UCESM-Generalsekretärin: Augen vor Menschenhandel nicht verschließen

Sr. Marjolein Bruinen (l.) hat anlässlich des Welttages gegen Menschenhandel auf die dramatischen Ausmaße des Menschenhandels aufmerksam gemacht. (c) ÖOK/emw
Sr. Marjolein Bruinen steht für viele Ordensfrauen, auch in Österreich, die sich an vorderster Front für die Opfer von Menschenhandel einsetzen. Das Interview fand anlässlich des kirchlichen Welttages gegen Menschenhandel (8. Februar) statt, den Papst Franziskus 2025 eingeführt hatte. Die Dominikanerin berichtete über ihre Arbeit: „Wir engagieren uns unter anderem für Aufklärung, ich selbst habe viele Vorträge in Schulen, Kirchengemeinden und Frauengruppen gehalten. Wir stehen oft im direkten Umfeld der Familien und sehen, was passiert, manchmal sogar früher als die eigenen Eltern, beispielsweise wenn es darum geht, dass die Kinder durch einen Loverboy oder ein Lovergirl verführt werden, die zunächst Liebe vortäuschen und dann zur Lösung eines vorgespielten gravierenden Problems die oft verliebten Opfer in die Prostitution locken.“
Unsichtbarkeit als großes Problem
Außerdem sorgten die Ordensfrauen für Schutz und Begleitung. „Wenn beispielsweise ein Opfer aus einem afrikanischen Land kommt, suchen wir dort vor Ort Klöster auf – und fragen, ob es nach Rückkehr dort unterkommen kann, da die Betroffenen fast nie zu ihrer eigenen Familie zurückkehren können“, erklärte Sr. Marjolein Bruinen. Zur Frage nach den größten Herausforderungen im Bereich Menschenhandel wies die Niederländerin u.a. auf das Problem der Unsichtbarkeit hin: „Das heißt, die Delikte geschehen hinter der Haustür.“ Die Betroffenen hätten auch Angst, zur Polizei zu gehen, „weil sie selbst schlechte Erfahrungen mit den Sicherheitskräften im eigenen Land gemacht haben“.
Schlimm sei auch die Unwilligkeit der Männer, Anzeige zu erstatten, wenn sie merken, dass eine Frau sich ihnen nicht freiwillig hingibt, sagte Sr. Marjolein Bruinen: „Wir hatten beispielsweise den Fall eines minderjährigen Mädchens, das an einem Wochenende 80 Männer in einem Hotel bedienen musste. Die Polizei fand Kondome in ihrem Mülleimer und konnte so einige Täter identifizieren und bei diesen Männern vorstellig werden. Die öffentliche Meinung wandte sich aber gegen die Polizei, weil man der Meinung war, dass sie damit Familien zerstörte.“
Unfassbare Brutalität
Die organisierte Kriminalität sei zudem unfassbar brutal. „Einmal bekam eine Frau zum Beispiel den abgetrennten Daumen ihres kleinen Kindes zugeschickt, als sie unwillig war, mitzuarbeiten. Solche Geschichten gibt es viele.“ Eine weitere Komponente sei die Armut: „Frauen, darunter auch promovierte Ärztinnen und Juristinnen, hoffen, in kurzer Zeit im wohlhabenden Ausland Geld zu sammeln, um in ihrem Heimatland eine Praxis aufzubauen. Aber sie haben keine Ahnung, wo sie landen werden.“ Krieg und damit verbundene erzwungene Flucht spielten auch eine Rolle. Und sehr wichtig: „Das Fehlen eines eigenen warmherzigen Zuhauses, das wird von Loverboys ganz gezielt ausgenutzt.“
Zur Frage, was ein „normaler Mensch“ in irgendeiner Stadt in Westeuropa gegen Menschenhandel tun kann, meinte die Ordensfrau: „Nach einem Vortrag habe ich immer gesagt: ‚Wenn jeder, der hier sitzt, diese Geschichte einer weiteren Person erzählt, und diese Person tut das auch, dann wird dieses Dorf bald sicherer sein.‘ Das gilt auch für unsere Breitengrade.“ Das Bewusstsein für die Problematik zu schaffen und die Augen vor derartigen Situationen nicht zu verschließen sei der erste Schritt dafür, „dem Menschenhandel und seinen vielfältigen Auswirkungen einen Riegel vorzuschieben“.
„Hoffnung nie aufgeben“
Sr. Marjolein Bruinen räumte freilich ein, dass es Situationen gibt, „in denen man wirklich am liebsten alles hinschmeißen würde, weil es scheint, als ob man nichts dagegen tun kann“. Alles, was man unternehme, sei natürlich auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Aber ohne diesen Tropfen wäre der Stein noch heißer, deshalb darf man die Hoffnung nie aufgeben“, sagte die Dominikanerin.
Quelle: kathpress