das Gespräch mit Sr. Simona Brambilla, Präfektin des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens, gesucht. Dabei sei es um neue Formen der Zusammenarbeit und interkongregationelle Häuser gegangen. „Wir müssen kreativ sein“, so Pizzaballa.
Solidaritäts- und Begegnungsreise ins Heilige Land
Eine Delegation der Österreichische Ordenskonferenz und der Initiative Christlicher Orient (ICO) hielt sich vom 14. bis 21. Februar 2026 im Heiligen Land auf. Ziel der Reise waren vor allem Begegnungen mit Christinnen und Christen vor Ort sowie mit jüdischen Persönlichkeiten und Bewegungen, die sich für Versöhnung und Gerechtigkeit einsetzen.
Der Delegation gehörten unter anderem die Vorsitzende der Ordenskonferenz, Generalpriorin Sr. Franziska Madl, Generalsekretärin Sr. Christine Rod, Abt Reinhold Dessl vom Stift Wilhering, Salesianer-Provinzial P. Siegfried Kettner sowie der Prior von Stift Seitenstetten, P. Laurentius Resch, an.