Solidarische Ökonomie: Fürnsinn und Mayrhofer beim Kongress

2013 02 20 Foto2 TEASERDie Gesprächsrunde der Ordensgemeinschaften am Kongress für Solidarische Ökonomie an der Wiener Universität für Bodenkultur zeigte das breite Spektrum von Solidarität in Ordensgemeinschaften. Gütergemeinschaft leben Schulschwestern anders als Chorherren. Der Austausch mit anderen Menschen guten Willens ist für alle wichtig.

 

Für die 25 Interessierten, die zur Gesprächsrunde mit Propst Maximilian Fürnsinn vom Stift Herzogenburg und Sr. Oberin Dr. Beatrix Mayrhofer von den Armen Schulschwestern gekommen waren, entwickelte sich eine interessante Diskussion über gelebte Solidarität in Ordensgemeinschaften. Das Gespräch fand im Rahmen des 2. Wiener Kongresses für Solidarische Ökonomie am Freitag, 22. Februar 2013, statt. Sr. Beatrix Mayrhofer erzählte als Präsidentin der Frauenorden Österreichs aus ihrer Erfahrung mit Gütergemeinschaft bei den Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau. Sämtliches Einkommen, das Lehrerinnen heute verdienen (früher verdienten lehrende Ordensschwestern nichts), bekommt die Gemeinschaft. Aus der Gemeinschaftskasse erhält jede Schwester 20,- Euro Taschengeld pro Monat und alles, was sie zum einfachen Leben braucht. Besitzungen hat die Schwesterngemeinschaft keine, sie lebt nur von dem, was die Ordensfrauen verdienen. Was in der Gemeinschaftskasse übrig bleibt, fließt in die Erhaltung von Schulgebäuden und in internationale Projekte. Der Orden hat Niederlassungen in vielen Ländern der Erde, unter anderem in Nepal und im Sudan. Auch dorthin fließt Geld aus den österreichischen Niederlassungen, es gibt eine internationale Solidarität in der Gemeinschaft.

 

 

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Jedem das Seine, heißt es im Stift

Propst Maximilian Fürnsinn schilderte in seinem Eingangsstatement eine andere Lage: Herzogenburg gehört zu den 30 relativ großen Stiften und Klöstern in Österreich, die auch beachtlichen Grundbesitz haben. Allerdings gibt es eine Trennung zwischen dem Gemeinschaftsleben der Chorherren und dem Wirtschaftsbetrieb. Der Konvent lebt nicht vom Grundbesitz, sondern vor allem von den Pfarrergehältern. Wer ein Einkommen hat, teilt mit denen, die keines haben, wie etwa Propst Fürnsinn als Vorsteher der Gemeinschaft. Aufgeteilt wird nach einem Schlüssel: Wer im Kloster wohnt, bekommt am wenigsten, wer in einem Pfarrhof wohnt und den Haushalt finanzieren muss, am meisten. Die Hierarchiestufe spielt bei der Aufteilung des Geldes keine Rolle. Propst Fürnsinn unterstreicht den Gedanken dahinter: Nicht jeder bekommt das Gleiche, sondern jeder bekommt, soviel er braucht. Dieser Satz sollte auch in der Gesellschaft außerhalb der Klostermauern eine wichtige Rolle spielen, ist Fürnsinn überzeugt.

Stifte geben Raum zur Begegnung mit Menschen guten Willens

Die Entscheidungsprozesse im Chorherrenkonvent laufen solidarisch ab. Die wichtigen Entscheidungen trifft der ganze Konvent gemeinsam. Was über den Grundbesitz erwirtschaftet wird, dient hauptsächlich der Erhaltung der „unheimlichen Großbauten“, erzählte Propst Maximilian, also des historischen Erbes, das mit der kulturellen Identität des Landes zusammenhängt. Er werde immer schwerer, diese Gebäude zu erhalten. Eine wesentliche Rolle kommt den Klöstern darin zu, dass sie Raum zur Verfügung stellen für Tagungen, Treffen, Diskussionen – Gelegenheiten, wo neue Visionen entwickelt werden, gemeinsam mit anderen Menschen guten Willens.

Orden können noch mehr im Sinne des Gemeinwohls wirken

In der Diskussion mit Kongressteilnehmenden wurde der Wunsch geäußert, dass es mehr Transparenz geben sollte, wenn Klöster etwa Grundbesitz kaufen oder verkaufen. Die Menschen in der Umgebung wollen informiert werden. Sonst entsteht viel Missmut im Umfeld. Ein anderer großer Wunsch, der immer wieder geäußert wurde, war, dass Orden, Stifte oder auch Ordensschulen Gemeinwohlprojekte unterstützen oder durchführen. „Die Kirche ist ein Teil des größeren Ganzen von Menschen guten Willens“, formulierte es ein Kongressteilnehmer. Gleichzeitig wurden Beispiele genannt, Orte, an denen ein Orden im Sinne des Gemeinwohls tätig wurde. Erwähnt wurde auch, dass es rund um Ordensgemeinschaften immer Sympathisantengruppen gibt, mit denen es wichtig ist, für konkrete Projekte in Kontakt zu kommen. Diese Art der Zusammenarbeit sollte noch ausgebaut werden.

Auch wer Armut gelobt, braucht etwas zum Leben

Sr. Beatrix Mayrhofer schilderte die Erfahrung, dass es immer wieder Missverständnisse gibt zwischen Ordensgemeinschaften und der Umgebung, aufgrund von Besitzfragen. Beispiel aus Oberösterreich: Eine Gemeinde sucht ein Grundstück für den Kindergarten und erwartet selbstverständlich, dass der Orden den Grund dafür gratis zur Verfügung stellt. Oder aus Tirol: Dort erhielten die Schwestern vor 120 Jahren ein Grundstück von einer Stifterin. In den vergangenen 120 Jahren arbeiteten sie in dieser Gemeinde unentgeltlich. Nun erwartet die Gemeinde, dass die Schwestern das Grundstück herschenken, für den Bau eines Veranstaltungszentrums. Dabei wird übersehen, dass die Schwestern 120 Jahre lang gratis für die Menschen in der Gemeinde gearbeitet haben. Und dass Ordensgemeinschaften auch ein bescheidenes Leben nicht völlig ohne Grundlage bestreiten können. Viele Gemeinschaften haben finanzielle Probleme, weil ein großer Teil der Schwestern pflegebedürftig ist und nur ein kleiner Teil der Schwestern noch berufstätig ist und ein Einkommen hat. Besonders spürbar ist die Not in kontemplativen Gemeinschaften, da das Bewusstsein für den Wert ihres Dienstes geschwunden ist und die die Unterstützungen aus der Bevölkerung, die sie über Jahrhunderte bekommen haben, nicht mehr erfahren. Andererseits leisten Orden immer noch, was sie können. In Wien hat ein Frauenorden ein Schutzhaus für Opfer von Menschenhandel gratis zur Verfügung gestellt.2013 02 20 Foto1 WEB

Vision und Regeln machen Solidarität erfolgreich

In der Diskussionsrunde anwesend war auch der Jesuitenpater Alois Riedlsperger, der die Frage „Wie kann solidarisches Wirtschaften gelingen?“ mit zwei Grundsätzen beantwortete, aus der Erfahrung der Orden: 1. Es gibt gemeinsame Perspektiven und 2. Es gibt klare Regelungen. Es ist wichtig zu wissen, wohin man gemeinsam will, welche Gesellschaft man zum Beispiel haben will. Klare Regeln, wie sie in Ordensgemeinschaften seit Jahrhunderten gelten, sind eine wichtige Grundlage für Verlässlichkeit und Stabilität. Das ist die Basis für Solidarität und für solidarisches Wirtschaften.

Solidarität im Schulbereich

Sr. Dr. Beatrix Mayrhofer brachte zahlreiche Beispiele der besonderen Solidarität mit denen, die es brauchen, aus dem Bereich der Schulen der Armen Schulschwestern. Unter anderem: Das Schulzentrum in der Wiener Friesgasse öffnet die Türen bereits um 6.45 Uhr. Das macht keine öffentliche Schule, weil die Frühbetreuungskosten zu teuer wären. Die Schulschwestern tun es, weil um diese Zeit bereits viele Kinder vor der Tür stehen. Es gibt viele Alleinerziehende, die ihren Dienst bereits um 7 Uhr beginnen, die ihr Kind in der Früh nicht mehr selbst beaufsichtigen können. Die frühen Öffnungszeiten bedeuten Solidarität mit ihnen. Ein weiteres Beispiel ist das Sozialpraktikum in der Oberstufe. Jede Schülerin und jede Schüler einer Ordensschule arbeitet in der 6. Klasse AHS in einer sozialen Einrichtung mit. Eine Erfahrung, die für viele prägend bleibt. Und weiters: Durch das internationale Ordensnetzwerk wissen die Schulschwestern von ihren Mitschwestern in anderen Kontinenten aus erster Hand über die Lebenswelten dort Bescheid und lassen diese Erfahrung auch im Unterricht einfließen bzw. geben die Informationen auch an Lehrkräfte in ihren Schulen weiter.

Der Austausch soll weitergehen

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmenden, dass es einen verdichteten Austausch zwischen Ordensgemeinschaften und anderen Gemeinschaften guten Willens braucht, und dass die Erfahrung der Orden mit dem Leben in Solidargemeinschaften eine unglaubliche Chance ist.2013 02 20 Foto3 WEB

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